Wahlsonntag

Frauenwahljahr war einmal – der Grosse Rat wird männlicher

2019 war Frauenjahr – 2020 zumindest im Aargau nicht.

2019 war Frauenjahr – 2020 zumindest im Aargau nicht.

Zwar erzielten zwei Frauen die besten Wahlergebnisse, der Frauenanteil im Grossen Rat sinkt mit den Wahlen vom Sonntag dennoch.

Mehr Frauen in den Grossen Rat, mindestens eine Frau in den Regierungsrat. Das wollte die überparteiliche Organisation «Helvetia ruft!» bei den kantonalen Wahlen vom Sonntag erreichen. Seit Frühling motivierten sich im Aargau Frauen gegenseitig, zu kandidieren und dafür zu sorgen, dass möglichst viele von ihnen gewählt werden. Der erste Teil ist gelungen, der Anteil Frauen auf den Listen hat deutlich zugenommen.

Nur gewählt wurden nicht nur nicht mehr, die Frauen sind in der kommenden Legislatur sogar schlechter vertreten als bis anhin. Im Regierungsrat ändert sich nichts, dort bleibt ihr Anteil bei Null. Im Grossen Rat werden es weniger. Haben die Aargauerinnen und Aargauer 2016 noch 51 Frauen ins Parlament gewählt, so waren es am Sonntag noch 44 von 140 Grossrats-Mitgliedern. Das sind 5 Prozent weniger. Dabei jubelten die Frauen vor einem Jahr noch, als bei den nationalen Wahlen die 16-köpfige Aargauer Nationalratsdelegation mit neun Parlamentarierinnen eine kleine Frauenmehrheit bekam. Insgesamt wurde das nationale Parlament so weiblich wie nie, 2019 wurde zum «Frauenwahljahr».

Das sind die gewählten Grossräte:

Nur bei der SP sind Frauen in der Mehrheit

«Ich bin sehr erstaunt, dass in dieser Stimmung nicht auch jetzt mehr Frauen gewählt wurden», sagt Colette Basler, wiedergewählte Grossrätin der SP und Botschafterin von «Helvetia ruft!». Als Gründe macht die Bäuerin aus Zeihen die Üblichen aus: Die Vereinbarkeit von Familie und Karriere sei für Frauen noch immer schwieriger als für Männer. Auch trauten sich Frauen häufig weniger zu als ihre Kollegen, stellt Basler fest, es brauche oft mehr Überzeugungsbemühungen, bis sie sich für ein Amt zur Verfügung stellten. Und dann spiele natürlich auch das Wählerverhalten eine grosse Rolle, man wähle nach vielen Faktoren.

Die SP schwingt oben aus: Die Grafik zeigt den Frauenanteil unter den Gewählten sowie unter den Kandidierenden, nach Parteien.

Die SP schwingt oben aus: Die Grafik zeigt den Frauenanteil unter den Gewählten sowie unter den Kandidierenden, nach Parteien.

Immerhin habe ihre eigene Partei ihre Hausaufgaben diesbezüglich gemacht, sagt Basler – zumindest für den Grossen Rat. Die SP hat zwar unverändert 12 Frauen in ihrer Fraktion, da sie aber vier Sitze verloren hat und noch 23 Parlamentarier stellt, sind die Frauen in Zukunft in der Mehrheit, bei allen anderen Fraktionen bleiben sie in der Minderheit. Leicht steigern konnten die Grünen ihren Frauenanteil, derzeit sind zwei ihrer zehn Grossratssitze von Frauen besetzt, in der neuen Legislatur sind es 5 von 14. Die GLP hat neu vier Frauen und insgesamt 13 Sitze (aktuell 3 Frauen bei 7 Sitzen). Bei der CVP sind 6 von 18 Gewählten Frauen (derzeit 7 von 17), bei der FDP 5 von 21, das sind drei weniger als heute bei 22 Sitzen. Die EVP hat mit Therese Dietiker unverändert eine Frau in ihren Reihen und die EDU unverändert keine. Von der SVP, die neu 43 Grossratsmandate hat, sind elf Frauen. Das sind drei weniger als heute, allerdings hat die Partei auch zwei Sitze verloren.

SVP-Frau mit bestem Resultat aller

Obwohl die SVP bei «Helvetia ruft!» als einzige Grossratspartei (ausser der EDU) keine Delegierte stellte, kommt das beste Wahlresultat aller Kandidierenden von einer SVP-Frau: Michaela Huser erreichte 10033 Wählerstimmen. Das nächstbeste Resultat schaffte ebenfalls eine Frau, Simona Brizzi (SP) holte 9044 Stimmen.

Arbeit von «Helvetia ruft!» war nicht vergebens

Suzanne Marclay, Aarauer Stadträtin und FDP-Grossrätin, ist ebenfalls Delegierte von «Helvetia ruft!». Es sei bedauerlich, dass es nicht gelungen ist, den Frauenanteil zu erhöhen, «aber wir betreiben Aufbauarbeit und versuchen langfristig, Frauen in der Politik zu fördern», sagt sie. Die vielen Kandidatinnen könne man bei nächsten Wahlen leichter motivieren, mitzumachen, «im nächsten Jahr sind etwa Einwohnerratswahlen. Da können wir davon profitieren», so Marclay. Die Arbeit von «Helvetia ruft!» sei deshalb keinesfalls verloren.

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