Für Gemeinden geht es um Geld. Für Patientinnen und Patienten um Lebensqualität. Für freischaffende Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner um ihre berufliche Existenz. Die Kosten für Pflegematerialien konnten Heime, Spitex und freischaffende Pflegefachkräfte bis vor kurzem separat über die Krankenkassen abrechnen. Seit diesem Jahr ist das anders. Im September 2017 hatte das Bundesverwaltungsgericht eine Klage der Krankenkassen gutgeheissen. Seither müssen die Kassen die Kosten für Pflegematerial, das durch Fachpersonen angewendet wird, nicht mehr übernehmen.

Patrick Bindschedler betreibt seit mehreren Jahren eine Wundpraxis im Aarauer Schachen. Das Team – alles freischaffende Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner – kümmert sich um Patienten mit schlecht heilenden akuten und chronischen Wunden, die von den umliegenden Spitälern und Hausärzten zugewiesen werden. Eine Arbeit, für die es Fachwissen und hochwertiges Material braucht. Eine komplexe Wunde heilt nicht unter einem einfachen Pflästerli.

Billigeres Material

Bindschedler ist direkt vom Urteil betroffen: «Die Krankenkassen haben die Zahlungen im April eingestellt», sagt er. Weil die Kosten nicht auf die Patienten überwälzt werden dürfen, müssten eigentlich die Gemeinden als Restkostenfinanzierer einspringen. Das Gesundheitsdepartement hat die Gemeinden mit der Gemeindeammännervereinigung wiederholt darauf hingewiesen. Doch viele Gemeinden zahlen nicht. Patrick Bindschedler sitzt seit April auf offenen Rechnungen für Pflegematerial. Im Juli habe er 70 Rechnungen an 18 Gemeinden verschickt. Nicht alle haben bezahlt. Die säumigen Zahler argumentierten, die Empfehlungen des Gesundheitsdepartements und der Gemeindeammännervereinigung würden keiner rechtliche Grundlage entsprechen.

Obwohl die Situation schwierig ist, will Patrick Bindschedler nicht aufgeben. Er habe angefangen, günstigeres Material einzusetzen. «Das geht aber klar zulasten der Lebensqualität der Patienten.» Ein solches Pflaster muss häufiger gewechselt werden. Ein Patient muss deshalb vielleicht alle zwei Tage anstatt einmal pro Woche in der Praxis vorbeikommen.

Ein faktisches Berufsverbot

Um die Praxis längerfristig weiterzuführen, reicht aber günstigeres Material nicht. Patrick Bindschedler musste bereits Patienten abweisen oder langjährigen – häufig chronisch kranken – Patientinnen erklären, dass sein Team sie nicht mehr weiterbehandeln könne, weil niemand das Material bezahle. Das tue ihm jeweils sehr Leid. «Aber das finanzielle Risiko ist zu gross.» Alternativen für die Patienten sind rar. Das Urteil betrifft alle ambulanten Leistungserbringer und die Spitex. Es bleiben noch die Ambulatorien der Spitäler. «Sie sind die Einzigen, die auf die Behandlung komplexer Wunden spezialisiert sind und das Material noch abrechnen können», sagt Bindschedler. Die Behandlung in einem Spital sei aber auch wesentlich teurer.

Erik Grossenbacher vom Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner Aargau-Solothurn hat wenig Verständnis für die aktuelle Situation. «Das Wohl der Patientinnen und Patienten, das eigentlich im Zentrum stehen sollte, geht neben dem juristischen Hin und Her einfach vergessen.» Die Folgen könnten im Einzelfall drastisch sein. «Wird ein Fuss oder Bein über längere Zeit nicht fachgerecht versorgt, muss im allerschlimmsten Fall amputiert werden. So weit darf es nicht kommen.»

Auch für die freiberuflichen Pflegefachpersonen sei die aktuelle Situation belastend. «Wer mit kostenintensivem Pflegematerial arbeitet, ist in seiner beruflichen Existenz bedroht. Das wirkt wie ein Berufsverbot.»

Einige Gemeinden zahlten

Am Tag, an dem die AZ bei Patrick Bindschedler zu Besuch war, hatte er einen letzten Versuch unternommen, die säumigen Gemeinden umzustimmen. Er hat Zahlungserinnerungen verschickt und rechtliche Schritte angekündigt, wenn sie nicht bezahlen. Das habe geholfen, informiert er ein paar Tage später. Inzwischen habe etwa die Hälfte der Gemeinden bezahlt.

Die rechtliche Lage sei in seinen Augen klar. «Die Gemeinden müssen als Restkostenfinanzierer bezahlen, auch wenn das für sie sicher nicht die ideale Lösung ist.» Aber er brauche das Geld jetzt. «Wir können es uns nicht leisten, zu warten, bis die Politik eine Lösung findet.»