Nach Corona-Podium

«Gallati ist nicht länger tragbar»: Juso Aargau fordert Regierungsrat zum Rücktritt auf – Glarner verteidigt ihn

Jean-Pierre Gallati wird derzeit kritisiert.

Jean-Pierre Gallati wird derzeit kritisiert.

Die Jungsozialisten kritisieren den Gesundheitsdirektor für seinen Auftritt am Podium der lösungsorientierten Volksbewegung. Jean-Pierre Gallati habe die Veranstaltungen weiterlaufen lassen, obwohl beispielsweise der Abstand nicht eingehalten wurde. Jetzt springt ihm Parteikollege Andreas Glarner zur Seite.

Mehrere 100 Personen haben sich am vergangenen Freitag in Aarau auf dem Schlossplatz versammelt. Während zwei Stunden verfolgten sie die Diskussion auf dem Podium. Politikerinnen und Politiker und Corona-Skeptiker debattierten über die Corona-Pandemie und ihre Massnahmen. Organisiert hat den Anlass die lösungsorientierte Volksbewegung. 

Gesundheitsdirektor schaut zu, während Abstandsregel verletzt wird

Im Publikum hat niemand eine Maske getragen, zur Begrüssung wurde die Hand gereicht und auch der Abstand wurde nicht eingehalten. Das alles geschah vor den Augen von Gesundheitsdirektor Jean-Pierre Gallati. Er hat am Podium eine Ansprache gehalten. Zwar hat er das Publikum ermahnt, den Mindestabstand einzuhalten. Allerdings erntete er dafür nur Lachen.

Erhitzte Gemüter am Corona-Podium in Aarau

Erhitzte Gemüter am Corona-Podium in Aarau

  

Er habe zugesagt, weil eine solche Haltung auch Platz haben dürfe und er Sympathien für deren Haltung habe, sagte Gallati im Vorfeld zur AZ. Wenn jemand sage, Corona gebe es nicht, dann versuche er halt mit ihm über Zahlen und über die Realität zu reden, so Gallati. «Und wenn er sagt, die behördlichen Massnahmen seien übertrieben, werde ich auch mit ihm reden und ihm teilweise vielleicht sogar recht geben.» Grundsätzlich rede er mit allen.

Für die Juso ist Gallati «nicht länger tragbar»

Nun wird er für seinen Auftritt kritisiert. Mehr noch: Die Juso Aargau fordert Gallati auf, aus dem Regierungsrat zurückzutreten. «Es wäre fahrlässig, weiterhin die Gesundheit der Aargauer Bevölkerung jemanden zu überlassen, der eine Veranstaltung mit Verschwörungstheoretiker*innen und Corona-Leugner*innen ohne jegliche Schutzmassnahmen besucht und Sympathien für deren Haltung hat», heisst es in der Mitteilung der Partei.

Die Jungsozialisten kritisieren, Gallati verschaffe den «gefährlichen Behauptungen» der Corona-Skeptiker durch seinen Auftritt Legitimität. Sie kreiden ihm an, dass er die Veranstaltung weiterlaufen liess, «nachdem er bemerkte, dass das Publikum ohne Abstand und ohne Masken zusammenstand». Für Juso-Aargau-Präsidentin Lara Hitz ist klar: «In seiner momentanen Funktion als Gesundheitsdirektor gefährdet Jean-Pierre Gallati die Aargauer Bevölkerung und ist deshalb nicht länger tragbar.»

Glarner findet Diskussionen wertlos

Gallati sagt auf Anfrage der AZ, dass er die Kritik an seinem Entscheid verstehe. Er habe vor Ort die Informationsfreiheit höher gewichtet als die Einhaltung aller Vorschriften. Es sei ein spontaner Entscheid in der Situation gewesen, so der Gesundheitsdirektor.

Ein Entscheid, den Andreas Glarner, Präsident der SVP Aargau, versteht. Glarner findet, die Forderung der Juso sei keine Diskussion wert. «Wir sind in der Schweiz und nicht in Nordkorea. Bei uns gilt die Meinungsfreiheit.» Ausserdem spielt Glarner den Ball an die Jungsozialisten zurück: «Sie wären die ersten, die sich über die Einschränkung der Versammlungsfreiheit beklagen würden, wenn eine ihrer Demos aufgelöst würde.»

«Alle Personen hätten den Abstand einhalten können»

Zuständig für das Schutzkonzept sind die Organisatoren. Daniel Ringier, Kommandant der Stadtpolizei Aarau, die den Anlass bewilligt hat, sagt, ein Schutzkonzept sei verlangt worden und Teil der Bewilligung gewesen. Theres Schöni von der Lösungsorientierten Volksbewegung sagt, es sei für alle Personen möglich gewesen, den Abstand einzuhalten. Dazu zwingen könne man aber niemanden.

Die Polizei war am Freitag zwar vor Ort. Aber nicht, um einzuschreiten. Die Veranstaltung abzubrechen, sei nicht zur Debatte gestanden, sagt Ringier. Es gebe immer verschiedene Punkte, die eine polizeiliche Lagebeurteilung und das Verhalten der Einsatzkräfte beeinflussten, sagt er. Diese seien gegeneinander abzuwägen. «Gestützt darauf und aus Gründen der Verhältnismässigkeit wurde die Veranstaltung so belassen, wie sie stattfand.» Ob die Veranstaltung für die Organisatorin ein Nachspiel haben wird, ist noch unklar. Die Stapo prüft derzeit die Abläufe und die daraus allenfalls notwendigen Massnahmen.
Kapo und Stapo waren am Freitag auf den Schlossplatz ausgerückt, weil eine Meldung eingegangen war, dass sich eine Gruppe am Rande der Veranstaltung verdächtig verhalte und den Anlass gewollt stören könnte, sagt Kapo-Sprecher Roland Pfister. Die Polizei habe daraufhin mehrere Personen kontrolliert, aber kein strafbares Verhalten festgestellt. Auch von Veloketten oder Wasserpistolen, welche die Personen dabei haben sollten, fehlte jede Spur.

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