Interview
Gallati verteidigt Ladenschliessungen: «Ich rufe alle Aargauerinnen und Aargauer auf, möglichst zuhause zu bleiben»

Am Freitag hat der Regierungsrat beschlossen, die Läden zu schliessen. Bürgerliche Parteien und das Gewerbe verlangen, dass die Läden sobald wie möglich wieder öffnen. Gesundheitsdirektor Jean-Pierre Gallati sagt, warum das die aktuelle Situation nicht zulässt und welche drastischen Folgen ein Kollaps des Gesundheitswesens bedeuten würde.

Noemi Lea Landolt
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Die Spitäler könnten einen weiteren Anstieg kaum verkraften. «Das ist der Grund für die starken Massnahmen», sagt Jean-Pierre Gallati.

Die Spitäler könnten einen weiteren Anstieg kaum verkraften. «Das ist der Grund für die starken Massnahmen», sagt Jean-Pierre Gallati.

Henry Muchenberger

Der Gewerbeverband und die bürgerlichen Parteien fordern, die Läden wieder zu öffnen. Haben Sie dafür Verständnis?

Jean-Pierre Gallati: Ja, als langjähriger Gewerbler in meinem früheren Beruf verstehe ich das gut. Als Gesundheitsdirektor bin ich für das aargauische Gesundheitswesen und dessen Funktionieren verantwortlich. Angesichts der nun seit zwei Wochen auf bereits zu hohem Niveau steigenden Infektionen und der hohen Belastung der Spitäler droht – je nach Reproduktionswert – ein Kollaps der Intensivstationen am 1. oder 15. Januar. Das wäre eine Katastrophe, weil dann für dringende Eingriffe und Behandlungen sowie für Notfälle die Kapazitäten fehlen.

Und um das zu verhindern, müssen Läden geschlossen werden?

Ja. Die vom Bundesrat beschlossene Schliessung der Restaurants reicht nicht aus, um das Virus abzubremsen. Das wissen wir von anderen Kantonen. Die Romandie hat gezeigt, wie vorzugehen ist. Deshalb hat sich der Regierungsrat schweren Herzens entschieden, die Läden zu schliessen.

Vergessen die Kritiker, dass es um Menschenleben geht?

Nein, das glaube ich nicht. Auch am wirtschaftlichen Wohlbefinden hängen viele Existenzen. Das weiss der Regierungsrat, dessen Mitglieder übrigens alle während vieler Jahre selber im Gewerbe gearbeitet haben. Er setzt sich auch für Unterstützungsangebote an notleidende Unternehmen ein, jetzt und in Zukunft.

Für Verwirrung sorgen auch die Ausnahmen und ungleichlangen Spiesse. Warum so kompliziert?

Das Regime ist eigentlich das gleiche wie im Frühling. Aus Überlegungen der Kundenfreundlichkeit haben wir aber auf Sortimentseinschränkungen von Läden abgesehen, die überwiegend Güter des täglichen Bedarfs verkaufen. Eine solche Einschränkung würde den anderen Geschäften auch nichts nützen, aber die Kundschaft treffen.

Bisher war Ihnen eine Absprache mit den umliegenden Kantonen wichtig. Warum dieses Mal nicht?

Wir stehen in ständigem Kontakt mit unseren Nachbarkantonen und pflegen einen guten Austausch. In der «besonderen Lage», in der wir uns befinden, muss aber jeder Kanton immer die Entscheide treffen, die er für sich zum fraglichen Zeitpunkt als angemessen erachtet. Die Entwicklung in der letzten Woche und besonders die steigenden Fallzahlen in Kombination mit Überlastungsanzeichen unserer Spitäler haben es nicht zugelassen, dass wir für Absprachen noch eine weitere Woche verlieren. Gerne hätten wir wegen des Weihnachtsverkaufs noch zugewartet. Aber das Risiko, dass die Spitäler dann im Januar kollabieren, war zu hoch.

Bringt ein Alleingang etwas, um die Zahlen zu senken? Die Aargauer Bevölkerung erledigt ihre Weihnachtseinkäufe jetzt einfach in den Nachbarkantonen.

Die Massnahmen sind nur so erfolgreich, wie sie die Bevölkerung akzeptiert und lebt. Wir sind überzeugt, dass sich ein Grossteil der Aargauerinnen und Aargauer solidarisch verhalten wird und die Massnahmen mitträgt. Dass einige Personen ausscheren, ist kein Grund, auf das Prinzip Hoffnung zu setzen und nichts zu tun. Dafür steht zu viel auf dem Spiel.

Rechnen Sie damit, dass andere Kantone nachziehen?

Ja, es ist damit zu rechnen, dass auch andere Kantone die Läden schliessen werden. Gestern hat der Solothurner Regierungsrat einen ähnlichen Beschluss gefasst wie wir.

Denkt der Regierungsrat über weitere Massnahmen nach? Müsste nach den Ferien länger oder auch an der Volksschule Fernunterricht stattfinden?

Es ist die Aufgabe des Regierungsrats, das Gesundheitssystem zu erhalten. Er nimmt laufend unter Einbezug aller Leistungserbringer und von Experten Lagebeurteilungen vor und zieht auch weitere Massnahmen in Betracht für den Fall, dass sich die Lage verschlimmert.

Das oberste Ziel ist es, die Spitäler vor dem Kollaps zu bewahren. Wie dramatisch ist die Situation?

Ein aargauisches Kantonsspital hat mir gestern wieder eine 100-Prozent-Auslastung bestätigt. Reserven sind im Aargau kaum mehr vorhanden. Der limitierende Faktor ist das Pflegepersonal, welches sich seit Beginn der Pandemie vorbildlich und bis über die Leistungsgrenze hinaus engagiert und aufopfert. Hinzu kommen Ausfälle von an Covid erkranktem Personal, was jeweils zu Bettenschliessungen führt. Schon im November war fraglich, wie lange die Durchhaltefähigkeit dauern würde. Wir brauchen eine massive Senkung der Hospitalisationen, um die Lage zu entschärfen. Schon heute verschieben die Spitäler viele nicht dringliche, aber nötige Eingriffe, was gesundheitliche Risiken schafft. Aber auch solche Eingriffe müssen irgendeinmal nachgeholt werden.

Haben Sie sich vor Ort ein Bild gemacht? Was hat Sie beeindruckt?

Die Ruhe, der Teamgeist und die hohe Professionalität, mit der das Pflegepersonal und die Ärzte die Patienten versorgen. Man merkt, dass die Spitäler viel gelernt haben in der ersten Welle. Aber gleichzeitig wird deutlich, dass es eine fragile Situation ist: Ein weiterer Anstieg der Fälle oder eine Zunahme der personellen Ausfälle würde zwangsläufig in eine Katastrophe münden. Deshalb rufe ich alle Aargauerinnen und Aargauer auf, möglichst zuhause zu bleiben, um so das Virus zu bremsen.

War die Überlastung des Gesundheitswesens nicht vorhersehbar?

Seit dem Spätherbst war klar, dass eine monatelange Stabilisierung der Fallzahlen irgendeinmal zur Überlastung führen würde. Alle hofften auf eine Senkung der Fallzahlen dank der damaligen Massnahmen. Wir hatten über Wochen eine Plafonierung auf hohem Niveau, und die Spitäler beherrschten die Situation, wenn auch unter grossen Anstregungen.

Würden Sie rückblickend früher eingreifen oder etwas anders machen?

Hätte ich vor zwei Wochen gewusst, dass der Fallzahlenanstieg kommt und sich verstetigt und dass der Bundesrat seine angekündigten Massnahmen nicht beschliesst, hätte ich ein schnelleres Vorgehen gewählt.

Die Festtage stehen vor der Tür, ohne dass die Fallzahlen gesunken sind. Verkraften die Spitäler einen weiteren Anstieg?

Nach meiner Beurteilung höchstens kurzfristig, wenn überhaupt. Das ist der Grund für die starken neuen Massnahmen.

Was droht?

Eine Überlastung der Spitalkapazitäten und der Kollaps der Intensivstationen. Das hätte für unsere Bevölkerung dramatische Folgen. Alle Aargauerinnen und Aargauer müssen die nötige Spitalbehandlung erhalten, sowohl bei Krankheit als auch bei Unfall! Das wäre dann in Gefahr.

Hat es Sie überrascht, dass der Bundesrat letzten Freitag bei den Verschärfungen nicht weiter gegangen ist?

Damit habe ich aufgrund der Erfahrungen der vergangenen Monate gerechnet. Deshalb habe ich bereits in der AZ vom letzten Donnerstag dargelegt, dass der Regierungsrat in diesem Fall weitere Massnahmen beschliessen wird. Der Bundesrat hat Restaurants, Sportbetriebe, Kultur- und Freizeiteinrichtungen geschlossen. Der Regierungsrat ist der Ansicht, dass diese Massnahmen für den Kanton Aargau nicht ausreichen.

Wie erklären Sie sich, dass der Bundesrat bei den Verschärfungen nicht weiter gegangen ist?

Dafür habe ich keine schlüssige Erklärung, und ich will nicht spekulieren.