Konzerninitiative

Gegen Initiative aber für Gegenvorschlag: Aargauer Unternehmer wollen nicht haften, sondern berichten

Noch eine Woche bis zum Abstimmungssonntag am 29. November: Felix Schönle (Wernli AG, Rothrist), Peter Gehler (Siegfried AG, Zofingen) und Stephan Wartmann (Brugg Group, Brugg) erklären, warum sie gegen die Konzernverantwortungs-Initiative, aber für den Gegenvorschlag sind.

«Ökologische Nachhaltigkeit ist uns wichtig. Darum setzen wir Wasser, Energie und Werkstoffe so effizient und effektiv wie möglich ein», liest man auf der Website der Brugg Group. Die Siegfried AG aus Zofingen schreibt, dass Nachhaltigkeit für die Life-Science- Branche «mehr als ein Schlagwort» sei.

Vertreter dieser Aargauer Firmen betonen, dass dies keine Floskeln seien. Menschenrechte und Nachhaltigkeit seien ihnen wichtig – dennoch sind sie gegen die Konzernverantwortungs- Initiative. Stattdessen sprechen sich die Unternehmer für den Gegenvorschlag dazu aus, der bei einem Nein zur Initiative automatisch in Kraft tritt.

Die Initiative verlangt, dass Unternehmen mit Sitz in der Schweiz haften, wenn Tochterfirmen und wirtschaftlich abhängige Lieferanten im Ausland Menschenrechte und Umweltstandards verletzen. Der Gegenvorschlag bringt keine Haftung, sondern verpflichtet Firmen zu einer stärkeren Sorgfaltsprüfung bei möglicher Kinderarbeit und bei Mineralien aus Konfliktgebieten und Berichterstattung.

«Helfen ja, aber doch nicht so» lautet das Motto der Handelskammern, Komitees und Parteien, die sich gegen die Initiative einsetzen, den Gegenvorschlag aber als valide Alternative sehen. Das tue man nicht nur, um die Bevölkerung davon abzuhalten, am 29. November Ja zu stimmen: «Die Initiative hat sehr viel erreicht: Sie hat den Gegenvorschlag ermöglicht. Schade ist nur, dass die Initianten danach ihren Text nicht zurückgezogen haben», sagt Stephan Wartmann, CEO der Brugg Group.

«Ich halte einmal mehr fest: Den Grundwerten, die die Initiative verteidigt, ist überhaupt nichts entgegenzusetzen.» Das sagt auch Felix Schönle, der Inhaber der Wernli AG in Rothrist: «Gerade als Schweizer Unternehmen müssen wir hohe Standards setzen.» Die Wernli AG stellt Verbandmaterial her und hat kürzlich für die Herstellung von Schutzmasken 80 Mitarbeitende zusätzlich angestellt.

Handlungsbedarf ist anerkannt, Initiative wird trotzdem bekämpft

Alle drei Firmen sind stark international tätig und überzeugt, dass die Initiative auch sie treffen würde. Die Wernli AG importiert Baumwolle aus diversen Ländern, Siegfried pflegt Geschäftsbeziehungen zu China, die Brugg Group hat Liegenschaften in Indien, China, Südafrika oder Chile. Alle fürchten sich vor möglichen Klagewellen.

Stephan Wartmann sagt, er setze sich seit eh und je für korrekte Arbeitsbedingungen in Drittländern ein: «Als ich für die Tochterfirma Geobrugg der Brugg Group in Indien arbeitete, konnten wir auf Baustellen, wo wir als Systemlieferant involviert waren, internationale Arbeitsstandards durchsetzen. Das war eine zukunftsgerichtete Entscheidung, die in Indien vielerorts übernommen wurde und mittlerweile wohl Hunderte Menschenleben rettete und Tausende Unfälle verhinderte.»

Dass er nun Rechenschaft ablegen und stets unter Verdacht stehen soll, Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden zu dulden, stört ihn zutiefst: «Die Initianten lassen keine Zweifel aufkommen, dass es eine gute und böse Seite gibt und wer jeweils wo steht.»

Andere sehen ihre Konkurrenzfähigkeit im Markt gefährdet: Peter Gehler von der Siegfried AG spricht von verschieden langen Spiessen: «Wenn Schweizer Firmen nicht mehr konkurrenzfähig sind, werden sie sich aus gewissen Märkten, zum Beispiel aus Afrika, zurückziehen. Ob diejenigen, die die Lücken füllen, unsere Vorstellungen von Menschenrechten und Umweltschutz teilen, wage ich zu bezweifeln.» Wartmann rechnet bei einem Ja mit Verlagerungen von Arbeitsplätzen und Steuergeldern im Ausland.

Alle drei Unternehmer sagen, dass sie kaum über die ganze Lieferkette glaubwürdige Informationen sammeln könnten, die sie im Fall einer Klage schützen würden: «Die Frage ist, was ein finanziell abhängiger Zulieferer ist», sagt Felix Schönle. «Ich kaufe im Jahr vielleicht 150 Tonnen Baumwolle ein. Je nach dem, wo ich einkaufe, ist der Lieferer wahrscheinlich von mir abhängig. Wie soll ich nun dafür sorgen, dass alle Standards eingehalten sind? Kann ich seinem Bericht trauen, oder soll ich hinfahren und mich selbst vergewissern?», fragt der Verbandshersteller.

Peter Gehler spricht von der Durchschlagskraft von Hilfswerken und anderen Nichtregierungsorganisationen (NGOs): «Der Reputationsschaden und die Kosten bei einer Klage wären sehr gross, selbst wenn der jahrelange Prozess schliesslich gewonnen würde. Darauf sind die NGOs konkret aus.»

Unternehmer: Gegenvorschlag ist alles andere als zahnlos

Der Gegenvorschlag bietet deswegen für sie eine Alternative, die sie begrüssen. Schönle füllt bereits zwei- bis dreimal pro Woche Fragebogen zu seinen Aktivitäten für Kunden aus. «Da habe ich gar kein Problem, entsprechende Fragebogen meinen Lieferanten zuzuschicken, speziell bei heiklen Bereichen wie die Baumwollindustrie.»

Wartmann ist zuversichtlich, dass Schweizer Unternehmen den Berichterstattungspflichten aus Überzeugung nachkommen werden, «und wir den internationalen Standards, wie zum Beispiel den OECD-Leitsätzen für multinationale Unternehmen mehr Gewicht beimessen können.» Einmal mehr bekräftigt Gehler, dass die Wirtschaft nicht auf das Initiativkomitee gewartet habe, um Standards zu setzen.

«Ich komme aus einem sehr regulierten Sektor, der Pharmabranche. Ich würde Sie gerne mal einladen, bei einem Investorengespräch dabei zu sein. Was diese zusammen mit Finanzanalysten heute für Fragen stellen, wenn es um die Corporate Responsibility geht, können Sie sich gar nicht vorstellen», erzählt er.

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