Bosnische Gemeinschaft

Gemässigter Imam landet in Aarau vor Gericht – wegen einer Intrige von radikalen Gläubigen?

23 Jahre lang war der Bosnier Muris Puric Imam in Oberentfelden – dieses Foto wurde 2015 aufgenommen, als er noch im Amt war.

23 Jahre lang war der Bosnier Muris Puric Imam in Oberentfelden – dieses Foto wurde 2015 aufgenommen, als er noch im Amt war.

Der bosnische Imam Muris Puric steht vor dem Aarauer Bezirksgericht. Eine radikale Gruppe aus seiner Glaubensgemeinschaft habe versucht, ihn mittels Betrugsvorwürfen absetzen zu lassen, sagt sein Verteidiger. Beim Streit habe es sich um eine Meinungsverschiedenheit auf privater und nicht religiöser Ebene gehandelt, entgegnet der muslimische Verein.

23 Jahre lang arbeitete Muris Puric im Vereinsbegegnungszentrum der Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken des Kantons Aargau als Imam. Nun sitzt der 51-Jährige vor dem Aarauer Bezirksgericht. Er trägt eine weisse Gebetsmütze und wippt nervös mit dem Fuss. Er sieht besorgt aus und wirkt, als sei er sich nicht sicher, weshalb er als Beschuldigter hier sitzt.
Die Anklage der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau lautet auf Betrug und Veruntreuung.

Puric hat mit seinem Verteidiger Einsprache gegen einen Strafbefehl eingelegt. Die Zivil- und Strafkläger, acht an der Zahl, sind bei der Verhandlung nicht anwesend. Ein Anwalt aus Zürich vertritt sie. Der einstimmige Vorwurf: Puric soll sich ein höheres Monatsgehalt erschlichen haben, indem er dem Verein, für den er als Imam arbeitete, falsche Zeugnisse vorgelegt haben soll. Ausserdem soll er eine Beerdigung durchgeführt und das Geld dafür nicht an den Verein abgegeben haben.

Puric war im Begegnungszentrum in Oberentfelden bis Mai 2018 für die Durchführung der gemeinschaftlichen Gebete und für die Seelsorge der Gemeinschaft verantwortlich. Zu seinen Aufgaben gehörten moralischer und religiöser Beistand sowie die Begleitung von Familien bei Todesfällen. Für diese Tätigkeiten bekam er 1995 einen Anfangslohn von 3200 Franken brutto.

Das Gehalt wurde über die Jahre hinweg angepasst, zuerst auf 4000 Franken, später dann auf 5600 Franken. Er selber habe nie nach einer Lohnerhöhung gefragt, sagt der Imam bei der Befragung im Gerichtssaal. «Die Leute im Verein schlugen dies vor, weil ich weniger verdiente als ein Kellner», fügt der 51-Jährige an. Puric ist zweifacher Vater.

Konflikt zwischen Imam und Radikalen im bosnischen Verein

Er habe vor den Lohnerhöhungen nebenbei gearbeitet, um sich etwas dazuzuverdienen. Er habe beispielsweise Zeitungen verteilt. Zeugnisse habe er nie einreichen müssen, sagt er. «Nur im Jahr 1995 habe ich einen Beleg eingereicht, der besagte, dass ich als Imam geeignet war.» Erst Jahre später, nachdem sein Gehalt bereits erhöht worden war, habe eine Gruppe im bosnischen Verein Druck gemacht, er solle Diplome einreichen.

Bei dieser Gruppe handle es sich um die acht Zivil- und Strafkläger. «Aber diese Diplome haben mit meiner Tätigkeit als Imam nichts zu tun», sagt er. «Herr Puric war seit 1995 ein beliebter Imam», sagt sein Verteidiger Kenad Melunovic während seines Plädoyers.

Bereits zu Anfang der Verhandlung macht Melunovic deutlich, dass die Strafkläger mit ihrer Anzeige andere Ziele verfolgten: «Seit 2014 hat sich im Verein eine radikalere islamische Gruppierung gebildet, welche die Gemeinschaft zu einem strengeren Islam führen wollte. Imam Muris Puric galt als aber als Repräsentant einer traditionell aufgeklärten Schule und war deshalb bei dieser Fraktion unbeliebt.»

Puric sei den Anklägern ein Dorn im Auge gewesen. «Man wollte ihn herausdrängen und durch einen anderen Imam ersetzen», sagte Verteidiger Melunovic.

Vorstandsmitglieder wurden bei Abstimmung 2017 abgewählt

Die Zivil- und Strafkläger waren nicht nur Mitglieder im bosnischen Verein, sondern bekleideten ad interim auch Vorstandsaufgaben. Sie sollen innerhalb des Vereins immer mehr Stimmung gegen den gemässigten Imam gemacht und die Vereinsmitglieder sogar angeschrieben haben.

Die Lage habe sich dermassen zugespitzt, dass es im Herbst 2017 zu einer Urabstimmung kam: «Man diskutierte darüber, ob man weiterhin einen gemässigten Islam praktizieren wolle. Und die ganz grosse Mehrheit sprach sich für die Beibehaltung von Herrn Puric aus», so Rechtsanwalt Melunovic.

Gleichzeitig seien die acht Zivil- und Strafkläger bei dieser Abstimmung als Vorstandsmitglieder abgewählt worden. «Der Verein ist mit Herrn Puric im Reinen. Die Lohnerhöhung bekam er, damit er nebenbei nicht mehr arbeiten musste», erklärt sein Verteidiger.

Die als Beweis eingereichten Unterlagen belegten, dass Muris Puric das Geld für die Beerdigung an den Verein überwiesen habe. Auch die Arbeitsverträge mit dem Imam liegen dem Gericht vor. Die acht Vereinsmitglieder seien nicht als Strafkläger zuzulassen, beantragt der Verteidiger des Imams.

«Die heute zu beurteilenden zwei Tatbestände betreffen die Nachteile des Vereins und nicht die von Privatpersonen», so Melunovic. Der Verein gelte als juristische Person. Aber der Verein habe sein Desinteresse an der Verhandlung erklärt. Die Ankläger hätten sich mit ihrer Anzeige rächen wollen, hält der Rechtsanwalt fest.

Das Gericht spricht den Imam in allen Anklagepunkten frei

Nach einer kurzen Beratung wird der Imam vollumfänglich freigesprochen. «Sowohl die Akten als auch die Befragung konnten die Anklagevorwürfe nicht erhärten», sagt Gerichtspräsidentin Patricia Berger. Puric habe die Lohnerhöhung bereits 2011 erhalten: «Und auch der damalige Präsident des Vereins bestätigte, dass die eingereichten Zeugnisse nicht für die Lohnerhöhung entscheidend waren.» Puric lächelt, als er den Gerichtssaal verlässt. Mit dem Freispruch ist ihm eine Last von den Schultern gefallen.

Die Verhandlung – und vor allem die Zeit davor – ist aber nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. «Die Gruppe hat mich seit Jahren gemobbt, verfolgt und Rufmord gegen mich begangen. Ich musste von ihnen sehr viel erdulden, weil ich mich ihren radikalen Ansichten entgegengesetzt habe», sagt Puric nach dem Freispruch.

Die Islamische Gemeinschaft der Bosniaken sei im Aargau und in der Schweiz seit 27 Jahren eine Vorzeige-Gemeinschaft: «Durch meine Leitung war sie interreligiös sehr gut vernetzt», so Puric.

Jahrelang hätten sie beste Kontakte zu katholischen und reformierten Kirchen in verschiedenen Gemeinden gepflegt. Zudem sei man auch im Interreligiösen Aargauer Arbeitskreis und im Verein der Interreligiösen Arbeitsgemeinschaft der Schweiz sehr engagiert gewesen.

Doch die Gruppierung, die gegen ihn geklagt habe, sei innerhalb der Gemeinschaft negativ aufgefallen: «Sie haben in der Moschee ein neues Kinderprogramm errichtet in welchem sie angsteinflössende Videos über die Hölle und das Jenseits gezeigt haben. Ausserdem haben sie den 20-jährigen internen Frauenverein aufgelöst und versuchten dies auch mit dem Musikchor und der Folklore-Tanzgruppe», so Puric. Dies sei der Gruppe bisher zum Glück nicht gelungen. «Aber viele Jugendliche haben sich wegen der strikten Haltung von der Gemeinschaft abgewendet, da diese Gruppe zum Beispiel nicht einmal Musik toleriert», kritisiert er.

Imam sieht Mitglieder seines Vereins als beispielhafte Muslime

Die Mitglieder der Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken des Kantons Aargau seien beispielhafte Muslime die sich für ein friedvolles und tolerantes Zusammenleben einsetzen, sagt Puric: «Und sie lehnen sich gegen jede Art von Radikalität auf.»

Bei der Abstimmung im September 2017, welche der Verteidiger vor Gericht erwähnt hat, hat Puric mehr als 500 Mitglieder der Gemeinschaft versammelt, wie er erzählt: «An jener Veranstaltung ist der ganze Vorstand, der sich aus dieser Gruppe zusammensetzte, fristlos freigestellt worden.»

Dies sei für die achtköpfige Gruppe umso mehr Grund gewesen, sich am Imam zu rächen: «Sie haben mich verleumdet und sie haben gegen mich intrigiert.» Die enorme psychische Belastung habe bei ihm zu einer Erkrankung geführt: «Ich habe mich bis heute nicht davon erholt und bin zurzeit krankgeschrieben.»

Mit einer Petition, die 508 Vereinsmitglieder vor dem Urteil unterschrieben haben, demonstrierten viele Menschen ihre Solidarität mit Muris Puric, erzählt er. Trotzdem wurde der Vertrag mit dem Imam nach 23 Jahren im Mai 2018 im gegenseitigen Einverständnis aufgelöst: «Die Gründe dafür waren meine Krankheit und auch die gerichtlichen Untersuchungen.»

Verein spricht von persönlichen Meinungsverschiedenheiten

Die Islamische Gemeinschaft der Bosniaken des Kantons Aargau, die seit jener Abstimmung 2017 einen neuen Vorstand hat, nimmt auf Anfrage der AZ nach dem Urteil zum Vorfall Stellung.

Der Vorstand des Vereins sei zu keinem Zeitpunkt im Besitz von eindeutigen Beweisen gewesen, welche einen rechtlichen Schritt gegen den damaligen Imam Muris Puric gerechtfertigt hätten: «Die Anschuldigungen einzelner Vereinsmitglieder gegenüber dem damaligen Imam konnten inzwischen sogar widerlegt werden.» Für eine direkte Einmischung habe seitens Verein kein Grund bestanden.

Das Arbeitsverhältnis mit dem Imam sei im gegenseitigen Einvernehmen durch einen Aufhebungsvertrag im Mai 2018 aufgelöst worden, bestätigt der Verein. «Die Position des Imams wurde mittlerweile anderweitig besetzt, somit ist eine Rückkehr von Herrn Puric auf die Position nicht möglich», schreibt der Verein. Der frühere Imam sei aber selbstverständlich noch immer Mitglied des Vereins.

Dass die acht Personen die Vorwürfe gegen den Imam erhoben und zur Anzeige gebracht haben, um ihn herauszudrängen und einen radikaleren Islam zu praktizieren, glaubt man in Oberentfelden nicht: «Der Vorstand konnte bei der Meinungsverschiedenheit zwischen dem ehemaligen Imam und der genannten Gruppe von Mitgliedern keinerlei religiöse Motive erkennen, weder im Inhalt noch in der Argumentation der Vorwürfe», hält der Verein fest.

Strafkläger sind noch immer Mitglieder im Verein

Die Mehrheit der acht Personen, die den Imam angezeigt haben, sind weiterhin Vereinsmitglieder. «Aus neutraler Sicht des Vorstands handelte es sich um eine Meinungsverschiedenheit auf privater oder persönlicher Ebene.» Eine Sanktionierung oder ein Ausschluss einer der Parteien kam im Verein bisher nicht zur Sprache.

Die Islamische Gemeinschaft der Bosniaken des Kantons Aargau bekennt sich ausdrücklich zu den demokratischen Prinzipien und säkularen Werten der Schweiz: «Wir verurteilen ausnahmslos jegliche extremistische oder radikale Haltung», hält der Vorstand fest.

Eine Urabstimmung darüber, ob man weiterhin einen gemässigten Islam praktizieren wolle und den Imam Puric behalten wolle, habe es so nicht gegeben. Der Verein bestätigt aber, dass es im September 2017 bei einer ausserordentlichen Generalversammlung zur Neuwahl des Vorstands kam.

«Bei einem Traktandum wollte der damalige Noch-Vorstand vor der Neuwahl alle Anwesenden über den Sachverhalt und die entstandenen Vorwürfe gegenüber dem Imam aufklären. Die grosse Mehrheit der Anwesenden lehnte dies aber ab.»

Ein Vereinsmitglied, das anonym bleiben möchte, kann das Vorgehen der acht Zivil- und Strafkläger nicht nachvollziehen. «Es erstaunt mich heute noch, mit wie viel Nachdruck und Energie diese Personen den Ruf des damaligen Imams zu zerstören versuchten.»

Er sei sich nicht sicher, ob es dieser kleinen Gruppe darum gegangen sei, Muris Puric herauszudrängen oder durch die Infragestellung seiner Diplome seine theologische Autorität infrage zu stellen. «Selbst wenn er in Vergangenheit Fehler begangen haben sollte, rechtfertigt dies ein solches Vorgehen nicht», so das Vereinsmitglied.

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