Wenn jeder Aargauer dreimal am Tag aufs WC geht, wird im ganzen Kanton rund zwei Millionen Mal täglich auf den Spülknopf gedrückt. Ja, da kommt einiges zusammen.

Vom stillen Örtchen rauscht der WC-Inhalt dann auf Nimmerwiedersehen über den Hausanschluss ins öffentliche Kanalisationsnetz. Das gesamte unterirdische Kanalwerk hat eine Gesamtlänge von rund 10 700 Kilometern. Unsere Leitungen reichen also locker bis nach Südafrika.

Und auch wenn durch dieses Labyrinth nur Stinkendes rauscht, die Nase zu rümpfen ist falsch. Denn diese Infrastruktur ist wertvoll: Fünf Milliarden würde es kosten, dieses Werk im Aargau neu zu bauen.

Neu gebaut werden muss das Abwassernetz nicht. Der Sanierungsbedarf ist allerdings gross. Denn die Rohre sind in die Jahre gekommen. Einige feiern dieses Jahr bereits ihren 70. Geburtstag. Die Zeit hat Spuren hinterlassen. Die Leitungen sind verkalkt, haben Risse oder sind eingedrückt.

Sorgenkinder sind die Anschlüsse an die Kanalisationsrohre. Die sind häufig undicht. Das heisst, es kann Grundwasser in die Rohre eindringen – oder noch schlimmer: dreckiges Wasser entweichen, das dann das Trinkwasser verschmutzt.

Der falsche Weg

Was passiert, wenn der Inhalt des WCs nach dem Spülen nicht auf Nimmerwiedersehen verschwindet, erlebten diesen Sommer die Bewohner der Überbauung Rösslimatt in Buchs. Gleich zweimal innert zwei Monaten trat das Schmutzwasser nach einem Gewitter in der Kanalisation den Retourweg an. Die Folge: Fäkalwasser drang über Toiletten in die Keller der Wohnungen ein.

Das Wasser war zwar durch den Regen verdünnt; es stank aber trotzdem fürchterlich. Der Schaden war gross. Allein im Keller eines Büros entstand ein Sachschaden von 100 000 Franken. Bei der Gemeinde Buchs will man nichts davon wissen, dass der Unterhalt der Kanalisation vernachlässigt oder zu viele Häuser an die Kanalisation angehängt wurden.

Investitionen ins Abwassernetz stehen aber an: 7,7 Millionen Franken sind für die nächsten 10 Jahre budgetiert. Die Sanierung der Kanalisation an der Rösslimatte habe aber nicht oberste Priorität, sagt Raoul Kuprecht, Projektleiter Tiefbau der Gemeinde Buchs.

Abwassergebühren erhöhen

Wie schlimm steht es nun also um unsere Kanalisation? Wissen muss das Jörg Kaufmann. Er ist Sektionsleiter der Abteilung Umwelt beim Kanton. Zusammen mit sechs Mitarbeitern hat er die Aufsicht über diese unsichtbare Infrastruktur. Er sagt: «Die Kanalisation ist nicht marode.»

Sie sei sogar in einem erstaunlich guten Zustand. Kaufmann sagt aber auch: «In den nächsten Jahren kommen riesige Investitionen auf die Aargauer Gemeinden zu, weil das Leitungsnetz in die Jahre gekommen ist.» Finanziert werden diese Investitionen aus den Einnahmen für die Anschlussgebühren von Neubauten und aus Abwassergebühren. Diese Gebühren sind in den 213 Gemeinden des Kantons ganz unterschiedlich.

Zwischen weniger als einem Franken und bis zu fünf Franken bezahlen die Aargauer pro 1000 Liter abgeleitetes Abwasser. Im Vergleich mit einem Glas Mineral im Restaurant kaum der Rede wert. Doch Kaufmann sagt: «Einige Gemeinden werden die Abwassergebühren erhöhen müssen, um die Investitionen stemmen zu können.»

Trotzdem: Der Aargau ist ein vorbildlicher Kanton, was das Abwassernetz betreffe, sagt Roland Brühlmann, Geschäftsführer der ISS Kanal Services AG mit Sitz in Boswil. Die Firma filmt mit ihren Kameras den Zustand der Kanäle – in HD-Qualität selbstverständlich. Brühlmann hat also eine Ahnung vom Untergrund.

Verborgene Schäden

Er sagt: «Die Probleme liegen in der Zukunft.» Viele Gemeinden seien sich nicht bewusst, was auf sie zukommen wird an Sanierungsbedarf. «Anders als beim Auto leuchtet in der Kanalisation keine rote Lampe, wenn der Service ansteht.» Und anders als bei der Strasse spürt der Bürger auch nicht, wenn die Infrastruktur beschädigt ist. «Wer sich jetzt nicht um die Kanalisation kümmert, der hat bald ein Riesenproblem», sagt Brühlmann.

Noch tiefer ins Portemonnaie als die Gemeinden müssten allerdings die Privaten greifen. «Die Privatanschlüsse von den Häusern zur öffentlichen Kanalisation sind in einem viel schlechteren Zustand als die Leitungen der Gemeinden.»

Mancher Hausbesitzer werde darum in den nächsten Jahren ein paar tausend Franken unter dem Boden investieren müssen, statt damit in die Ferien zu fahren, sagt Brühlmann. Das lohne sich. «Die Investition in ein dichtes Abwassernetz ist eine Investition in unsere Zukunft.» Wasser sei heute schon wertvoll – in Zukunft werde es Gold wert sein.

Wenige schwarze Schafe

Angst ums Trinkwasser muss niemand haben. Alle Gemeinden müssen in einem Entwässerungsplan nach Prioritäten festlegen, was wann saniert oder erneuert werden muss. Alle fünf Jahre will der Kanton von den Gemeinden wissen, was getan wurde. Die meisten Gemeinden kämen ihrer Verpflichtung nach, sagt Kaufmann. Es gebe aber auch schwarze Schafe.

Das ist nicht Neues. Nach der Cholera-Epidemie 1854 in Aarau drohte der Regierungsrat, der Stadt den Regierungssitz zu entziehen, falls Aarau sich nicht besser um den Abfluss der Fäkalien kümmere und damit die Trinkwasserqualität verbessere.