Gewerbeverband

Herbert H. Scholl – ein politisches Urgestein tritt nach 32 Jahren ab

Herbert H. Scholl

Ein Urgestein tritt ab. Nach nicht weniger als 32 Jahren wird Herbert H. Scholl heute an der Delegiertenversammlung des Aargauischen Gewerbeverbands zum letzten Mal Rechenschaft über seine Tätigkeit als Geschäftsführer ablegen.

Gewerbeverbands-Präsident Kurt Schmid spricht von einer «Versammlung zu Ehren von Herbert H. Scholl», was zum Ausdruck bringt, welche Rolle der Anwalt aus Zofingen seit 1983 in der Verbandspolitik gespielt hat. Er sei den Erwartungen «mehr als gerecht geworden», so Schmid.

Zu seinem Mandat kam Scholl damals über die Beziehung zu seinem Vorgänger Peter C. Clavadetscher, der später Direktor des schweizerischen Gewerbeverbands wurde. Clavadetscher war ebenfalls Anwalt aus Zofingen und damals bereits freisinniger alt Grossrat, während Scholl seit zwei Jahren für die FDP im Kantonsparlament sass.

Präsidiert wurde der Gewerbeverband zu dieser Zeit von Bäckermeister Christian Speck, der 1995 für die SVP in den Nationalrat gewählt wurde und 2005 im Amt verstarb. Ein Mann mit einer ausgesprochenen politischen Intuition und einem sicheren Gespür dafür, wo und wann sich der Gewerbeverband für seine Interessen in Position bringen musste, wie Scholl sagt. Von Speck habe er sehr viel gelernt. Nachfolger Samuel Wehrli sei der klassische Unternehmertyp gewesen und habe auch den Gewerbeverband eigentlich wie ein Unternehmen geführt. Kurt Schmid, der amtierende und dritte Präsident, den Scholl begleitete, sei der «ausgewogenste».

Zu viel Projekte und Konzepte

In den unterschiedlichen Charakteren der Präsidenten spiegelt sich ein Stück weit der Wandel der gewerblichen Strukturen und der Verbandspolitik: vom Bäckermeister über den Handelsunternehmer für Kosmetik und Coiffeur-Bedarf zum Treuhänder. Der Detailhandel sei früher ein Kerngebiet für die gewerblichen Organisationen gewesen, heute habe sich das Gewicht zu den Dienstleistern verschoben, so Scholl. Und generell seien die örtlichen Gewerbevereine früher viel stärker politisch ausgerichtet gewesen, während das Gewicht heute mehr auf dem Gesellschaftlichen liege und sich die eigentliche Gewerbepolitik stärker zu den Berufsverbänden verlagert.

Natürlich die Wirtschaftspolitik allgemein, dann insbesondere Fragen der Berufsbildung, Finanzen und Steuern, Energie, Verkehr und Raumplanung und in in letzter Zeit aufgrund der wachsenden staatlichen Ausgaben in diesem Feld auch zunehmend die Sozial- und Gesundheitspolitik sind die Themenfelder, die der Geschäftsführer des Gewerbeverbands als dessen politischer Arm hauptsächlich beackert. Nach 32 Jahren zieht Herbert Scholl eine gemischte Erfolgsbilanz. In der Berufsbildungspolitik habe man schöne Erfolge verbuchen können, jüngst gerade mit der Erhöhung der Beiträge an die überbetrieblichen Kurse. Für die Wirtschaft und den ganzen Kanton ein Erfolg, das hält er den linken Kritikern ganz klar entgegen, sei auch die Schaffung eines «vernünftigen» Steuerklimas. Was Scholl und «seinem» Gewerbeverband ein Dorn im Auge ist: Es ist nicht gelungen, den stetigen Ausbau des Verwaltungsapparats zu bremsen. Man habe Mühe mit den vielen Projekten, Konzepten und Pilotversuchen, die dort produziert werden.

Scholl stellt generell eine Machtverschiebung vom Parlament hin zur Regierung, aber auch von der Regierung zur Verwaltung fest. Das eigentliche Machtzentrum seien heute die Abteilungs- und Sektionsleiter, findet er. «Ausgezeichnete Fachleute, aber das themenübergreifende Denken gerät dadurch in den Hintergrund.»

Vom Politik-Virus befallen

Seine politische Laufbahn als Grossrat setzt Scholl nichtsdestotrotz auch nach dem Abgang beim Gewerbeverband fort. Seit 1981 sitzt er im Kantonsparlament und ist damit längst der amtsälteste Grossrat. Ob die laufende Legislatur seine letzte ist, werde er sich nächstes Jahr überlegen. Das klingt nicht so, als ob der politische Ruhestand für den 67-Jährigen bereits beschlossene Sache wäre.

Er sei nun einmal vom Politik-Virus befallen, sagte Scholl vor zwei Jahren, als er erneut für den Zofinger Stadtrat kandidierte, aus dem er vier Jahre zuvor unter unrühmlichen Umständen zurücktrat, nachdem ihn die Stadratskollegen fallen gelassen hatten: Er übernahm die alleinige Verantwortung für die Anstellung des Polizeichefs, der wegen Drogendelikten verhaftet wurde. Ein Tiefpunkt in einer politischen Karriere ausgerechnet in dem Jahr (2009), wo ihr mit dem Grossratspräsidium ja eigentlich die Krone aufgesetzt wurde. Scholl war Fraktionschef, Präsident der Kantonalpartei und Grossratspräsident, nur der grosse Sprung auf die nationale Bühne blieb ihm verwehrt. Bei zwei Nationalratskandidaturen 1999 und 2003 kam er nicht in die Ränge. Das ist abgehakt, heute Abend kann sich das Urgestein feiern lassen.

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