Stellen-Abbau

Grüne, Greta und dann auch noch Corona: Knecht-CEO Geissberger über die Lage der Reisebranche

Roger Geissberger war Präsident des FC Aarau und führt Knecht Reisen seit mehr als 30 Jahren.

Roger Geissberger war Präsident des FC Aarau und führt Knecht Reisen seit mehr als 30 Jahren.

Knecht Reisen baut rund 46 Stellen ab. Aber kommt das Geschäft mit Fernreisen jemals wieder ins Rollen? Schon vor Corona ging es abwärts. Geschäftsführer Roger Geissberger sieht Chancen.

Corona rüttelt die Reisebranche durch. Hiobsbotschaft jagt Hiobsbotschaft. Stellenabbau allenthalben. TUI und Kuoni, die Grössten im Schweizer Markt, werden Federn lassen, auch wenn noch nicht klar ist, wie viel genau. Auch Hotelplan (minus 170 Stellen), Globetrotter (ca. minus 20 bis 30) und, wie zuletzt bekannt wurde, die Knecht-Reisegruppe (minus 46) müssen zurückbuchstabieren. «Ich bin seit 33 Jahren Geschäftsführer von Knecht Reisen und habe bis zur Coronakrise noch nie aus wirtschaftlichen Gründen Leute entlassen müssen. Das hat sehr wehgetan», sagt Roger Geissberger, CEO von Knecht Reisen.

Geissberger hat in mehr als 40 Jahren in der Tourismusbranche vieles erlebt. 9/11, Tsunamis, das Grounding der Swissair, die Finanzkrise. Aber diese Dimension hatte eine Krise noch nie, wie er sagt. «Wir haben über Monate nur Reisen annulliert. Wir rechnen mit einem Umsatzeinbruch von 70 Prozent und klar roten Zahlen», so Geissberger. 2018 setzte Knecht Reisen rund 210 Millionen Franken um, 2020 dürften es knapp über 60 Millionen sein. Es sind gewaltige Dimensionen. Und zugleich der erste Verlust unter Geissberger.

22 Firmen in 22 Jahren aufgekauft – vorerst kommen keine hinzu

Zuvor ist der Reisespezialist über Jahrzehnte nur gewachsen. 22 Firmen hat Knecht Reisen in den letzten 22 Jahren aufgekauft. Immer habe man schwarze Zahlen geschrieben, grosszügig Reserven angelegt – und zuletzt sogar auf eine Dividendenausschüttung verzichtet. Trotzdem geht es nicht ohne Abbau.

Ein Grossteil der Stellenreduktion lief über natürlich Abgänge, nicht besetzte Planstellen oder interne Anstellungen in anderen Teilen der Unternehmensgruppe.» Und: «Wir rechnen auch im kommenden Jahr mit erschwerten Bedingungen und einem Umsatzminus im Vergleich zu 2019 von 25 Prozent», erklärt Geissberger. Will man also aus der Verlustzone raus – und das ist unter diesen Umständen unabdinglich –, muss man kürzertreten.

«Fernreisen werden wieder funktionieren»

Aber es stellt sich die Frage, ob das Fernreisebusiness jemals wieder so wächst, wie es das bis vor kurzem gemacht hat. Der Zenit schien schon vor Corona überschritten. Der Reisemarkt schrumpfte 2019 im Vergleich zum Vorjahr um 6 Prozent. Grüne, Greta und die globale Klimaerwärmung hatten definitiv ihren Einfluss, das Thema Nachhaltigkeit hat deutlich an Bedeutung gewonnen. Geissberger: «Fernreisen werden wieder funktionieren, davon bin ich überzeugt.»

Der Markt aber wird anders aussehen. Denn nicht nur die ganz Grossen kämpfen, härter trifft es vor allem die ganz Kleinen. Es wird zu weiteren Konsolidierungen kommen. «Für Firmen, die über genügend Eigenmittel verfügen, sind solche Krisen immer auch eine Chance», ist Geissberger überzeugt. Er geht davon aus, dass Knecht gestärkt aus diesen schwierigen Monaten hervorgehen wird. Bis 2022 rechnet er bezüglich Umsatz wieder zu alter Stärke zurückgefunden zu haben.

Der erste Schritt in diese Richtung ist gemacht. Zwar sind immer noch viele Mitarbeitende von Kurzarbeit betroffen. Aber nachdem im April die letzte Knecht-Reise nach Portugal ging, werden im Juli erste Flieger mit Knecht-Kunden Richtung Griechenland und in die Türkei fliegen. Sofern nicht eine zweite Welle alles wieder über den Haufen wirft.

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