Ökologie

Grünen-Grossrat will Insekten im Aargau retten: So ist es wirklich um die Krabbeltiere bestellt

Ein Aargauer Grünen-Grossrat verlangt von der Regierung Massnahmen zum Schutz der Insekten im Kanton. Wie es den Krabbeltieren im Aargau wirklich geht und warum der Vorstoss auch Kritik auslöst.

Als wir damals nach Italien in die Ferien fuhren, mussten wir sicher viermal anhalten, nur um die Windschutzscheibe zu putzen. Sie war voller Insekten.»

«Wenn früher Züge in den Bahnhof einfuhren, sassen innert kürzester Zeit Spatzen auf den Scheiben der Lokomotive. Sie frassen die Insekten, die darauf klebten.»

Von diesen Szenarien erzählen Insektenspezialist Karl Hirt und Bio-Landwirt Thomas Baumann. Und mit ihren Geschichten beantworten sie gleichzeitig die Frage, welche Ausmasse das Insektensterben in den letzten Jahren angenommen hat. «Heute bleiben die Windschutzscheiben nämlich sauber», so Karl Hirt, der sich seit über 60 Jahren mit Insekten beschäftigt. Vor 20 Jahren fokussierte er sich auf die Erforschung von Wildbienen. Im eigenen Garten in Menziken hat Hirt im Laufe der Jahre 117 verschiedene Bienenarten feststellen können.

Doch: «5 bis 10 Prozent der Wildbienen und auch der Wespenarten sind ausgestorben.» Weitere 50 Prozent seien gefährdet. «Das Problem bei Bienen ist, dass die Arten von verschiedenen Pflanzen abhängig sind. Einige ziehen den Nachwuchs nur mit dem Blütenstaub einer bestimmten Pflanze auf. Und wenn es die Pflanze nicht mehr gibt, stirbt auch die Biene.» Nicht nur Bienen seien deswegen in Gefahr, sondern auch andere Insekten. «Auch verschiedene Schmetterlingsarten, Heuschrecken und Käfer sind zurückgegangen», stellt Hirt fest.

2200 Tonnen Pestizide

Thomas Baumann ist seit 30 Jahren Bio-Landwirt. Ausserdem ist er Leiter Naturförderung im Naturama Aargau. Das Insektensterben bezeichnet er als «beängstigende Entwicklung.» Viele Menschen störe es vielleicht nicht, wenn Fliegen oder Stechmücken ausbleiben: «Aber die Insektenmasse ist die Grundlage der Nahrungskette unserer Ökosysteme», sagt Baumann. Er nennt weitere Faktoren, mit denen das Insektensterben erklärt werden kann: «Insekten haben spezialisierte Lebensbedingungen. Das heisst, sie benötigen vielfältige Lebensräume wie offene Bodenstellen mit Erde, Kies, Sand oder Lehm.»

Doch in der Landschaft gebe es kaum noch spärlich bewachsene Flächen oder nicht gedüngte Wiesen mit vielfältigem Blütenangebot, so Baumann. Die Konsequenz: «Arten sterben aus und die Naturkreisläufe kommen durcheinander. So können sich Schädlinge ungehemmt vermehren und die Bauern müssen mehr Insektizide spritzen.»

Rund 2200 Tonnen Pestizide kommen nach Angaben des Bundesamts für Landwirtschaft jährlich in der Schweiz zum Einsatz. «Die Landwirtschaft bewegt sich in einem angespannten Umfeld», sagt Bio-Bauer Baumann. «In der konventionellen Landwirtschaft muss jede Gefahr einer Ertragseinbusse mit Pflanzenschutzmitteln bekämpft werden.» Auch er müsse Schutzmittel verwenden – obwohl er biologische Landwirtschaft betreibt. Baumann verzichtet aber auf chemisch-synthetische Hilfsmittel, sondern setzt Bakterien oder Hormone ein, die Insekten vertreiben und nicht töten.

Massnahmen gefordert

Hansjörg Wittwer, Grünen-Grossrat aus Aarau, hat kürzlich einen Vorstoss zum Insektensterben eingereicht. Darin fordert er den Regierungsrat auf, die Tragweite des Problems im Aargau in einem Bericht aufzuzeigen und wirkungsvolle Gegenmassnahmen zu erarbeiten. Zudem will Wittwer wissen, wie die nationalen Strategien zur Erhaltung der Biodiversität im Aargau umgesetzt werden.

Auslöser für Wittwers Vorstoss war eine deutsche Studie. Diese zeigt einen massiven Rückgang von fliegenden Insekten auf. «Dass wir uns um den Schutz der Insekten kümmern, ist mir ein dringendes Anliegen», sagt Wittwer. «Wenn es auch um die Aargauer Insekten so schlimm steht wie um jene in Deutschland, ist das eine krasse Veränderung.» Wittwer ist schwer besorgt. Wie Bio-Landwirt Thomas Baumann sieht er in der Verwendung von Pflanzenschutzmitteln einen Grund für das Insektensterben. In seinem Vorstoss fordert er deshalb die Förderung von «ökologischem Landbau oder Betriebsumstellungen auf biologischen Landbau.»

«Landwirtschaft nicht schuld»

Ralf Bucher, CVP-Grossrat, selbst Landwirt und Geschäftsführer des Aargauer Bauernverbands, wird den Vorstoss nicht unterstützen. Er bezweifelt, dass der Rückgang der Insekten im Aargau so gross und die Landwirtschaft daran schuld sein soll. «Wenn aber ein Zusammenhang mit dem Gebrauch von Pflanzenschutzmitteln bestehen sollte, dann sehe ich das Problem bei den Konsumenten und den Detailhändlern. Der Apfel im Laden muss perfekt sein, sonst wird er nicht gekauft», so Bucher.

Um diesen perfektionistischen Konsumansprüchen gerecht zu werden, seien alle Bauern auf Pflanzenschutzmittel angewiesen. «Es müsste ein Umdenken bei der Bevölkerung stattfinden», sagt Bucher.

Er vermutet auch, dass Mobilfunkstrahlen einen Einfluss auf die Insektenpopulation haben: «Zumindest bei Bienen ist diese negative Auswirkung nachgewiesen.» Zudem würde man in Städten und Dörfern die Gärten meist so gestalten, dass die Natur kaum mehr Platz habe.

Viele Ökoflächen im Aargau

«Die Aargauer Bauern setzen verschiedene Biodiversitätsmassnahmen des Bundes um», sagt Ralf Bucher. Man beteilige sich am kantonalen Bienenschutzprojekt, optimiere Ausbringtechniken und setze sich für eine Reduktion von Pflanzenschutzmitteln ein. Zudem habe der Aargau überdurchschnittlich viele Biodiversitätsförderflächen.

Laut Bucher darf auf diesen Flächen nicht gespritzt und gedüngt werden und die Landwirte müssen sich an die vorgegebenen Schnittzeitpunkte halten. «Jeder Bauer muss 7 Prozent Biodiversitätsförderfläche bewirtschaften», so Bucher. «Im Aargau liegt der Durchschnitt bei 12 Prozent.» Die Landwirte im Kanton würden alles unternehmen, was in ihrer Macht stehe. Denn: «Keinem Bauern ist einfach egal, wie es der Natur geht. Wir sind auf eine funktionierende Umwelt angewiesen.»

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