Mittwoch, kurz nach halb drei: Im grossen Saal des Aargauer Obergerichts befragt Oberrichter Robert Fedier einen ehemaligen Chefarzt. Ihm wird vorgeworfen, eine Patientin mit einem Operationsfehler verletzt zu haben.

Mitten in einer Antwort kippt der 60-Jährige vom Stuhl, bleibt am Boden liegen. Erst schnaubt er laut, dann verstummt er. Anwesende reagieren sofort: Eine Medizinstudentin fühlt den Puls, der Oberrichter ruft den Notarzt, der Verteidiger setzt einen im Gebäude vorhandenen Defibrillator in Gang. Mit dem ersten Elektroschock und manueller Herzmassage kann der Mann schnell reanimiert werden. Die Ambulanz des Kantonsspitals Aarau, die innert nur vier Minuten eintrifft, bringt ihn danach ins Spital.

Der Angeklagte wird von der Ambulanz ins Kantonsspital Aarau gebracht.

Zusammenbruch vor Obergericht

Der Angeklagte wird von der Ambulanz ins Kantonsspital Aarau gebracht.

Selten gebraucht, aber wichtig

Dem Angeklagten das Leben gerettet haben dürfte aber ein Zuschauer, der die Herzmassage ausführte: Ebenfalls ein ehemaliger Chefarzt, der heute im Aargau als Psychiater eine eigene Praxis führt. Er war als Vertrauter der Klägerin anwesend. Am Tag danach sagt er: «Da überlegt man nicht lange. Hemd aufreissen und los gehts.» Für ihn sei es bereits der dritte Herzinfarkt gewesen, bei dem er geholfen habe. «Das geht immer sehr schnell. Wir sahen sofort, dass er am Hals keinen Puls mehr hatte. Die Hand wurde immer weisser. Da war klar: Jetzt braucht es sofort eine Herzmassage, oder wir laufen Gefahr, dass er stirbt.»

Während seines Studiums und später als Chefarzt habe er Nothilfe immer wieder in Kursen geübt. «Das muss man drillen, damit man nicht viel überlegen muss.» Anders sei es beim Defibrillator: «Da ist man sehr nervös, weil man es richtig machen muss. Noch dazu ist es eine hektische Sache.» Es mache aber nicht viel Sinn, sich auf einen allfälligen Defibrillator-Einsatz vorzubereiten. Denn: Es gibt verschiedene Hersteller, jedes Gerät ist anders, und die allermeisten leiten einen mittels Sprachausgabe direkt an.

Der Defibrillator habe in diesem Fall «sicher eine positive Wirkung gehabt», entscheidend sei aber die Herzmassage. Der Herr habe «sehr viel Glück gehabt». Nicht unbedingt, weil zufällig Profis im Raum gewesen seien, sondern weil man sofort reagiert habe: «Die richtigen Leute sind das eine, aber wichtig ist schnelles Eingreifen. Der Psychiater sagt, es gebe zwar Studien, die zeigten, dass öffentlich installierte Defibrillatoren sehr selten benutzt würden. «Aber wenn man mal einen braucht, ist man umso mehr froh um ihn.»

Kanton führt Notfall-Teams

Der Notfall vom Mittwoch wirft die Frage auf, wie gut der Kanton für solche Situationen gerüstet ist. Eine Liste aller Defibrillatoren in Gebäuden von Verwaltung, Justiz, Polizei oder auch Museen im Aargau gibt es nicht. Der Grund: Beschaffung und Installation der Geräte sind nicht bewilligungs- oder meldepflichtig. Gerade die Gerichte sind aber gut ausgerüstet, wie Sprecherin Nicole

erklärt: «Mehrheitlich sind an den Standorten der Bezirksgerichte Defibrillatoren vorhanden.» Das hänge auch damit zusammen, dass sich einige Gerichte mit der Regionalpolizei im gleichen Gebäude befänden, und die Posten über Defibrillatoren verfügten. Laut Payllier werde nach dem Notfall am Obergericht geprüft, ob man alle Gerichte flächendeckend ausrüsten solle.

Wenn es um Defibrillatoren in der Verwaltung geht, ist Stephan Wechlin gefragt. Er ist verantwortlich für die Koordinationsstelle Betriebliches Gesundheitsmanagement im Departement Finanzen und Ressourcen. Zu seinen Aufgaben gehört es, die gesetzlichen Richtlinien zu Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz durchzusetzen. Wechlin sagt, 2009 habe man an 15 Standorten mit über 100 Mitarbeitenden «Defis» eingeführt, verteilt über alle Departemente. Diese würden seither «lückenlos aktiv bewirtschaftet». Heisst: Alle drei Jahre werden die Batterien ausgetauscht.

Am Donnerstag erhielt Wechlin bereits die Meldung, dass man die Batterie des Defibrillators am Obergericht präventiv austauschen solle. «Die Anzeige steht zwar noch auf Grün, aber sicher ist sicher.» Zudem gibt es in jedem der Gebäude Notfall-Teams. Die Mitglieder können das Gerät bedienen und besuchen alle drei Jahre einen Auffrischungskurs.