Gerichtspsychiater

«Herr Sachs, braucht es mehr lebenslange Verwahrungen?»

Der 17-jährige Untherapierbare, der es doch geschafft hat: Dieses Schicksal hat Josef Sachs am meisten bewegt.

Der 17-jährige Untherapierbare, der es doch geschafft hat: Dieses Schicksal hat Josef Sachs am meisten bewegt.

Erschüttert ein Verbrechen die Schweiz, erklärt Josef Sachs, wie ein Mensch dazu fähig ist: In der Sendung «TalkTäglich» verrät der Psychiater, welche Fälle ihn besonders bewegten, wie er Lügner entlarvt und wieso strengere Strafen nicht abschrecken.

Er sieht in die menschlichen Abgründe: Josef Sachs, der bekannteste Psychiater der Schweiz. Nun geht er nach 25 Jahren in der Forensischen Psychiatrie in Königsfelden in Pension.

Wie verarbeitet der Gerichtspsychiater die mitunter bestialischen Fälle, mit denen er sich beschäftigt hat? Braucht es mehr lebenslange Verwahrungen? Und wie merkt Sachs, ob er angelogen wird? Diese Fragen beschäftigten in der Sendung «TalkTäglich» auf Tele M1

Der Drogenabhängige, der zur «unnahbaren Maschine» wurde: An diesem Fall ist Josef Sachs fast verzweifelt.

Der Drogenabhängige, der zur «unnahbaren Maschine» wurde: An diesem Fall ist Josef Sachs fast verzweifelt.

Als Josef Sachs 1991 den Bereich Forensische Psychiatrie der Psychiatrischen Dienste Aargau übernahm, arbeiteten drei Mitarbeiter dort – heute sind es fast 100.

«Ist der Mensch kränker geworden?», wollte deshalb Moderator und Nordwestschweiz-Chefredaktor Christian Dorer wissen.

«Der Mensch ist nicht kränker, aber die Ansprüche an die forensische Psychologie wurden grösser», entgegnete Sachs. Früher habe es nicht weniger Patienten gegeben, aber sie seien auf verschiedene psychiatrischen Kliniken und Gefängnisse verteilt gewesen.

«Auch sie wurden zum Teil behandelt, aber vielleicht nicht ganz adäquat. Oder sie wurden gar nicht behandelt. Deshalb war die Rückfallquote grösser.» Heute könne man in vielen Fällen die Rückfallquote relativ stark senken – dank der psychiatrischen Behandlung. 

Fall Lucie: «Wie kann so etwas passieren? »

2009 erschütterte der bestialische Mord am Au-Pair-Mädchen Lucie in Rieden bei Baden die ganze Schweiz.

Im Laufe der Untersuchungen kam heraus: Der Täter versuchte bereits 2003 eine Frau umzubringen. Von einer Verwahrung sah das Gericht damals ab. Der Täter galt als therapierbar. Sechs Jahre später ermordete er Lucie. «Wie kann so etwas passieren?», fragte Moderator Dorer. Wenn jemand als therapierbar gelte, heisse das nicht, dass eine konkrete Therapie auch Erfolg habe, sagte Sachs. 

«Es hängt auch davon ab, wie motiviert ein Täter ist oder welche Therapiemethode angewendet wird.» Es gäbe auch Faktoren, die nicht vorhersehbar seien, aber eine Rolle spielen würden. Es gäbe immer ein Restrisiko, eine Prognose sei keine 100-prozentige Vorhersage. «Auch ein Psychiater ist kein Prophet.»

Sachs' bekanntester Fall: Der Dreifachmord in Wohlen.

Sachs' bekanntester Fall: Der Dreifachmord in Wohlen.

Wenn man zu 100 Prozent verhindern wolle, dass ein Ersttäter wieder rückfällig werde, müsste er lebenslänglich eingesperrt werden. «Dies würde dazu führen, dass wir extrem viele Gefangene hätten.» Die Kriminalität würde aber nicht automatisch sinken: «Es gibt immer wieder neue Ersttäter.»

Mehr lebenslange Verwahrungen auszusprechen, empfindet Sachs nicht als sinnvoll: «Es braucht eher eine noch bessere Kalkulation des Risikos, bevor jemand entlassen wird.» Es gäbe zum Teil noch gesetzliche Lücken, die dies verhindern. Zum Teil liege es auch an den mangelnden Ressourcen, die notwendigen Kalkulationen durchzuführen. 

«Wie merken Sie, dass sie angelogen werden?»

Die Täter würden in den Gesprächen sehr oft lügen, sagte Sachs. «Noch häufiger kommt vor, dass sie Tatsachen verdrehen oder wichtige Sachen unterschlagen.» In vielen Fällen bestehe keine Möglichkeit, ihnen direkt auf die Schliche zu kommen.

«Aber ein Gutachten ist wie ein Puzzle. Wenn jemand lügt, passen einige Puzzlesteine nicht zusammen.» Denn: «Ein Gutachten stützt sich nicht nur auf die Aussagen des Täters, sondern immer auch auf viele andere Informationen.»

«Strengere Strafen schrecken nicht ab»

Sachs ist überzeugt, dass strengere Strafen nicht abschreckend wirken würden. «Es kommt viel mehr darauf an, wie gross das Risiko ist, ob er überhaupt erwischt wird.»

Dazu nannte er das Beispiel des Ladendiebes: «Eine gute Überwachung in den Läden führt dazu, dass weniger gestohlen wird. Es kommt nicht darauf an, wie gross die Busse ist, sondern dass es überhaupt eine Bestrafung gibt.»

Und wie schaltet Sachs nach einem intensiven Arbeitstag ab? Auf seinem halbstündigen Arbeitsweg. «Wenn ich Zuhause ankomme, ist der Tag und die Arbeitswelt weg», sagte der Psychiater. Zudem darf er wegen des Arztgeheimnisses nicht über seine Fälle reden. «Das ist gut für die Psychohygiene.» (ssu)

Sehen Sie hier die ganze Sendung:

Josef Sachs verrät in der Sendung «TalkTäglich», welche Fälle ihn besonders bewegten, wie er Lügner entlarvt und wieso strengere Strafen nicht abschrecken.

«TalkTäglich» vom 18.8.2015 mit Josef Sachs.

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