Pandemie

Hilferuf aus Aarauer Labor: «Wir sind mit der Menge der Coronatests schon längst überfordert»

Wenn ein Corona-Abstrich gemacht ist, fängt die Arbeit im Testlabor erst an.

Wenn ein Corona-Abstrich gemacht ist, fängt die Arbeit im Testlabor erst an.

Empfohlen wird: Testen, Testen, Testen. Auch im Aargau nimmt die Zahl der Coronatests zu, damit steigt die Belastung der Labormitarbeiter, wie es in einem offenen Brief aus dem Labor des Kantonsspitals Aarau (KSA) heisst.

Laborbestätigte Fälle – so lautet die offizielle Bezeichnung bei den Infektionszahlen, welche das Bundesamt für Gesundheit BAG täglich publiziert. Diese Zahlen steigen seit Tagen massiv, am Freitag wurden schweizweit 6634 neue Fälle gemeldet. Im Aargau wurden 266 positive Tests registriert. Testen, testen, testen: Das ist eine der Massnahmen, die immer wieder empfohlen wird, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Schliesslich müssen die Gesundheitsbehörden wissen, wie viele Leute mit Covid-19 infiziert sind, daraus ergeben sich Massnahmen gegen die weitere Verbreitung.

Auch im Aargau nimmt die Zahl der Coronatests zu, damit steigt die Belastung der Labormitarbeiter, wie es in einem offenen Brief aus dem Labor des Kantonsspitals Aarau (KSA) heisst. Der Brief stammt vom Laborteam – und er ist ein dringender, dramatischer Hilferuf. «Politiker und Mediziner berichten in den Medien, dass wir noch alles im Griff haben», heisst es in dem Brief, der die Situation der Biomedizinische Analytikerinnen und Analytiker am KSA beschreibt.

Doch die Realität sieht laut dem Schreiben anders aus: «Wir sind völlig am Limit!» Momentan sei in den Medien zu lesen, das Spitalpersonal sei noch nicht überfordert und die Spitäler hätten noch genügend Intensivbetten. «Wir sind schon längst überfordert, wir werden überrannt mit Proben und es wird noch schlimmer», heisst es im Gegensatz dazu im Brief.

Auswertung eines Coronatests ist aufwendig und braucht Zeit

Einen Covid-19-Test auszuwerten, sei nicht so einfach, wie man sich das vielleicht vorstelle, steht im offenen Brief. «Der Arzt nimmt Ihnen nicht einfach nur einen Nasen-/Rachenabstrich und hält dieses Material schnell in eine Blackbox, die dann nach ein paar Minuten subito die Resultate ‹Covid-19 positiv› oder ‹Covid-19 negativ› herausgibt. Das ist ein weitaus komplexerer Prozess», heisst es dort. Im Brief aus dem Labor des Kantonsspitals Aarau wird der Vorgang genau beschrieben.

«Die Proben kommen ins Labor, müssen dort zuerst auf Korrektheit überprüft werden. Stimmt dann alles – und das ist leider nicht immer der Fall– müssen diese Proben in unserem System erfasst werden, damit das Resultat korrekt dem Arzt übermittelt werden und dieser Ihnen dann das Ergebnis melden kann. Haben wir dann all diese Proben – aktuell rund 300 bis 500 täglich vom KSA und umliegenden Spitälern und Arztpraxen – endlich erfasst, laden wir diese auf unsere Geräte.

Geräte laufen fast ohne Pause

Das dauert auch eine Weile, da wir sichergehen müssen, dass wir keine Proben vertauschen. Und leider sind unsere Geräte auch keine Wundermaschinen, die man endlos befüllen kann. So starten wir das gefüllte Gerät und hoffen, dass es nach 1,5 bis 3 Stunden alles richtig gemacht hat. Diese Geräte laufen mittlerweile fast 24 Stunden ohne Pause. Es grenzt fast an ein Wunder, dass sie immer noch so funktionstüchtig sind und den Geist nicht aufgeben! Ist dieser Schritt abgeschlossen, kommen die Proben für weitere zwei Stunden auf ein zweites Gerät, welches uns nun angibt, ob Sie positiv oder negativ sind. Dabei kann es vorkommen, dass wir in seltenen Fällen gewisse Proben aus unterschiedlichen Gründen wiederholen müssen», steht im Brief.

Mehr Personal, länger Arbeiten, Überstunden: «Reicht nicht»

«Ständig unter Zeitdruck, bemühen wir uns seit März darum, die Testergebnisse möglichst zeitnah zu übermitteln», heisst es in dem offenen Brief. Und weiter: «Von einem Tag auf den anderen mussten wir plötzlich einen Test anbieten, den wir zuvor noch nie durchgeführt hatten.» Das Labor liefere die Resultate, wie von den Ärzten und Politikern in den Medien berichtet, in der von ihnen genannten Zeit – also innerhalb eines Tages. «Wir haben unsere Arbeitszeiten angepasst, zusätzliches Personal angestellt, unzählige Überstunden geleistet und trotzdem reicht es nicht», steht im Brief.

Neben den ganzen Covid-19-Tests müssen die Biomedizinischen Analytikerinnen und Analytiker im KSA-Labor ihre Routinearbeit aufrechterhalten. «Wir müssen nebenbei noch andere wichtige Proben untersuchen, die unter anderem ebenfalls auf den gleichen Geräten analysiert werden, wie ein Covid-19-Abstrich», wird im Brief festgehalten. Weiter ist darin zu lesen: «Ständig rufen uns Patienten auf unser Labortelefon an und wünschen Auskunft über ihren Befund, obwohl wir dafür nicht zuständig sind.» Das bedenkliche Fazit im Brief: «Wir arbeiten durch den Tag, kommen für dringendste Notfälle in der Nacht und arbeiten am Wochenende allein, immer für das Wohl der Patienten – und trotzdem sind wir nicht schnell genug.»

Kapazität erschöpft: «Wir können nicht mehr bewältigen»

Die Schlussfolgerung, die im offenen Brief aus dem Labor gezogen wird, ist klar: «Es reicht! Wir haben die Kapazität nicht mehr, Hunderte von Abstrichen nebst der Routine zu testen. Wir sind nicht mehr bereit, unzählige Überstunden zu leisten, freiwillig Dienste zu übernehmen, uns anzuhören, dass wir nicht schnell genug sind.» Und es sei definitiv nicht möglich, noch mehr Aufträge für Covid-19-Tests entgegenzunehmen.Der Grund ist simpel: «Wir können einfach nicht mehr bewältigen.»

Es sei an der Zeit, dass sich etwas ändere, heisst es im Brief weiter. Die Probenmenge könne nicht noch mehr zunehmen, sonst sei das Labor gezwungen, Prioritäten zu setzten. «Dann können wir nicht mehr Covid-19-Abstriche analysieren, nur weil jemand am kommenden Tag mit dem Flieger in die Ferien reisen oder eine Eishockeymannschaft so gerne ihr kommendes Spiel ­absolvieren möchte», werden zwei konkrete Beispiele aufgezählt.

Derzeit sind nicht alle Materialien für Tests lieferbar

Die Labormitarbeiter müssten dann entscheiden, ob eine Patientenprobe mit Verdacht auf Hirnhautentzündung dringender auf Viren getestet werden sollte, als ein Covid-19-Abstrich einer Person ohne Symptome. «Beide Fälle werden auf demselben Gerät analysiert, aber nur eines davon ist ein wirklicher Notfall», steht im Brief zur Erklärung.

Mit ihrem Schreiben geht das Team nun an die Öffentlichkeit, damit die Bevölkerung endlich erfahre, «dass das Laborpersonal überflutet wird von Covid-19-Proben und dass wir am Limit sind. Personalmangel, begrenzte Infrastruktur und Unmengen von Aufträgen– die Rechnung geht nicht auf», heisst es im Brief. Inzwischen hat sich die Situation sogar noch verschärft, weil momentan einige Materialien nicht lieferbar sind, die für die Tests benötigt werden. «Wir hoffen, auf offene Ohren zu stossen, ehe wir aufgrund von Überlastung verstummen», schliesst der Brief.

Spitalleitung versucht, rasch neues Personal zu rekrutieren

«Uns ist es bewusst, dass die Situation für die Labormitarbeitenden belastend ist und dass sie in den letzten Monaten sehr viel geleistet haben», hält Isabelle Wenzinger, die Sprecherin des Kantonsspitals Aarau, zum offenen Brief fest. Deshalb sei die Spitalleitung mit Hochdruck dabei, die Mitarbeitenden zu entlasten und neues Personal zu rekrutieren. «Leider ist uns das nicht so rasch gelungen, wie wir uns das gewünscht haben», räumt Wenzinger ein.

Zusätzlich habe sich die Situation mit den steigenden Fallzahlen zuletzt rasant entwickelt. «Die Nachfrage nach Tests ist diese Woche massiv angestiegen und noch stärker in den Fokus der Coronabekämpfung gerückt. Wir haben deshalb grosses Verständnis für die Mitarbeitenden und sind mit ihnen laufend im Gespräch», hält die Sprecherin fest. Sie hofft zudem, dass die Corona­schnelltests rasch freigegeben werden. «Dies könnte ebenfalls zu einer Entlastung des Labors beitragen.»

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