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Hochzeiten und verschmähte Bräute – geglückte und gescheiterte Fusionen im Aargau 2019

Ein Beispiel der vielen Fusionen: (v. l.): Gemeindeammänner von Effingen, Hornussen, Elfingen und Bözen stossen in Bözen auf das Ja zum Zusammenschluss an.

Ein Beispiel der vielen Fusionen: (v. l.): Gemeindeammänner von Effingen, Hornussen, Elfingen und Bözen stossen in Bözen auf das Ja zum Zusammenschluss an.

39 Gemeinden fusionierten in den letzten 20 Jahren zu 17 Kommunen. Wo ist es gelungen, wo misslungen? Die AZ zieht Bilanz.

Die Zahl der Aargauer Gemeinden schrumpft stetig: Allein seit 2002 sind 22 Ortsnamen von der Landkarte verschwunden. An den insgesamt 17 Fusionen waren 39 Gemeinden beteiligt. Die jüngste der umgesetzten Fusionen ist jene zwischen Brugg und Schinznach-Bad, die am 1. Januar 2020 in Kraft tritt. Weitere Fusionen wie etwa die Grossfusion im Zurzibiet sind beschlossen – oder auf dem Weg (siehe Artikel links).

In den letzten 20 Jahren waren noch weitere Fusionen angedacht, scheiterten dann aber an der Gegenwehr aus der Bevölkerung – so etwa im mittleren Fricktal. Hier hatten sich die Gemeinderäte von Mumpf, Obermumpf, Schupfart und Stein verlobt. Das passte den Einwohnern von Stein, der einzigen der vier Gemeinden, die über reichlich Kapital verfügt, ganz und gar nicht. Sie lehnten den Zusammenschluss an der Urne überaus deutlich mit 628 Nein zu 191 Ja ab.

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Deutlich enger ging es im Osten des Aargaus zu und her. Hier hat sich der 13. Juni 2010 ins kollektive Gedächtnis der Region Baden eingebrannt: Die Fusion von Baden und Neuenhof scheiterte hauchdünn am Nein der Stadtbevölkerung. Diese lehnte einen Zusammenschluss mit einer Differenz von nur 47 Stimmen ab. Durch die Fusion hatte sich Baden erhofft, mit neu 25 000 Einwohnern zur grössten Aargauer Stadt und gleichzeitig zu einem eigenständigen Zentrum im Grossraum Zürich zu werden, so wie Winterthur oder Zug.

Die Neuenhofer hatten einer Fusion mit einem Ja-Stimmen-Anteil von 93 Prozent zugestimmt. Der damalige Stadtammann und heutige Regierungsrat Stephan Attiger (FDP) erklärte sich das Badener Nein mit der Angst vor einer ungewissen Zukunft: «Baden geht es im Moment gut. In einer solchen Situation leuchten Veränderungen grundsätzlich nicht ein.»

Die Stadt Baden liess das Abstimmungsresultat später vom Forschungsinstitut gfs.bern wissenschaftlich untersuchen. Attigers Aussage wurde bestätigt: «Die Stimmberechtigten fühlen sich in ihrer Stadt hochgradig wohl», so das Forschungsergebnis. Zudem äussern die Stimmberechtigten von Baden gegenüber Neuenhof ein «ambivalentes Bild». Es fänden sich, so das Forschungsinstitut, keine grossen Gruppen, die gegenüber der Nachbargemeinde positiv eingestellt seien. Personen mit neutraler Haltung zu Neuenhof stimmten der Fusion nur zu 50 Prozent zu – zu wenige, um den Neuenhof-Kritikern Paroli zu bieten.

Erfolgreich – und mit fünf beteiligten Gemeinden bis dato die grösste Fusion – war jene im Mettauertal. Am 1. Januar 2010 startete die neue Gemeinde Mettauertal. Sie ging aus den Gemeinden Etzgen, Hottwil, Mettau, Oberhofen und Wil hervor. Rückblickend bezeichnet Gemeindepräsident Peter Weber die Fusion als «sehr gelungen». «Die Einwohner profitieren nicht nur von einem tieferen Steuerfuss, sondern auch davon, dass die öffentlichen Dienstleistungen sich verbessert und nun an einer zentralen Stelle angeboten werden», sagt Weber. Hinzu kommt, dass die Fusionsgemeinde ein grösseres Gewicht in den regionalen Verbänden zukomme. Auch in gesellschaftlicher Sicht seien die Bewohner der fünf Ortsteile zusammengewachsen.

Adressstreit auf dem Bözberg sorgte für Schlagzeilen

Ebenfalls erfolgreich, aber mit heftigen Nachwehen verlief die Fusion auf dem Bözberg. Hier stimmten die Gemeinden Gallenkirch, Linn, Ober- und Unterbözberg dem Fusionsvertrag im Dezember 2011 an allen vier Gemeindeversammlungen und im März 2012 an der Urne zwar zu. Die Umsetzung des Vertrags sorgte aber schon vor dem effektiven Zusammenschluss am 1. Januar 2013 für grosse Schlagzeilen. Grund für die teilweise sehr heftigen Auseinandersetzungen war die Umsetzung von Punkt 4.3 im Fusionsvertrag: «Die Anschrift lautet neu 5225 Bözberg, wobei die bestehenden Namen der Dörfer, Weiler, Höfe, Flurnamen, Strassen usw. möglichst erhalten bleiben sollen.» Dieser Abschnitt mit der einheitlichen Postleitzahl hatte für alle eine mehr oder weniger grosse Adressänderung zur Folge. Der Projektbegleiter Jean-Claude Kleiner vom Beratungsbüro in St.  Gallen sagte kürzlich in einem Interview, dass er die Verantwortlichen damals auf die Schwierigkeiten bei der Umsetzung hingewiesen habe, weil es in einer Gemeinde nicht mehrere Strassen mit dem gleichen Namen geben darf, da sonst Blaulichtorganisationen wie die Polizei, Feuerwehr oder Sanität im Notfall die Adresse allenfalls nicht auf Anhieb finden. In der ganzen Fusionseuphorie hätten die Ammänner seinen Hinweis aber überhört, hielt Kleiner fest.

Der Widerstand gegen die neuen Adressen und das Löschen von Ortschaftsnamen kam vor allem aus Linn. Es wurden Unterschriften gesammelt und Abstimmungen durchgeführt. Doch die Gegner der neuen Adressen unterlagen im demokratischen Prozess. Die Wunden in der Bevölkerung sind auch sieben Jahre nach dem Zusammenschluss noch nicht überall verheilt.

Vom Fall Bözberg und dem Umgang mit Adressen und Postleitzahlen haben schweizweit viele für weitere Fusionen profitiert. Diesen Herbst hat der Regierungsrat in seiner Antwort auf ein Postulat von Grossrätin Gertrud Häseli (Grüne) festgehalten, dass Ortschaftsnamen bei Fusionen im Regelfall erhalten bleiben sollen. Insbesondere Namen von Ortschaften mit Ortsbildern von nationaler Bedeutung (wie im Fall von Linn) sind laut Regierungsrat grundsätzlich beizubehalten.

Aarau und Rohr leben seit 10 Jahren gut miteinander

Der Name war auch im Fall der Fusion von Aarau und Rohr, die sich am 1. Januar zum zehnten Mal jährt, ein grosses Thema. Viele Rohrer hoffen heute, dass aus dem Stadtteilname «Aarau Rohr» im Rahmen des «Zukunftsraums» wieder «Rohr» (mit dem Zusatz Aarau) wird. Die Rohrer kamen dank der Fusion in den Genuss einer starken Steuerfussreduktion (auf 94 Prozent). Aktuell wird im Stadtteil auch wieder kräftig investiert. So entsteht für 7,5 Mio. Franken die Familien- und Schulergänzende Tagesstruktur (Fusta) und ein Kindergarten. Und eine Fussballplatz-Sanierung (5,4 Mio. Franken) ist beantragt. Der Verlust der Gemeindeverwaltung ist kein Thema mehr. Und die bevorstehende Schliessung der Post hängt nicht mit der Fusion zusammen.

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