Der Jass, diese einzigartige Mischung aus Grips, Glück und Gemütlichkeit, ist ein Volkssport. Seit vier Jahren gehört er zum immateriellen Kulturerbe der Schweiz. Und: Er ist beliebt wie lange nicht mehr. Am Jasstisch sind Sanitär und Senior Consultant, Sportreporter und Sicherheitschef gleich. Man muss sich auf das Gegenüber einlassen, mit ihm oder gegen es taktieren. Beim Jassen kann man eins trinken, aber nicht viel mehr, will man Konzentration und Siegeschancen aufrechterhalten.

Der Aargau ist ein Jasskanton: Es gibt regionale und kantonale Meisterschaften, auf dem Rhein und dem Hallwilersee verkehren Jass-Schiffe. Und auch das grösste Jassturnier der Schweiz, der «Muni-Jass» in Boswil, findet jedes Jahr im November im Aargau statt. In den letzten Jahren gab es neue Kinder- und Jugend-Jassturniere, Schulen führen Jass-Projektwochen durch.

Zeit also, herauszufinden, wer der beste Jasser oder die beste Jasserin im ganzen Kanton ist. Die az sucht zusammen mit Aargau Tourismus im Frühling 2017 den az-Jasskönig. Für die erste Runde vom 17. Februar kann man sich ab sofort anmelden.

Experten sind sich nicht einig

Was den Aargau als Jasskanton einzigartig macht, ist aber nicht das Verbindende, sondern das Trennende: die Jassgrenze. Sie verläuft von Süden nach Norden durch den ganzen Kanton, mehrheitlich der Reuss und ab Brugg der Aare entlang.

Im einstigen Berner Aargau, im Fricktal und im Bezirk Zurzach westlich der Aare wird mit französischen Karten gejasst – im Zurzibiet östlich der Aare, im Bezirk Baden und im Freiamt mit schweizerdeutschen Karten. Die Jassgrenze trennt gar Orte, etwa in Windisch das Ober- vom Unterdorf, oder Nachbargemeinden wie Mülligen und Birmenstorf.

Bis heute gibt es keine abschliessende Antwort darauf, wie die Jassgrenze zustande kam. Für den Brugger Historiker Titus Meier ist der ehemalige Stadtstaat Bern eine mögliche Erklärung. Er bestand von 1415 bis 1798 und reichte von Nyon bis Brugg, die Reuss war Grenzlinie.

Laut Daniel Schaffner, Geschäftsführer des Schaffhauser Jasskartenvertreibers AGMüller, hätten erst ab 1798 «Napoleons Soldaten die Romandie mit französisch-figürlichen Spielkarten übergossen» – eine Theorie, die Titus Meier ebenfalls für plausibel hält. Jedenfalls: Dass auf der einen Seite der Reuss mit Ecke, Herz, Schaufel und Kreuz und auf der anderen Seite, der unter deutschem Einfluss stehenden Grafschaft Baden, mit Schilten, Schellen, Eicheln und Rosen (damals Federn) gespielt wurde, leuchtet ein.

Weniger plausibel erscheint Titus Meier die Theorie, wonach die Trennung viel früher stattgefunden habe: Die sogenannte Brünig-Napf-Reuss-Linie entstand als Kulturgrenze ums Jahr 1000, als die westlichen Gebiete des heutigen Aargaus unter burgundischem, die östlichen unter alemannischem Einfluss standen.

Das Jassen wurde aber erst im 18. Jahrhundert von Werbern für Schweizer Söldnern importiert. Am Stammtisch hielt sich zudem lange die Vermutung, die Kartenwahl habe mit der Konfession zu tun. Das schliesst Meier aus: «Die Reuss war zwar die Konfessionsgrenze. Aber im reformierten Zürich hat man auch mit schweizerdeutschen Karten gespielt.»

Es bräuchte eine Volksbefragung

Daniel Grütter, Kurator im Schaffhauser Museum zu Allerheiligen, ist so etwas wie ein Jasskarten-Experte. Das Museum sammelt seit Jahrzehnten systematisch Spielkarten und besitzt die grösste Sammlung der Schweiz.

Auch Grütter ist von der «unsichtbaren Grenze» im Aargau fasziniert. Auf die Frage, worin sie begründet sei, sagt er: «Man weiss es nicht. Es gibt keine eindeutigen Beweise.» Klar sei, dass es ursprünglich mehr schweizerdeutsche Bilder gegeben habe, erst mit den Jahrzehnten seien sie von den französischen immer mehr abgelöst worden.

Der einzige wissenschaftliche Nachweis der Jassgrenze findet sich im Atlas der schweizerischen Volkskunde. Dafür wurden von 1937 bis 1942 Gewährsleute nach Alltäglichem gefragt – auch den Farben ihrer Jasskarten.

Wo die Grenze heute noch besteht, weiss niemand, denn seither wurde die Frage nie mehr gestellt. Vielleicht löst sich das Problem bald von allein: Die Spielkartenproduktion ist jetzt in Belgien konzentriert. Und verglichen mit dem Weltmarkt, der französische Karten braucht, sind der halbe Aargau und die Ostschweiz ziemlich klein.

Vom Komiker bis zum Regierungsrat: Diese bekannten Aargauer sind Jassfans