Im Kanton Aargau gibt es 20'590 Hektaren Bauzone. Vor acht Jahren waren bereits 15'909 Hektaren überbaut. Seither «verschwanden» pro Jahr durchschnittlich 133 Hektaren Bauzone durch Überbauung. Dies entspricht der Geschwindigkeit von einem Quadratmeter (m2) alle 24 Sekunden. Das zeigt ein neuer Bericht des Departements Bau, Verkehr und Umwelt (BVU). Allein im letzten Jahr wurden demnach 97 Hektaren überbaut. Dieser Zuwachs entspricht etwa vier Einfamilienhausparzellen pro Tag. Aktuell verbleiben noch 2427 Hektaren. Anders gesagt sind inzwischen 88 Prozent der Bauzonen überbaut.

Allerdings zeigen sich grosse regionale Unterschiede (siehe Karte). Während im Grossraum Baden-Wettingen schon fast alles überbaut ist, hat das Fricktal noch mehrere Gemeinden mit grösseren Reserven. Übrigens liegt der Überbauungsgrad im Aargau unter dem Niveau des ebenfalls dicht besiedelten Kantons Zürich (91 Prozent), aber über dem Schweizer Durchschnitt (82 Prozent).

Die zu rund einem Fünftel noch unüberbauten Industrie- und Gewerbezonen ermöglichen laut dem Bericht weiteres Wachstum. Die flächenmässig grössten Anteile an unüberbauten Industrie- und Gewerbezonen liegen in den Regionalplanungsgebieten von Fricktal Regio, gefolgt von Brugg Regio, Lebensraum Lenzburg Seetal und Zurzibiet Regio.

Wettingen und Aarau fast gebaut

Die Gemeinden Wettingen (98 Prozent), Aarau und Oberrohrdorf (97 Prozent), Ennetbaden, Fislisbach und Neuenhof (je 96 Prozent) sowie Abtwil, Auw, Baden und Fischbach-Göslikon (je 95 Prozent) weisen die höchsten Überbauungsgrade auf. Demgegenüber gibt es in den Regionen aargauSüd impuls, Fricktal Regio, Zurzibiet Regio, Suhrental und Brugg Regio relativ viele Gemeinden mit niedrigem Überbauungsgrad.

Die grössten Reserven an unüberbauten Bauzonen liegen in Reinach und Rheinfelden (je 60 Hektaren), Oftringen (53 Hektaren), Sisseln (46 Hektaren), Birr (43 Hektaren), Menziken (42 Hektaren), Bad Zurzach, Brugg und Kaisten (je 34 Hektaren) sowie Wohlen (33 Hektaren).

Pro Natura: Kompromisse ja ...

Dass im Aargau alle 24 Sekunden ein Quadratmeter Land überbaut wird, erfüllt Johannes Jenny, Geschäftsführer von Pro Natura, mit grosser Sorge. Er finde es richtig, dass man wo immer möglich verdichtet baut und so wertvolles Kulturland schont, sagt Jenny. Und er verstehe, dass man manchmal Kompromisse machen muss: «Wenn wir aufgrund des starken Bevölkerungswachstums mehr Wohnungen und dafür Baumaterial brauchen, ist es besser, dafür im Aargau mit grösstmöglicher Sorgfalt einen Steinbruch zu nutzen oder notfalls zu vergrössern, als im Ausland Landschaftsschäden zu bewirken und erst noch viel längere Transporte in Kauf zu nehmen.»

... aber nicht in jedem Fall

Nicht zu Kompromissen bereit sei er, wenn man Boden nutzt, obwohl dem Landverbrauch kein eigentlicher Nutzen gegenüberstehe. Als Beispiel nennt er eine neue Hühnerfarm im Jurapark: «Hier profitiert ein einzelner Landwirt auf Kosten der Gesellschaft. Pro Natura macht diesem keinen Vorwurf, sondern wehrt sich gegen mit Steuergeldern erzeugte Fehlanreize.» Jenny kritisiert, dass in der Landwirtschaft noch viel zu viel Boden zusätzlich verbaut wird: «Wir verdichten im Siedlungsgebiet oft zulasten der Wohnqualität immer mehr und nehmen das in Kauf. Gemeinden dürfen nicht mehr einzonen, ausserhalb der Bauzonen kommt aber die Landwirtschaft und verbaut und zerstört Flächen, die wir schonen wollen. Das darf nicht so weitergehen. Alle aktuellen politischen Vorstösse, die Bauhindernisse ausserhalb der Bauzonen beseitigen wollen, sind unbedingt zurückzuweisen.»

Bauernverband: Stimmt nicht

Diese Vorwürfe weist Ralf Bucher, Geschäftsführer des Bauernverbandes Aargau (BVA), zurück. Er verweist darauf, dass viele Betriebe aufgrund der wachsenden Bauzonen ausgesiedelt wurden. Bucher: «Die einen Betriebe gingen ein, die verbleibenden werden grösser.» Im Ganzen gesehen brauche die Landwirtschaft nicht mehr Platz, aber sie finde halt aufgrund von Emissionen mehr in der Landschaft statt. Bucher: «Schliesslich gab es vor 30 Jahren noch rund doppelt so viele Betriebe.»

Der Rückgang sei gesellschaftlich gewollt, ebenso die Anforderungen bezüglich Tierwohl. Bucher: «Ein Anbindestall für Kühe braucht weniger Fläche als ein Laufstall mit Laufhof. Auch Ausläufe für Schweine und Hühner sind politisch gewollt. Zudem werden Betriebe grösser und arbeiten überbetrieblich zusammen. Das bedingt an den einen Orten mehr Remisenfläche, während ein anderer diese wiederum einsparen kann.» Zudem gebe es für jeden neuen Stall im Grundbuch eine Verpflichtung, diesen abzubrechen, wenn er nicht mehr landwirtschaftlich genutzt wird.

Zum Vorwurf von Johannes Jenny zu einer Hühnerfarm im Jurapark antwortet Bucher: «Der Jurapark ist prädestiniert für Hühnerställe, da hier die Emissionen aufgrund der tiefen Besiedelungsdichte niemanden stören. Zudem bringt so ein Stall Arbeitsplätze und Wertschöpfung in die Region, was ja gewollt ist.» Er mahnt: «Sobald man beginnt, die Landwirtschaft im Jurapark wegen des Juraparks einzuschränken, werden wir den Jurapark bekämpfen.» Bislang hätten ihn die Bauern unterstützt, weil versprochen wurde, dass die Landwirtschaft nirgends eingeschränkt werde und die Bauern darin auch eine Chance sahen, so Bucher.

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