Das Pandemie-Protokoll
Im Blindflug durch das Aargauer Corona-Jahr – ein Rückblick in sieben Kapiteln

Wie der Kanton Aargau in die Pandemiekrise startete und das Jahr 2020 spektakulär beendet. Ein Rückblick in sieben Kapiteln.

Rolf Cavalli
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Eine der unzähligen Corona-Medienkonferenzen.

Eine der unzähligen Corona-Medienkonferenzen.

Severin Bigler

Als der Kanton am 27. Februar den ersten Corona-Infizierten im Aargau meldet, einen 26-jährigen Mann, kann noch niemand abschätzen, dass es Ende Jahr über 28000 sein werden.

Jean-Pierre Gallati (SVP), erst wenige Wochen im Amt als Gesundheitsdirektor, weiss zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass er knapp zehn Monate später einen Entscheid fällen wird, der besonders in seinem politischen Milieu – bei Gewerblern und Rechtsbürgerlichen – Protest hervorruft und ihm selber grundsätzlich ein Gräuel ist: ein massiver Staatseingriff in die Privatwirtschaft in Form von Ladenschliessungen kurz vor Weihnachten.

1. Der Anfang: Ein Vorgeschmack auf das Coronajahr

Zurück in den Februar. Mit der ersten Corona-Ansteckung im Aargau beginnt eine Kaskade von Behördenanordnungen, wie sie sich bis dahin kaum jemand vorstellen kann. Die ersten Aktionen wirken im Rückblick hilflos: Der Bundesrat verbietet Veranstaltungen ab 1000 Personen, solche mit weniger müssen die Kantone selber regeln. Der Aargau führt die Bewilligungspflicht ab 150 Personen ein.

Mit wenigen Ausnahmen (etwa eine Autoausstellung) werden die Gesuche durchgewunken, am ersten März-Wochenende sind es über 400. Das Leben geht für die meisten normal weiter. Aber es ist ein Vorgeschmack auf das, was folgen sollte.

Mitte März macht der Bundesrat der Kakofonie der Kantone ein Ende und verbietet sämtliche Veranstaltungen ab 100 Personen. Kurz danach, am 16. März, ruft der Bundesrat dann die «ausserordentliche Lage» aus. Nun hat er alle Kompetenzen zur Pandemiebekämpfung in den Händen. Beizen, Läden, Schulen werden geschlossen, die Versammlungsfreiheit eingeschränkt. Man nennt es ab jetzt «Lockdown». Gallati sieht sich bestätigt: Der Bund soll in einer solchen Krise «durchbefehlen». Der Aargau vollzieht und ruft die «kantonale Notlage» aus.

Krisenmanager Jean-Pierre Gallati: Anwenden, was er im Militär gelernt habe.

Krisenmanager Jean-Pierre Gallati: Anwenden, was er im Militär gelernt habe.

Henry Muchenberger

2. Der Lockdown: Die Zeit der Worst-Case-Szenarien

Am 17. März werden im Aargau total 69 Coronafälle seit Ausbruch der Pandemie registriert. Neun Monate später werden es über 400 sein – pro Tag.

Die Ausnahmesituation weckt den Major in Gallati. Er könne nun anwenden, was er im Militär gelernt habe: Fixe Strukturen, wie man eine Lage beurteile, einen Entschluss fasse sowie schnell Aufträge erteile. Das kollidiert mit der trägen Organisation einer Verwaltung. Mit der neuen Kantonsärztin Yvonne Hummel, wie er aus dem Freiamt, bildet Gallati das Coronaführungsduo. Der kantonale Führungsstab, vorgesehen «zur Sicherstellung der vereinfachten Führung und Verwaltung in Katastrophen und Notlagen», spielt bloss eine untergeordnete Rolle in Gallatis Krisenmanagement.

Am 20. März gibt der Gesundheitsdirektor an einer Medienkonferenz den ersten Covid-Todesfall bekannt. Ein 88-Jähriger ist das erste von 438 Aargauer Corona-Opfern 2020 (Stand 29.12.).

Es ist die Zeit der Worst-Case-Szenarien. Spitäler erhöhen ihre Kapazitäten. Die Zahl der Beatmungsgeräte und Fachkräfte ist aber beschränkt. Gallati skizziert, wie Spitäler bei Überlastung selektieren müssten. Das Wort «Triage» fällt – die Regelung, welcher Patient bevorzugt wird, wenn es um Leben und Tod geht. Noch sind es nur Szenarien. Aber keiner soll später sagen, man habe nicht mit dem Schlimmsten gerechnet.

3. Die Krankheit: Das Virus ist in der Regierung angekommen

Der Lockdown bestimmt mittlerweile den Alltag im Aargau. Die öffentliche Meinung ist generell wohlwollend gegenüber dem Krisenmanagement des Kantons, der ja nur vollzieht, was der Bund vorgibt. Auch das Murren im Gewerbe hält sich in Grenzen. Das Auffangnetz mit Kurzarbeit und Gratis-Krediten gibt vielen eine Sicherheit. Zumindest psychologisch und auf Zeit.

Die Krankheit selber bleibt für die meisten ein abstraktes Problem, weil sie bisher nur die wenigsten trifft. Die ersten prominenten Infizierten sind ausgerechnet Regierungsräte. Drei von fünf hat es erwischt: Markus Dieth, Urs Hofmann – er muss Anfang April sogar hospitalisiert werden – und Stephan Attiger, wie nachträglich auskommt. Hochgerechnet auf die Bevölkerung hätte die Ansteckungsquote in der Regierung fast das Niveau einer Herdenimmunität.

Die Regierungsräte Urs Hofmann und Markus Dieth erkrankten beide an Covid.

Die Regierungsräte Urs Hofmann und Markus Dieth erkrankten beide an Covid.

Alex Spichale

4. Die Politik: Für Wahlkampf taugt Covid nicht wirklich

Die Pandemie flacht ab, die Ungeduld in der regionalen Wirtschaft steigt. Gewerbeverband, Handelskammer und bürgerliche Parteien ermutigen den Regierungsrat, in Bern Druck zu machen, die Läden frühzeitig wieder zu öffnen. Prompt veröffentlicht der Regierungsrat am 21. April einen offenen Brief an den Bundesrat und wiederholt die Forderungen der Verbände: Nicht nur Coiffeure und Gartencenter, alle Läden sollen ab dem 27. April wieder aufgehen.

Ein Steilpass für Cédric Wermuth. Der Kandidat für das nationale SP-Präsidium kritisiert den Brief scharf: Die Regierungsräte seien nicht die Pressestelle des Gewerbeverbandes. Wermuth unterstellt ihnen, Wahlkampf für ihre Wiederwahl zu betreiben. Allerdings: Die Ungleichbehandlung der Läden ist auch in der SP umstritten.

Natürlich geht der Bundesrat nicht auf die Forderung ein. Erst am 19. Juni hebt er die ausserordentliche Lage auf. Entsprechend verkündet der Regierungsrat «aufgrund der positiven Entwicklung bei den Neuinfektionen» das Ende der kantonalen Notlage. Nur zwei, drei Neuinfektionen pro Tag zählt der Aargau im Juni.

Zwar mahnen Virologen zur Vorsicht, die zweite Welle sei nur eine Frage der Zeit. Aber in diesem Moment sind die meisten einfach froh, dass fürs Erste das normale Leben zurück ist.
Die Gesundheitsbehörden setzen vermehrt auf Testen und Contact-Tracing, wozu in Aarau ein eigenes Center aufgebaut wurde. 14 Mitarbeiter, vor allem Zivilschützer, sind da beschäftigt.

Die Grossrats- und Regierungsratswahlen im Oktober rücken näher. Corona taugt aber kaum als Thema. Es gibt nur scheue Kritik an Gallatis Kurs. Keine Partei will sich die Finger verbrennen. Erstens, weil niemand ein alternatives Pandemiekonzept in der Schublade hat und zweitens, weil Betroffenheit und Meinungen zu Covid divers sind quer durch alle Parteien.

5. Die Maskenfrage: Experte gegen Regierungsrat

Einzig am Masken-Thema arbeiten sich Politiker gerne ab. Auch der Gesundheitsdirektor macht keinen Hehl daraus, dass er nicht viel von Schutzmasken hält. Vor allem nicht in Läden. Weil sich die Menschen dort laut Statistik der Behörden kaum anstecken, sieht Gallati keine Veranlassung, eine Maskenpflicht in Verkaufsgeschäften einzuführen. Christoph Fux, Chefarzt Infektiologie am Kantonsspital Aarau, widerspricht und befürwortet die Maskenpflicht auch in Läden, «um die Barriere zwischen der Allgemeinbevölkerung und der Risikogruppe möglichst hochzuhalten».

In der Maskenfrage gibt es erstmals auch kleine Dissonanzen im sonst harmonisch agierenden Regierungsrat. Gallati setzt sich vorerst durch. Doch dann spricht der Bundesrat ein Machtwort: Ab dem 19. Oktober muss – wie in den Nachbarkantonen Solothurn und Zürich schon länger – auch in Aargauer Läden eine Maske getragen werden.

Gallati mit Designermaske. In Läden hält er Schutzmasken lange für unnötig.

Gallati mit Designermaske. In Läden hält er Schutzmasken lange für unnötig.

Michael Würtenberg

6. Die zweite Welle: Machtkampf und Strategiewechsel

Je kürzer die Tage werden, desto stärker verbreitet sich das Virus wieder. Die Mitarbeiter im Contact-Tracing-Center kommen nicht mehr nach mit der Bearbeitung von Fällen. Bürger berichten von Quarantäne-Anweisungen, die auf eine Periode datiert werden, die längst abgelaufen ist. Die Kritik am Gesundheitsdepartement, vor allem aus FDP- Kreisen, wächst. Ende November wird das Contact-Tracing-Team von 30 auf 70 Personen aufgestockt.

Es ist mittlerweile Dezember. Der Machtkampf zwischen Bund und Kantonen spitzt sich zu. Am 4. Dezember stellt Bundesrat Alain Berset den Kantonen mit überdurchschnittlich hohen Fallzahlen ein Ultimatum: Entweder sie verschärfen die Massnahmen selber oder der Bund tut es. Auch der Aargau ist gemeint. Doch das Duo Gallati-Hummel bleibt vorerst dabei: Es bestehe keine Notsituation.

Zwei Tage später ändert sich die Tonlage. Die neusten Zahlen im Aargau geben dem Regierungsrat zu denken: 469 Neuansteckungen an einem Tag, 172 Covid-Patienten hospitalisiert, 26 auf der Intensivstation. Der Regierungsrat begrüsst nun die Vorschläge des Bundesrates, Veranstaltungen zu verbieten sowie den Gastro- und Ladenbetrieb einzuschränken.

Aufgeschreckt durch den raschen Anstieg der Coronawerte ist es nun der Aargauer Gesundheitsdirektor, der vom Bundesrat Verschärfungen fordert. Vor allem die Alarmzeichen aus dem Kantonsspital Baden, zu dem Gallati eine enge Beziehung pflegt, nimmt der Regierungsrat besorgt zur Kenntnis. Das Personal sei mit den Kräften am Ende, die Intensivstationen voll, meldet das KSB am 15. Dezember. Gallati wird klar: Wenn nichts passiert, kollabiert sein Gesundheitswesen spätestens im Januar und eine Triage von Patienten wird unvermeidbar. Das Szenario vom Frühling droht nun Realität zu werden.

7. Die Eskalation: Gallati überrumpelt Freund und Feind

Am Freitag, 18. Dezember, setzt der Regierungsrat um, was Gallati zwei Tage vorher in einem AZ-Interview angedeutet hat: Geht der Bundesrat nicht weit genug, verschärft der Aargau die Massnahmen selber. Über Nacht erfahren Ladenbesitzer, dass sie ab Montag für einen Monat schliessen müssen. Wirtschaftsverbände und bürgerliche Parteien protestieren in einem offenen Brief. Doch diesmal geht der bürgerliche Regierungsrat nicht ein auf die Bitten seiner politischen Freunde.

Das Gesundheitsdepartement ist derweil mit der nächsten Herausforderung konfrontiert: Der Impfstoff ist früher da als erwartet. In der Verwaltung mangelt es offenbar an geeignetem Personal, um dies zu bewältigen. Über die Festtage holt sich Gallati Verstärkung. Er engagiert Andreas Obrecht, einen militärerprobten Wirtschaftsmathematiker als Impfchef und zur Begleitung der Impfkampagne Kommunikationsberater Philipp Gut, ehemals stellvertretender «Weltwoche»-Chefredaktor.

Die Erwartungen sind gross. Die Aussicht auf eine Covid-Impfung ist nach einem Jahr des Blindflugs für viele mehr als ein Silberstreifen am Horizont. Die Bewährungsprobe beginnt mit dem versprochenen Impfstart am 5. Januar.

Der Impfstoff ist im Kantonsspital angekommen. Hier wird er mit Trockeneis bei minus 70 Grad zwischengelagert.

Der Impfstoff ist im Kantonsspital angekommen. Hier wird er mit Trockeneis bei minus 70 Grad zwischengelagert.

Britta Gut

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