Miss Schweiz

In Spreitenbach zuhause, in Baden gekürt – Jastina ist die Miss mit dem kürzesten Heimweg

In der Badener Trafohalle wurde am Samstag nach dreijähriger Pause wieder die schönste Schweizerin gekrönt. Warum Jastina Doreen Riederers Grossmutter betete und wessen Traum in Erfüllung ging. Die Reportage.

Als der Moderator ihren Namen ins Mikrofon ruft, schlägt sie sich die Hände vor den Mund – die neue Miss Schweiz kann ihr Glück nicht fassen. Jastina Doreen Riederer, 19,
Detailhandelsfachfrau, Spreitenbach.

Zwei Stunden später sitzt sie unter lauter Musik an der Aftershow-Party im Club Joy des Grand Casinos Baden. Missen-Mami Anita Buri hält ihre Hand, beide strahlen vor Freude, Buri sagt zum Security: «Sie sött emol ufs WC, chasch du mit ihre goh?» Es ist ein neues Leben, das für Jastina Doreen Riederer an diesem frühlingshaften Samstagabend in Baden seinen Anfang nimmt.

Die neue Miss Schweiz heisst Jastina Doreen Riederer

Die neue Miss Schweiz heisst Jastina Doreen Riederer

Geduld vor Umarmung

Dabei hätte das niemand erwartet. «Gehofft hat sie es schon, aber erwartet nicht», korrigiert Teresa, die Mutter von Jastina Doreen. Um das rote Plüschsofa stehen ehemalige Missen, Casino-Direktor Detlef Brose, Familie und Freunde der neuen Miss Schweiz.

Lange mussten sie sich gedulden, bis sie ihre Jastina nach der Krönung endlich in den Arm nehmen konnten: Journalisten aus allen Landesteilen wollten die Schönste zuerst für sich haben.

«Sie hat so gekämpft»

«Sie hat so gekämpft»

Bruder Tommy war ihr Vorbild und Mutter Teresa hat mit ihr gelitten – Emotionen pur bei Familie Riederer nach der Wahl von Jastina Doreen aus Spreitenbach zur neuen Miss Schweiz.

Ihr Bruder Tommy Riederer strahlt und weint gleichzeitig, sagt: «Es ist unglaublich. Ich weiss, dass ich sie jetzt etwas weniger sehen werde. Aber das ist der Job. Vor zehn Jahren stand ich bei der Mister-Zürich-Wahl selber im Final. Es war aber schwierig als Aargauer. Jetzt hat es für sie gereicht, und dann erst noch grad Miss Schweiz!» Damals habe sie als kleines Mädchen ihn auf die Bühne begleitet, heute habe er in der Vorentscheidung hinter ihr stehen dürfen. «Es ist ein Traum, der in Erfüllung geht, für die ganze Familie.»

Daneben steht die Nonna, Dorothe Doreen Marchese, von ihr hat die Miss Schweiz den mittleren Namen geerbt. «Sie hat sehr viel durchgemacht. Ich habe mir das so fest für sie gewünscht. Ich habe ganz viel gebetet. Ich habe sogar meinem verstorbenen Liebsten im Himmel gesagt, er müsse auch für sie beten.» Sie schlägt die Hände vors Gesicht, Tränen rollen ihr über die Backen auf ihr weisses Spitzenkleid.

Hinter ihr rückt Jastina Doreen die Krone zurecht, sieben Zacken, eine glitzernde Bergsilhouette, in der Mitte ein rotes Edelsteinherz. Sie ist ihr etwas zu gross, rutscht immer wieder leicht vom Kopf, später legt sie sie ganz ab. Miss Schweiz war schon immer ein Amt, in das man erst hineinwachsen muss.

Der violette Teppich

Fünf Stunden vorher im Trafo: Polizisten stehen im Kreis, ein Techniker steigt in den Übertragungswagen von Sat.1 Schweiz, zwei Samariter der Sektion Lägern Wettingen plaudern vor ihrem gelben Einsatzfahrzeug. Die Autos, die vom Sicherheitsdienst eingewiesen werden, sind gross und glänzend. Die Frauen, die aussteigen, tragen hohe Schuhe und lange Kleider, die Männer dunkle Anzüge und seidene Krawatten. Der rote Teppich ist hier violett, das Licht gedämpft.

Vor den Logos der Sponsoren lassen sich die Prominenten mit Blitz fotografieren. Eine Mitarbeiterin von Bauknecht verteilt Wettbewerbstalons. In der Trafohalle wurden mit Baugerüsten Tribünen aufgestellt. Die Plastikstühle sind beschriftet: Familie Riederer, Familie Molinari, Familie Klingelfuss. Mercedes Klingelfuss ist die Kandidatin mit dem schönsten Namen und die Favoritin beim Team der «Schweizer Illustrierten».

Auf jedem Sitz steht eine gepackte Tragtasche, darin Geschenke wie das neue «007»-Parfüm, Milchschokolade mit Haselnüssen, ein Gutschein für 20 Prozent Rabatt bei Ochsner Shoes. Vis-à-vis den Angehörigen lauten die Namen auf den Klebeetiketten Alina Buchschacher, Anita Buri, Tanja Gutmann. Die Schönen von gestern sitzen bei den Schönen von morgen in der ersten Reihe, getrennt nur durch eine Schiene, auf der eine Fernsehkamera gleitet.

Backstage werden einige Kandidatinnen geschminkt, andere essen etwas. Mit ihnen reden kann man jetzt, kurz vor der Show, nicht. Das sagt einem der Mann, der mit breiten Schultern und kleinem Knopf im Ohr vor der offenen Türe steht, ohne dass er etwas sagen muss.

Familie Riederer gibt an der Garderobe ihre Mäntel ab. Mutter Teresa sagt: «Ich bin nervös, aber sie nicht. Sie blüht auf, wenn sie auf der Bühne stehen kann.» Auf dem «Purple Carpet» gibt Topmodel Dominique Rinderknecht ins Mikrofon von Radio Zürisee der künftigen Miss Schweiz ihren persönlichen Tipp mit auf den Weg: «Man muss versuchen, auf dem Boden zu bleiben, sich selber zu bleiben.»

Organisatorin Angela Fuchs hastet vom Teppich Richtung Garderobe, bespricht sich kurz mit einer Assistentin. «Bis jetzt läuft alles gut.» Ausserplanmässig sei nur, dass die Schneiderin Änderungen an einem der Kleider habe vornehmen müssen, und jetzt selber kein Kleid mehr habe. Aber das werde man auch noch lösen.

Persönlichkeit mit Potenzial

In der Halle 36-2, direkt neben der Trafohalle, wird das «Flying Dinner» serviert: Ravioli gefüllt mit Kräuterfrischkäse an Basilikum-Tomatensugo; Zurzacher Kalbsgeschnetzeltes an Paprikarahmsauce mit Safran und Quarkspätzli; Medaillons vom Zanderfilet gebraten an Pernodschaum mit Limonenreis.

Während die geladenen Gäste für die Show Platz nehmen, erben die Journalisten den Nebenraum und die übrig gebliebenen Apéroportionen. Weil es im ausverkauften Saal keinen Platz hat, müssen sie die Livesendung von hier aus mitverfolgen. Moderator Patrick Hässig, bis vor kurzem Radiomann, jetzt in der Ausbildung zum diplomierten Pflegefachmann, sagt, er sei sehr glücklich, heute hier zu sein. «Es sieht sensationell aus in dieser Halle!»

Fotoshooting für die AZ: Jastina Doreen im Schneetreiben.

Fotoshooting für die AZ im Februar 2018: Jastina Doreen im Schneetreiben.

Jastina Doreen eröffnet die Sendung, sie balanciert in der Luft auf einem hängenden Hula-Hoop-Reifen. In ihrer Vorstellung sagt die Kandidatin mit der Nummer 01 (90 Rp. pro Anruf oder SMS): «Ich mues Miss Schweiz wärde, will ich vo ganzem Härze debi bin.»

Über 1000 Bewerbungen waren eingegangen, nachdem es die Schönheitskonkurrenz drei Jahre lang nicht mehr gegeben hat. Die Kandidatinnen laufen über den Catwalk, im Abendkleid oder im Bikini. In Einspielern sieht man sie, wie sie einen Werbespot für das «007»-Parfüm drehen.

Die Juroren werden nach den ersten Durchgängen nach ihren Favoriten gefragt. Radio- und Fernsehmoderator Jonathan Schächter, bekannt als Jontsch, nennt als Einziger die Aargauerin. «Man merkt, dass sie jung ist. Aber sie hat eine super Ausstrahlung. Eine Persönlichkeit, die viel Potenzial hat.»

Jastina Doreen schafft es mit ehrlichen Antworten durch alle Vorentscheidungen, bricht bereits in Tränen aus, als sie weiss, dass sie unter den letzten drei ist. Mutter Teresa und Bruder Tommy stehen hinter ihr, sie hält ihre Hand, er küsst sie auf den Kopf. Im Kurzinterview sorgt die Spreitenbacherin für den Lacher des Abends. Was sie unter ihrem Bett habe, will Moderator Hässig wissen. «Mmmh... ein Glas Nutella.»

Die Journalisten werden hinter einer Kordel versammelt, dürfen kurz vor der Krönung in den Saal. Moderator Hässig: «Ich luege i das Couvert ine, und es het tatsächlech en Name dine. D’Miss Schweiz 2018 heisst: Jastina Doreen Riederer!» Gekreische, Konfettikanonen, Blitzlichtgewitter. Während die Schönste überrannt wird, steht Juror Jontsch etwas abseits und nickt anerkennend: «Sie ist ein Rohdiamant, der Ende Jahr glänzen wird.»

Autor

Mario Fuchs

Mario Fuchs

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