NAB-Regionalstudie
Jedes vierte Aargauer KMU hat einen akuten Mangel an Fachkräften

Die Rahmenbedingungen im Aargau für Firmen sind gut. Gleichwohl bekunden 60 Prozent der KMU Mühe bei der Suche nach Fachkräften. Jedes vierte Unternehmen ist stark betroffen. Gleichzeitig pendeln täglich netto 20'000 Hochqualifizierte aus dem Aargau weg.

Mathias Küng
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CEO Roland Herrmann und Studienverfasserin Sara Carnazzi.

CEO Roland Herrmann und Studienverfasserin Sara Carnazzi.

Romeo Basler

Seit Jahren ist der Fachkräftemangel eine der meistgehörten Klagen im Gewerbe, und in der ganzen Wirtschaft. Doch wie sieht der Mangel konkret aus? Welche Strategien versprechen Erfolg? Solchen Fragen geht die Neue Aargauer Bank (NAB) in einer neuen Studie nach.
Die Studienverfasser wollten von aargauischen KMU wissen, welches für sie die wichtigsten Erfolgsfaktoren sind. Das Resultat ist eindeutig, so Studien-Co- Autorin Sara Carnazzi. Den wichtigsten Faktor bilden die Mitarbeitenden und ihre Qualifikation. Es folgen das wirtschaftliche Umfeld, Infrastruktur usw.

Akuter Mangel in jedem 4. KMU

Nicht überraschend ergab die Studie, dass der Aargau bei der Ausbildung überdurchschnittlich auf Berufsbildung setzt. Dass mehr Menschen zur Arbeit aus dem Aargau weg- als zupendeln, ist nicht neu. Sehr interessant ist aber, dass der Aargau ein kräftiger Nettoexporteur von hochqualifizierten Arbeitskräften ist. 42 000 der 107 000 Wegpendler haben nämlich einen Hochschulabschluss oder eine höhere Fach- und Berufsbildung. Umgekehrt pendeln 23 000 ebenso gut ausgebildete Personen zur Arbeit in den Aargau. Netto «exportiert» der Aargau rund 20 000 Hochqualifizierte.

59'000

Personen (von 107'000 Wegpendlern) fahren täglich aus dem Aargau in den Kanton Zürich. Von dort pendeln umgekehrt 17'000 Personen in den Aargau.

Allerdings ist laut NAB-CEO Roland Herrmann ein Viertel aller Aargauer KMU akut vom Fachkräftemangel betroffen. Gar 60 Prozent der Personal suchenden Firmen haben Schwierigkeiten, geeignete Kandidierende zu finden. Nochmals Herrmann: «Alle Akteure im Aargau sind hier gefordert – ich denke an Unternehmen, Bildungsinstitutionen, Berufsberatung – Kandidatinnen und Kandidaten zu motivieren, sich für eine Karriere in den vom Fachkräftemangel betroffenen Bereichen zu entscheiden.» Bau und Industrie sind stärker betroffen als die Dienstleistungsbranche. Derzeit werden überproportional viele Arbeitskräfte in technischen Berufen sowie Produktionsberufen in Industrie und Gewerbe gesucht (siehe Grafik unten).

Lehrlinge in jeder zweiten Firma

In Kenntnis der Mangelsituation setzen daher 80 Prozent der befragten KMU auf Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden. 53 Prozent bilden Lehrlinge aus, 50 Prozent setzen auf attraktivere Arbeitsbedingungen. Die Rekrutierung von Arbeitskräften aus dem Ausland stehe dabei nicht im Vordergrund. Im Zurzibiet und im Fricktal sind Grenzgänger allerdings bedeutend.

Hier sind am meisten Stellen offen:

Hier sind am meisten Stellen offen:

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Die Studie ergibt weiter, dass im Kanton Aargau (mit Ausnahme der Regionen Baden und Mutschellen) Hochqualifizierte untervertreten sind. Insgesamt dominiert im Industrie-und Hightech-Kanton die Berufslehre, die von den kleinen und mittleren Unternehmen als zentraler Faktor für die Standortattraktivität geschätzt wird. Der Bildungsstand steige im Aargau zwar wie in der ganzen Schweiz, so Carnazzi.

Besondere Herausforderung: Digitalisierung gegen Fachkräftemangel

Nebst der demografischen Herausforderung erkennen die Verfasser der NAB-Studie (siehe Hauptartikel) einen zweiten Megatrend: die Digitalisierung. Sie erwarten, dass die Automatisierung Engpässe beim Fachkräftebedarf reduzieren könnte. Gleichzeitig werde die Digitalisierung viele Berufe stark verändern und den Bedarf an Fachkräften in gewissen Sektoren steigern. Die Digitalisierung führe weg von den einfachen Routine-Tätigkeiten hin zu analytischen Nicht-Routine-Tätigkeiten.

Die Automatisierung von Tätigkeiten möge aus Arbeitsmarktsicht durchaus bedrohlich klingen, «da gewisse Tätigkeiten künftig am Arbeitsmarkt weniger nachgefragt werden», hält Sara Carnazzi in der Studie fest. Umgekehrt können dadurch aber auch Engpässe beim Fachkräftebedarf reduziert werden. Bereits heute setze gut ein Viertel der befragten Unternehmen auf Digitalisierung und Automatisierung gegen den Fachkräftemangel.

Dabei fällt auf, dass der Anteil der KMU, die darauf setzen, mit dem Automatisierungspotenzial der entsprechenden Branche übereinstimme. Carnazzi: «Wir erwarten einen steigenden Bedarf an qualifizierten Fachkräften aufgrund der Digitalisierung.» Es werde weitere neue Berufe geben. (MKU)

Doch es bestehe eine deutliche Lücke zum Landesmittel. Der Abstand vergrössere sich gar. Bei den Hochschulabschlüssen fällt der Aargau weiter zurück, «und dies nicht nur bei den Universitäten, sondern auch bei den Fach- und pädagogischen Hochschulen». Augenscheinlich mit Sorge beobachten die Autoren, dass die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) nicht genug zusätzlichen Zulauf haben.

36

Prozent beträgt im Aargau die Maturitätsquote. Sie steigt wie in der Schweiz überhaupt. Im Aargau ist aber der Anteil der Berufsmaturität höher als derjenige der gymnasialen Maturität.

Dennoch verteidigt der Aargau den dritten Rang im Standortqualitätsindex der Kantone. Diesen hatte er im Zuge der 2012 beschlossenen (und heftig umstrittenen) Steuersenkung erreicht. Zug belegt Rang 1, Zürich Rang 2. In diesem Index werden harte Faktoren wie Steuerbelastung, Verfügbarkeit von Hochqualifizierten und Fachkräften, Erreichbarkeit von Flughäfen usw. verglichen.

Die Studie geht dabei bis auf Stufe der Wirtschaftsregionen hinunter. Gesamtschweizerisch gibt es 110 davon. In dieser Rangliste platziert sich die Region Baden an herausragender dritter Stelle. Die Wirtschaftsregion Mutschellen sonnt sich auf Platz 6. Selbst das inneraargauische Schlusslicht Freiamt ist mit Platz 27 (von 110) sehr gut positioniert. All dies zeigt: Die Rahmenbedingungen im Aargau sind für Unternehmen gut.

69

Prozent der befragten Aargauer KMU wünschen sich, dass mehr junge Menschen als heute eine Berufslehre wählen, und sich dann gegebenenfalls via Fachhochschule oder höhere Fachschule weiterbilden.

Standortqualität gefährdet

Bei der Unternehmensbesteuerung dürfte sich allerdings bald etwas ändern. Die sogenannte «Steuervorlage 17» des Bundes (die Nachfolgelösung für die gescheiterte Unternehmenssteuerreform III) ist derzeit in der Vernehmlassung. Der Kanton Aargau ist heute bei den Unternehmenssteuern im vorderen Mittelfeld positioniert. NAB-CEO Roland Herrmann plädierte bei der Präsentation der Studie in Aarau dafür, dass der Aargau seinen dritten Rang in diesem Index halten soll.

Wegen des in Schieflage geratenen Kantonshaushaltes will die Regierung allerdings den Steuerfuss ab 2019 um 5 Prozent erhöhen. Herrmann befürchtet, dass der Aargau angesichts der in zahlreichen Kantonen erwarteten Reduktionen der ordentlichen Unternehmenssteuersätze ohne Begleitmassnahmen zurückfallen und an Standortqualität einbüssen würde.

Besondere Herausforderung: Pensionierungswelle wird unterschätzt

Im schweizerischen Vergleich ist der Aargau ein relativ junger Kanton. Dennoch trifft ihn bei den «Babyboomers» dieselbe Thematik wie das ganze Land. In den nächsten fünf Jahren werden laut einer Prognose der Credit Suisse schweizweit eine halbe Million Menschen pensioniert. Im Aargau werden es rund 40'000 sein. In der Folge wird die Zahl der Erwerbstätigen abnehmen, erwartet NAB-CEO Roland Herrmann.

Die befragten Firmen schätzen den zusätzlichen Bedarf an Fachkräften wegen der Pensionierungen aber mehrheitlich als eher gering oder gar sehr gering ein. Die Studienverfasser glauben, dass dieses Problem noch unterschätzt wird. Eine Möglichkeit, das Arbeitskräftepotenzial älterer Fachkräfte besser zu nutzen, sei deren Beschäftigung über das Rentenalter hinaus.

Roland Herrmann ist überzeugt, dass das heutige System mit einem fixen Pensionierungsalter flexibilisiert werden müsse.
Die Studie verweist weiter auf 15 Prozent Nichterwerbspersonen, vorab Frauen. Da liege ein Potenzial gut ausgebildeter Personen brach, das man nützen solle. Verbesserungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie steuerliche Anreize für doppelverdienende Ehepaare könnten einen Beitrag leisten. (MKU)

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