Integration im Aargau

Jetzt reden die Flüchtlinge: «Es gibt so wenige, die helfen»

Die Caritas Aargau organisierte im November einen Workshop für Flüchtlinge. Dort konntne sie sich über das Thema "Integration" äussern.

Die Caritas Aargau organisierte im November einen Workshop für Flüchtlinge. Dort konntne sie sich über das Thema "Integration" äussern.

Die Mehrheit der Flüchtlinge im Aargau wollen nach eigenen Angaben die deutsche Sprache lernen und einer Arbeit nachgehen. Sie beklagen sich über mangelnde Unterstützung und prangern Diskriminierung im Alltag an.

Die Schweiz diskutiert über sie: Die Flüchtlinge, die sich in unserem Land aufhalten und Schutz suchen. Unzählige Politiker und Wissenschaftler haben uns schon Antworten auf die Gretchenfrage geliefert, wie eine gelungene Integration von Flüchtlingen aussehen könnte. Nun erfährt die Öffentlichkeit, was die Betroffenen selber zum Thema denken und sagen.

Die Caritas Aargau organisierte im November in der Aarauer Schachenhalle einen Workshop, an welchem 220 Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern teilnahmen. «Der Anlass war eine Austauschplattform zu Themen der Integration und Partizipation», schreibt die Caritas Aargau in einer Medienmitteilung. Zwei Studentinnen der Fachhochschule Nordwestschweiz haben als Projektarbeit die Diskussionsprotokolle und Fragebögen wissenschaftlich ausgewertet.

Die Ergebnisse liegen jetzt vor.

Motivation: Die Flüchtlinge sind offenbar sehr motiviert, sich in der Schweiz zu integrieren (92 Prozent). Wie ein Grossteil der Bevölkerung bewerten es auch die Flüchtlinge als eminent wichtig, die Sprache zu lernen. 94 Prozent möchten sich auf Deutsch unterhalten können und sind gewillt, Sprachkurse zu besuchen. Die Kurse des Aargaus reichen aber nicht aus, die für sie völlig fremde Sprache in Wort und Schrift zu lernen. Die Frauen haben zusätzlich die fehlende Kinderbetreuung als Hindernis angegeben.

Auch die Bereitschaft, an freiwilligen Integrationsangeboten zu partizipieren ist gross. Der Haken daran: Nur gerade etwas mehr als die Hälfte (52 Prozent) gab an, die Angebote zu kennen. Warum ist das so? Barbara Cavelti, zuständig für das Kantonale Integrationsprogramm Aargau (KIP): Vielleicht hätten mehr Flüchtlinge angegeben, die Möglichkeiten zu kennen, wenn man nach konkreten Angeboten gefragt hätte.»

Soziale Beziehungen: Als Spitzenthema bei den Befragungen hat sich der Wunsch nach mehr Kontakt und Beziehungen zu Einheimischen herauskristallisiert (97 Prozent). Die wenigen Flüchtlinge, die positive Erfahrungen mit Schweizern gemacht haben, werten dies als sehr wichtiges Element ihrer Integration. Jedoch hätten zahlreiche Teilnehmenden im Alltag Diskriminierung erfahren oder sie leiden unter Vorurteilen, und diese sind für den Aufbau von sozialen Kontakten hinderlich, schreibt die Caritas Aargau.

Dass sich die Flüchtlinge in der Schweiz wohlfühlen (86 Prozent), erstaunt nicht sonderlich, weil sie oft aus Krisengebieten hierher geflohen sind. Willkommen fühlen sich 77 Prozent und gleichberechtigt nur etwas mehr als jeder Zweite (54 Prozent). Diese Aussage eines Flüchtlings ist exemplarisch: «Hier in der Schweiz haben wir keine Angst mehr ums Leben oder die Sicherheit. Hier haben wir Angst, was die anderen Menschen über uns denken.»

Bildung und Arbeit: Die Flüchtlinge sind sich bewusst, dass man ohne Arbeit nicht leben kann. Jedoch gäbe es bei der Arbeitssuche zahlreiche Hindernisse: Keine Diplome, das Alter und Diskriminierung sind nur einige der Gründe, welche angegeben wurden. Die Flüchtlinge – vor allem die Älteren – fordern mehr Unterstützung: «Beispiele zeigen, dass wenn bei der Arbeitssuche geholfen wird, man auch wirklich Arbeit findet. Und das ist doch für alle gut. Aber es gibt so wenige, die helfen. Uns fehlen auch Informationen. Gerne hätten wir Hilfe, um einen Start ins Berufsleben zu schaffen», sagt einer.

Die Co-Geschäftsführerin der Caritas Aargau Regula Kuhn-Somm zieht ein positives Fazit aus dem Anlass: «Die Diskussion mit Flüchtlingen ist tausendmal wertvoller und ausgiebiger als die Diskussion über Flüchtlinge.» Die Resultate sind allerdings nur beschränkt aussagekräftig. Die Verantwortlichen der Caritas Aargau schreiben in ihrem Bericht von einem «positiven Framing.» Das heisst, dass die Flüchtlinge aus Dankbarkeit gegenüber den Organisatoren, gegenüber dem Kanton und der Schweiz, die Fragen möglicherweise positiver beantwortet hätten.

Autor

Nicola Imfeld

Nicola  Imfeld

Meistgesehen

Artboard 1