Er habe nicht gewusst, wie ihm geschehe, gibt Lukas (alle Namen geändert) vor Gericht zu verstehen. Damals, im August 2014 standen plötzlich Polizisten in seiner Wohnung in der Region Aarau, nahmen ihn mit, steckten ihn auf Geheiss der Staatsanwaltschaft zwei Wochen in U-Haft. Den Vorwurf erfuhr Lukas erst auf dem Posten: Vergewaltigung. Bei den Ermittlungen fand man auf seinem Facebook-Profil ausserdem das Video einer Töff-Raserfahrt über das Benkerjoch, vom Fahrer selber aufgenommen, das Tacho zeigt 194 km/h. Und noch während der Ermittlungen erhob eine weitere Frau, eine von Lukas’ zahlreichen Affären, Vorwürfe gegen ihn. Dieses Päckli an Straftatbeständen, darunter qualifizierte Verkehrsregelverletzung, Körperverletzung, Nötigung, Vergewaltigung und Beschimpfung, kam vor dem Bezirksgericht Kulm zur Anklage. Bei einem Teil war bereits die Verjährung eingetreten.

Führerausweis und Job verloren

Lukas (40) ist gross und kräftig, aber schlank. Dass ihm das Strassenverkehrsamt den Führerausweis abgenommen hatte, noch bevor ein Schuldspruch vorlag, hatte ihn den Job im Aussendienst gekostet. Nach einiger Zeit der Arbeitslosigkeit hat er nun wieder eine Stelle, aber kein Billett. Ihm fehle das Geld für das verkehrspsychologische Gutachten, sagte er vor Gericht. Es sei ihm in den letzten viereinhalb Jahren seit der Verhaftung zeitweise sehr schlecht gegangen, noch heute nehme er Psychopharmaka. Eine feste Freundin hat er nicht; Frauen lernt er auf einschlägigen Apps wie Tinder kennen, schläft mit ihnen meist ohne Kondom. Eine davon war Petra. Sie verabredete sich im August 2014 mit Lukas. Zu Kaffee und Kuchen bei ihm, würde sie später aussagen. Sie sagte auch, Lukas habe sie noch an der Tür gepackt, ins Schlafzimmer gestossen und ausgezogen. Dann soll er sie gewürgt sowie geschlagen haben, auf den Po, die Beine, die Brüste. Es kam laut Anklage zur Vergewaltigung. Sie habe immer Nein gesagt, gab Petra zu Protokoll.

Nur ein Opfer sagte aus

Von der Verhandlung liess sich Petra dispensieren, weshalb nur Lukas’ Version vorgetragen wurde. Er sagte, er habe sich mit Petra schon vor jenem Sonntagnachmittag im August «etwa sieben Mal» für Sex getroffen; im Thermalbad und beim Vogelinseli in Aarau. Sie hätten immer harten Sex gehabt, Petra habe auch Utensilien für Fesselspiele mitgebracht. Auch beim Sex am Tattag habe er ihr «sicher auch eins oder zwei auf den Arsch gehauen», aber sie habe sich weder während noch nach dem Akt beschwert, sondern im Gegenteil noch wochenlang mit ihm im Chat geplaudert. «Ich hatte nie das Gefühl, ich hätte etwas falsch gemacht. Für mich ist wichtig, dass die Frau auch Spass hat. Ein Nein ist für mich ein Nein.» Die Strafanzeige hatte denn auch nicht Petra gemacht, sondern deren Freundin.

Vor Gericht erschienen war hingegen das zweite Opfer, Rahel, wie Petra einige Jahre jünger als Lukas. Sie beschrieb ihn als «sehr dominant und besitzergreifend». Er könne zwar sehr nett sein, aber auch innert Minuten ausrasten. Laut Anklage hat Lukas Rahel tagelang mit Telefonanrufen belästigt, teilweise fast 90 pro Tag, ausserdem unflätige Whatsapp-Nachrichten geschickt und sie per Combox-Nachricht beschimpft. Ausserdem soll er sie nach einem Streit nicht aus seiner Wohnung gelassen haben, und als sie über die Gartentür rauskam, nahm er ihr ihren Autoschlüssel ab und warf ihn ins Gebüsch.

Lukas bestritt diese Vorwürfe und insbesondere die Beschimpfungen nicht grundsätzlich: «Ich kenne mich so nicht und schäme mich dafür.» Er sei verliebt gewesen und habe sich durch ihre Zurückweisung verletzt gefühlt. Am Autofahren habe er sie hindern wollen, weil sie getrunken habe.

Anklage fordert Freispruch

Für die Überraschung des Tages sorgte bei der Verhandlung Staatsanwalt Simon Burger. Er, der Ankläger, forderte einen «knappen» Freispruch für die Vergewaltigung samt begleitenden Straftatbeständen. Aus dem höchst umfangreichen dokumentierten SMS-Verkehr zwischen Petra und Lukas ersehe man, dass sie sich gerne unterwerfe und sich explizit harten Sex von ihm gewünscht hatte, sogar noch am Tattag, konkret: «Fesslä mit allem Drum und Dra.» Es sei wohl schon zum Einsatz von Gewalt gekommen, man könne Lukas aber nicht nachweisen, dass er sich vorsätzlich über Petras Willen hinweggesetzt habe; oder dass für ihn erkennbar gewesen sein müsse, dass sie es sich allenfalls anders überlegt haben könnte. Der Fall sei alles andere als klar, weshalb die Staatsanwaltschaft ihn nicht eingestellt habe. Burger forderte für die anderen Tatbestände 24 Monate Gefängnis bedingt und eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen.

Das Gesamtgericht sprach Lukas schliesslich nur wegen Beschimpfung (die Combox-Nachrichten und Whatsapp) sowie Nötigung (das Wegnehmen des Autoschlüssels) schuldig und verhängte eine bedingte Geldstrafe von 60 Tagessätzen à 140 Franken. Punkto Vergewaltigung sah es das Gremium wie Staatsanwalt und Verteidiger. Auch um eine Verurteilung für die Raserfahrt kam Lukas gemäss dem Grundsatz «in dubio pro reo» – herum: Dass der Angeklagte tatsächlich der Töffraser auf dem Video sei, könne man nicht feststellen: Zwar entsprächen die Helmfarbe und der Motorrad-Typ seiner Ausrüstung. Aber man könne eben nicht sicher sein, dass tatsächlich er gefahren sei.