Wahlen AG 2019

Kandidaten von Polparteien haben es schwer bei Wählern im gegnerischen Lager

Die Panaschierstatistik zu den Nationalratswahlen vom 20. Oktober zeigt, dass Kandidierende von Polparteien links und rechts aus ihnen nahestehenden Parteien massiv unterstützt werden, im gegnerischen Lager aber praktisch leer ausgehen. Mittepolitiker erhalten am ehesten substanziell Stimmen aus verschiedenen Lagern.

Bei den Nationalratswahlen kann man eine kandidierende Person ein- oder zweimal auf dem Wahlzettel aufführen (kumulieren). Und man kann auf der Wahlliste der favorisierten Partei auch Namen aus anderen Listen eintragen. Dies nennt man Panaschieren. Das Panaschierverhalten zeigt, von welchen Parteilisten (inkl. Listen ohne Bezeichnung) die Stimmen zu Kandidierenden anderer Parteien geflossen sind.

Die Panaschierhäufigkeit sagt viel über die parteiübergreifende Akzeptanz eines Kandidaten beziehungsweise einer Kandidatin aus. Eine frühere Panaschierkönigin war etwa Pascale Bruderer (SP). Vor vier Jahren kam diese Ehre Philipp Müller (FDP) zuteil, Ruth Humbel (CVP) folgte hinter ihm an zweiter Stelle.

BDP sackt trotz hohem Panaschieranteil ab

Jetzt liegt die Panaschierstatistik von Statistik Aargau für die jüngsten Wahlen vor. Ein herausragendes Ergebnis steht gleichzeitig für die Tragik der BDP: Ausgerechnet sie, die am 20. Oktober regelrecht eingebrochen ist, bekam mit 42,8 Prozent den grössten Anteil an Panaschierstimmen. Geholfen hat es ihr nicht, sie verlor «ihr» Nationalratsmandat von Bernhard Guhl an Lilian Studer von der EVP.

Vom geringsten Anteil an Panaschierstimmen profitieren konnte laut Statistik Aargau die SVP (mit nur 7,1 Prozent). Das dürfte auch Aktionen aus der Parteizentrale wie dem jüngst sehr kontrovers diskutierten Wurmplakat geschuldet sein. Wählerinnen und Wähler ausserhalb der SVP zeigen darob offenkundig  wenig Lust, der SVP Stimmen abzugeben.

Am grosszügigsten Stimmen «verschenkt» haben mit 22'530 Wählerinnen und Wähler der Grünen – an die SP. Diese Stimmen sind aber nicht verloren, denn die SP erwidert diese Liebe. So wanderten mit 21'198 fast ebenso viele Stimmen von ihr zu den Grünen.

Burkart am meisten, Gallati am wenigsten

Interessant ist, an welche Kandidierenden die Panaschierstimmen gehen. Unsere Tabelle unten links mit den Namen der 16 gewählten Nationalräte zeigt: Thierry Burkart (FDP) ist mit 24'042 solcher Stimmen der Panaschierkönig. Fast jede dritte, nämlich 7074 Stimmen kamen von SVP-Wählern, was Burkarts dortige hohe Akzeptanz zeigt. Von der CVP gab es 2356, von der GLP 1530, und selbst von der SP 1163 Stimmen.

Auffallend ist der zweite Platz von CVP-Nationalrätin Ruth Humbel. Schliesslich liegt ihre Partei unter 10 Prozent. Die breit gefächerte Herkunft dieser Stimmen von SVP, FDP über BDP, GLP bis zu den Grünen zeigt die überparteiliche Akzeptanz der national bekannten Gesundheitspolitikerin.

SVP-Kandidaten holen kaum Panaschierstimmen

Die Tabelle zeigt auch, dass mit Ausnahme von Hansjörg Knecht die SVP-Nationalräte in der unteren Hälfte landeten. Am wenigsten Panaschierstimmen (2 889) unter den Gewählten holte SVP-Fraktionschef Jean-Pierre Gallati, der gleichzeitig für den Regierungsrat antritt. Dort schnitt er am Sonntag von allen Kandidierenden allerdings deutlich am besten ab.

Der Vollständigkeit halber hier noch ein Blick auf das Ergebnis von SP-Nationalrat Cédric Wermuth. Er tritt bekanntlich nicht für den zweiten Ständeratswahlgang vom 24. November an und lässt Ruth Müri (Grüne) den Vortritt. Er holte als Viertplatzierter stolze 17'644 Panaschierstimmen.

Der Löwenanteil (4881) stammt allerdings wenig verwunderlich von grünen Wählerinnen und Wählern, 1821 von der GLP, 1004 von der CVP, von FDP und SVP dann je unter 1000. So wie Knecht bei den Linken praktisch leer ausgeht, fehlt auch Wermuth der Rückhalt bei bürgerlichen Wählerinnen und Wählern.

Die Wahlbeteiligung sinkt weiter

Die Wahlbeteiligung im Aargau ist mit 44,7 Prozent tiefer als noch vor vier Jahren (2015: 48,3 Prozent). Die Abschaffung des Wahl- und Stimmzwangs sowie die Einführung des Frauenstimmrechts 1971 sind bei der Wahlbeteiligung im Aargau mit einer deutlichen Bewegung nach unten zu erkennen.

Weiter besagt die Statistik, dass sich nur jeder 1000. Stimmende die Mühe macht, einen leeren Stimmzettel einzulegen. Ungültig war übrigens nur rund jeder 100. abgegebene Wahlzettel.

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