Grundversorgung
Kanton fördert Hausärzte – und lässt sich das einiges kosten

Vor Jahren konnten sich jungen Ärzte nur in Spitälern weiterbilden. Seit 2008 fördert der Aargau aber Praxisassistenzen in Hausarztpraxen. Deshalb ist das Abstimmungsergebnis für Ärzte-Präsident Hans-Ulrich Iselin eine Bestätigung.

Urs Moser
Drucken
Teilen
Hausarzt-Förderung: Seit 2008 hat der Kanton 80 Assistentinnen und Assistenten mitfinanziert.

Hausarzt-Förderung: Seit 2008 hat der Kanton 80 Assistentinnen und Assistenten mitfinanziert.

Keystone

Das klare Ja zum Verfassungsartikel über die medizinische Grundversorgung ist für den Aargauer Ärzte-Präsident Hans-Ulrich Iselin das «klare Signal, dass Gesundheitspolitik nicht nur Spitalpolitik sein darf». Und nach diesem Abstimmungssonntag Bilanz über die bisherigen Bemühungen zur Förderung der Hausarztmedizin zu ziehen, die im Aargau schon länger laufen, sei für ihn eine «Sternstunde», so Iselin.

80 Praxisassistenzen unterstützt

Seit 2008 unterstützt der Kanton Praxisassistenzen: Weiterbildungs-Praktika für junge Ärzte und Ärztinnen in Haus- und Kinderarztpraxen. Daniel Ackermann von der Arbeitsgruppe des Praxisassistenz-Projekts erinnert daran, dass diese Art der Vorbereitung auf die Hausarzt-Tätigkeit bis vor wenigen Jahren noch alles andere als selbstverständlich war: Während es jedermann klar sei, dass ein Bäcker seinen Beruf in der Backstube lernt, erfolgte die Weiterbildung von Ärzten früher ausschliesslich im Spital.

Um die Praxisassistenzen zu fördern und das Interesse junger Mediziner an der Hausarzttätigkeit zu wecken, beteiligt sich der Kanton massgeblich an der Finanzierung: Er übernimmt während den sechsmonatigen Praktika drei Viertel der Lohnkosten der Assistenzärzte. Im laufenden Jahr ist dafür gut eine Million budgetiert.

Seit 2008 hat der Kanton 80 Assistentinnen und Assistenten mitfinanziert. Von ihnen haben 15 im Aargau eine Grundversorgungspraxis übernommen oder neu eröffnet.

Das sieht auf den ersten Blick nicht gerade nach einem lohnenden Investment und angesichts der bevorstehenden Pensionierungswelle bei Hausärzten eher nach einem Tropfen auf den heissen Stein aus.

Kantonsarzt Martin Roth relativiert aber: Der Weiterbildungszyklus der Assistenzärzte dauert mindestens fünf Jahre, viele der unterstützten Assistenten haben ihn noch nicht abgeschlossen. Roth spricht daher von einer «schönen Zahl», auch wenn man natürlich hoffe, den Anteil der Absolventen noch zu erhöhen, die sich dann wirklich entschliessen, den Grundversorger-Facharzttitel zu erwerben und eine eigene Praxis zu führen.

Hausarzt-Mentoring gut gestartet

Das Interesse an den Praxisassistenzen sei langsam gewachsen, die jungen Assistenzärzte an den Spitälern früher über die Angebote gar nicht im Bild gewesen, so Daniel Ackermann.

Seit gut einem Jahr geht der Kanton nun bei der Förderung der Hausarztmedizin noch einen Schritt weiter. 2013 wurde das aargauische Hausarztcurriculum implementiert: Eine spezifisch auf die Hausarztmedizin ausgerichtete Weiterbildung in den Spitälern (zu der natürlich auch weiterhin die Praxisassistenzen gehören).

An den Kantonsspitälern in Aarau und Baden gibt es ein Hausarztmentoring. In beiden Häusern ist ein Hausarzt im Rang eines Leitenden Arztes dafür zuständig, Assistenten für die Weiterbildung zum Hausarzt zu motivieren und sie dabei zu coachen. Die Stellen werden vom Kanton mit je 100 000 Franken mitfinanziert.

Die Hausarzt-Mentoren berichten von positiven Erfahrungen. Die für das Hausarztcurriculum geschaffenen Plätze seien in kurzer Zeit bis Anfang 2017 vergeben worden, so Stephan Koch, Leitender Arzt Hausarztmedizin in Aarau.

Sein Badener Kollege Andreas Bürgi bestätigt: «Die junge Ärztegeneration kann sich sehr gut mit der interessanten und sinnvollen Tätigkeit eines Grundversorgers anfreunden.» Das habe er in zahlreichen Gesprächen und Laufbahnbratungen erlebt, es sei die wichtigste und positivste Erfahrung seit dem Start des Projekts.

Es gibt da noch eine weitere wichtige Erkenntnis: Nicht nur die Hausärzte haben Nachwuchssorgen, auch in den Kliniken ist ein Mangel spürbar. Umso wichtiger sei es, schon früh in der Assistenzzeit der Ärzte «einen Schuh in der Tür zu haben», so Bürgi.

Aktuelle Nachrichten