Pflegepersonal

Kanton geht wegen des Coronavirus in die Ausbildungsoffensive

Der Kanton Aargau verschenkt Pflegehelfer-Ausbildungen.

Der Kanton Aargau verschenkt Pflegehelfer-Ausbildungen.

Es braucht mehr Pflegepersonal. Nicht nur, aber besonders in der Coronakrise. Der Aargau lanciert jetzt eine ungewöhnliche Massnahme.

Der Kanton Aargau verschenkt Pflegehelfer-Ausbildungen: Wer will, kann bereits ab Ende Monat die Ausbildung «Pflegehelferin oder Pflegehelfer SRK» des Schweizerischen Roten Kreuzes absolvieren. Der Kurs ist schweizweit anerkannt, seit Jahren etabliert und kostet die Teilnehmenden normalerweise 2200 Franken.

Das Kursgeld übernimmt nun, inklusive Verpflegung, der Kanton – als Gegenleistung werden die Teilnehmer schon ab Mitte Mai, zunächst als Praktikanten, in der Pflege arbeiten.

Mit dieser Aktion wolle man den Pool an ausgebildeten Pflegekräften im Aargau vergrössern, erklärt Philipp Umbricht, der stellvertretende Leiter der kantonalen Taskforce Coronavirus. «Wenn wir in eine richtige Welle von Corona-Erkrankten kommen, fällt auch im Gesundheitswesen Personal aus.

Dann rutschen in der Regel Mitarbeitende mit einer tieferen Ausbildungsstufe nach. Die Idee ist nun, mit der niederschwelligen Ausbildung zum Pflegehelfer oder Pflegehelferin SRK genügend Personal für einfachere pflegerische Arbeiten zu rekrutieren», sagt Umbricht.

Die Ausbildung ist kurz, aber intensiv

Ein Pflegehelfer unterstützt die ausgebildeten Pflegefachpersonen bei deren Arbeit. Der Kurs dauert normalerweise mehrere Monate. Weil es nun pressiert, wird er auf einen Intensivkurs komprimiert. Er besteht aus einem anspruchsvollen dreiwöchigen Theorieteil (120 Lektionen), der mit zwei Prüfungen abgeschlossen wird. Anschliessend geht es für acht Wochen (320 Stunden) in ein Praktikum, zum Beispiel in einem Pflegeheim, bei der Spitex oder allenfalls auch im Spital. Den offiziellen Abschluss können die Teilnehmenden Ende Juni feiern.

Auch dann seien frisch ausgebildete Pflegehelfer für das Gesundheitswesen sehr nützlich, sagt Umbricht. Zwar ist es nicht ausgeschlossen, dass die Schweiz zu diesem Zeitpunkt das Gröbste in Sachen Corona schon überstanden hat; angesichts des chronischen Mangels an Pflegekräften sei die Ausbildung dennoch hilfreich, sagt Umbricht: «Wir schaffen damit einen langfristigen Mehrwert.»

Die Teilnahme am Theorieteil wird nicht entlöhnt. Während des Praktikums verdienen die Auszubildenden ungefähr 1200 bis 1500 Franken monatlich, bezahlt direkt von der Institution, bei der sie eingesetzt werden. Das Einstiegslohnniveau für festangestellte Pflegehelfer mit Zertifikat liegt später bei etwa 3500 bis 4000 Franken für einen Vollzeitjob.

Die Ausbildung eignet sich für Menschen mit guter Allgemeinbildung, die zwischen 18 und 55 Jahre alt sind, die keiner Risikogruppe angehören und gut Deutsch sprechen. Weitere Informationen gibt es an zwei öffentlichen Anlässen (heute und morgen, jeweils von 18 bis 20 Uhr, Höhere Fachschule Gesundheit und Soziales Aarau, Anmeldung via srk-aargau.ch erforderlich).

Die Anlässe benötigten laut Philipp Umbricht eine Ausnahmebewilligung der Kantonsärztin, weil sich mehr als fünf Personen an einem Ort versammeln. Auf einen Mindest- abstand von zwei Metern werde dabei geachtet, Desinfektionsmittel stehe bereit, sagt er.

Der erste Intensivkurs zum Pflegehelfer SRK startet am 20. April und endet, inklusive Praktikum, am 26. Juni. «Ab zwölf Personen wird er durchgeführt», so Philipp Umbricht. Wenn das Interesse gross ist, wird ein zweiter Kurs initiiert.

Kanton braucht dringend weitere Pflegende

Weltweit fehlen laut der Welt- gesundheitsorganisation WHO etwa 5,9 Millionen professionelle Pflegerinnen und Pfleger. Der Aargau ist da keine Ausnahme: Ein Fachbericht kam 2016 zum Schluss, dass hier bis Ende 2030 rund 5500 zusätzliche Pflegende vonnöten sind. Und: Ein Sechstel der Pflegerinnen und Pfleger in den Aargauer Spitälern erreicht bis 2030 das Pensionsalter.

Wie gut ist der Aargau unterwegs, um den drohenden Mangel an qualifizierten Pflegekräften aufzufangen? Das fragten die CVP-Grossratsmitglieder Franziska Stenico-Goldschmid, René Huber und André Rotzetter in einer Interpellation. In seiner Antwort schreibt der Regierungsrat, mit Einführung der Ausbildungsverpflichtung im Jahr 2012 sei «eine der wichtigsten Massnahmen für ausreichend ausgebildetes Pflegefachpersonal in die Wege geleitet» worden.

Die Ausbildung zum Pflegehelfer ist die unterste Stufe davon, wenn man so will. Darüber hinaus gibt es beispielsweise die Lehre zur Fachfrau Gesundheit, die Ausbildung an der Höheren Fachschule (dipl. Pflegefachmann) und dann das Fachhochschulstudium zum Bachelor of Science in Pflege.

Aus der Antwort des Regierungsrats geht hervor, dass der Fachkräftemangel im Aargauischen Gesundheitswesen sowohl den akademischen als auch den nichtakademischen Bereich betrifft. «Am deutlichsten ist der Mangel bei der Ärzteschaft», zitiert die Regierung eine kantonale Erhebung aus dem Jahr 2018. Das Verhältnis zwischen Stellensuchenden und offenen Stellen sei bei den genannten Berufsgruppen doppelt so hoch wie bei den Ingenieurberufen.

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