Coronavirus im Aargau

Kantonsärztin Yvonne Hummel über die Arbeit im Contact Tracing Center: «Wir stossen an die Grenzen»

Die Arbeit im Contact Tracing Center Aarau wird zunehmend schwieriger (Themenbild).

Die Arbeit im Contact Tracing Center Aarau wird zunehmend schwieriger (Themenbild).

Im Kanton Aargau sind mittlerweile 227 Personen in Quarantäne. Die Arbeit im Contact Tracing Center in Aarau wird aufgrund der zunehmenden Fallzahlen schwieriger, das Team stösst an seine Kapazitätsgrenzen. Kantonsärztin Yvonne Hummel wird mehr Personal rekrutieren müssen und stellt sich eine Ausweispflicht in Bars und Clubs vor.

Die Stimme am Telefon ist unaufgeregt und freundlich. «Guten Tag, ich bin Ursula Widmer vom Contact Tracing Center in Aarau. Ich rufe im Auftrag des Kantonsarztes an, weil wir die Meldung erhalten haben, dass Sie einen positiven Test auf das Coronavirus hatten.»

Dass Ursula Widmer in einer solchen Gelassenheit spricht, ist nicht selbstverständlich. Im Contact Tracing Center in Aarau arbeiten derzeit 14 Personen – und diese haben alle Hände voll zu tun. Seit heute Donnerstag sind nämlich 227 Personen im Kanton Aargau in häuslicher Quarantäne. Die Mitarbeitenden des Contact Tracing Center müssen jene Personen täglich oder zumindest jeden zweiten Tag kontaktieren, um sich über deren Gesundheitszustand zu informieren.

Erschwerte Arbeit seit den Lockerungen

Zunächst wird die infizierte Person aber vom zuständigen Arzt kontaktiert und nicht von der Contact Tracerin Ursula Widmer. Trotzdem birgt ihre Arbeit auch Schwierigkeiten, wie Widmer dem Regionaljournal Aargau-Solothurn sagt: «Ich habe auch schon acht Anrufe gemacht, um an die richtige Person zu gelangen. Nicht immer haben wir Kontaktangaben zu den infizierten Personen und manchmal wissen wir gar nicht, welcher Arzt die Blutentnahme verordnet hat.» Das sei auch eine Detektivarbeit, sagt Widmer.

Immerhin: Die kontaktierten Personen zeigten meist Verständnis für ihren Anruf, seien sogar froh darum. Pöbeleien ihr gegenüber gebe es – mit wenigen Ausnahmen – nicht. Gemeinsam mit den Patienten erstellt Widmer dann eine Liste mit den in den letzten Tagen kontaktierten Personen.

Kantonsärztin Yvonne Hummel muss mehr Personal für das Contact Tracing Center rekrutieren.

Kantonsärztin Yvonne Hummel muss mehr Personal für das Contact Tracing Center rekrutieren.

Seit die Lockerungen Einzug gehalten haben, sei ihre Arbeit schwieriger geworden, erklärt Ursula Widmer. «Ein Beispiel dafür sind die jungen Menschen, die im Ausgang waren und sich nicht mehr erinnern können, mit wem sie zusammen waren.» Während des Lockdowns sei die Rückverfolgung wesentlich einfacher gewesen, sagt die Contact Tracerin.

«Ausweispflicht in Bars und Clubs sinnvoll»

Laut Yvonne Hummel, Kantonsärztin, ist das Team im Contact Tracing Center in Aarau derzeit «voll beschäftigt». Deshalb sagt sie auch: «Aktuell kann man sicher sagen, dass wir an unsere Grenzen stossen.» Deshalb werde neues Personal rekrutiert. «Das Geschäft ist sehr volatil und unberechenbar. Wir wissen nicht genau, wie viel Arbeit noch auf uns zukommen wird», sagt die Kantonsärztin gegenüber dem Regionaljournal weiter.

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Yvonne Hummel im Interview, nachdem bekannt wurde, dass sich mehr als 20 Menschen in einer Spreitenbacher Bar angesteckt haben. (29.6.2020)

 

Aktuell steigen die Zahlen der Neuinfizierten täglich an. Wie viele Infektionen für das Contact Tracing Center zu bewältigen wären, ist schwierig abzuschätzen. Kürzlich sagte Hummel, es käme sehr darauf an, wie viele Kontaktpersonen eine infizierte Person habe. Wie sich jetzt zeigt, ist man mit den 227 Personen, die sich im Kanton Aargau in Quarantäne befinden, schon nahe an der Kapazitätsgrenze angelangt.

Ist nun die vielbesagte zweite Welle schon eingetroffen? Hummel weicht aus: «Ich hoffe natürlich sehr, dass keine zweite Welle kommt.» Niemand könne genau voraussagen, wie sich das Ganze entwickle. Aber die Fallzahlzunahme in den vergangenen Tagen sei sehr relevant und müsse weiter gut beobachtet werden. Ebenfalls zu überlegen seien erste Massnahmen. «Aus kantonsärztlicher Sicht wäre eine Ausweispflicht in Bars und Clubs sinnvoll», sagt Hummel abschliessend.

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