Forschung
Kantonsspital Aarau hat Uniklinik-Status – doch zahlt er sich auch aus?

Am Kantonsspital Aarau wird auch Forschung betrieben: Die Klinik für innere Medizin wird nämlich seit vier Jahren als universitäre Klinik geführt. Das bringt Innovationen und Prestige. Dabei allein soll es nicht bleiben.

Urs Moser
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Argovia-Professor Beat Müller.

Argovia-Professor Beat Müller.

HO

Im Kantonsspital Aarau wird in vielen Bereichen und Kliniken Forschung betrieben, die mit einem Budget von rund zwei Millionen vom Forschungsrat unterstützt wird. Seit April 2010 wird die Klinik für Innere Medizin des Kantonsspitals als universitäre Klinik geführt, mit Chefarzt Beat Müller als erstem Argovia-Professor für Medizin an der Universität Basel. Eine Uni-Klinik in Aarau: Das bringt sicher Prestige, aber lohnt es sich auch? Beat Müller ist selbstredend davon überzeugt, aber er kann es auch mit Zahlen untermauern.

Da ist das Forschungsprojekt «Optima». Ziel war die Optimierung der Behandlungsprozesse unter Einbezug aller Beteiligten vom Arzt über die Pflege bis zur Sozialarbeit und natürlich den Patienten selbst. Resultat: Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer ist von acht auf sechs Tage gesunken. Ohne dass ein Patient gegen seinen Willen aus der Spitalpflege entlassen worden wäre, wie Müller betont.

Die Senkung der Aufenthaltsdauer sei mit dem neuen Fallpauschalensystem aber die einzige Möglichkeit zur Effizienzsteigerung in einem Spital. Der Effekt am Kantonsspital Aarau: Der Kostendeckungsbeitrag der medizinischen Klinik lag vor «Optima» bei 5, heute liegt er bei 15 Millionen. Es sei natürlich zu einfach, die Verbesserung um 10 Millionen allein der Argovia-Professur zuschreiben zu wollen, räumt Müller ein. Man wird auch nicht hingehen können und die 10 Millionen in Relation zum Forschungsbudget von 2 Millionen setzen, um damit zu beweisen, dass jeder in die Forschung investierte Franken fünffach zurückkommt. Trotzdem steht für Müller fest: «Klug angewendete Forschung ist hoch rentabel, davon bin ich überzeugt.»

Klug angewendet, das heisst, für ein Spital von der Grösse und Funktion eines Kantonsspitals Aarau, den Fokus auf die sogenannte Outcome-Forschung zu legen: ergebnis- und anwendungsorientiert. «Wir müssen uns fragen, wie wir die Ressourcen risikogesteuert optimaler nutzen können, ohne dass die Qualität leidet oder sogar besser wird», so Müller. «Wenn wir dabei durch dieses ‹Wissen-Schaffen› sogar ein paar Franken einsparen: umso besser.»

So wurde zum Beispiel an der Frauenklinik unter der Leitung von Gabriel Schär in Aarau das Kosten-Nutzen-Verhältnis robotergesteuerter Operationen untersucht. Entgegen dem Druck aus der Industrie habe sich gezeigt, dass anders als zum Beispiel bei Prostata-Operationen die Ergebnisse bei gewissen gynäkologischen Eingriffen mit der robotergesteuerten Technik schlechter sind als bei der herkömmlichen Operationstechnik. «Das war eine der international am meisten beachteten Publikationen von 2012», so Müller.

Weltweit Signale gesetzt hat man von Aarau aus auch im Zusammenhang mit der Diskussion um den übertriebenen Antibiotika-Einsatz. Bei Atemwegserkrankungen würden oft Antibiotika verabreicht, obwohl man gar nicht sicher sei, ob es sich tatsächlich um einen bakteriellen Infekt handelt, erklärt Müller. Darum hat das Team um ihn einen Hormontest entwickelt: Bei Infektionen produziert der Körper Procalcitonin (PCT), die Vorstufe des Hormons Calcitonin. Mit dem Test zur Messung des PCT-Spiegels lässt sich der Antibiotika-Einsatz bei Atemwegserkrankungen um 50 Prozent senken, was weltweit Beachtung und Nachahmung fand.

Solche Beispiele zeigen, dass an einem Zentrumsspital wie Aarau – Beat Müller nannte es unlängst an einer Informations- und Diskussionsveranstaltung «Pulsgeber für Innovationen» – Forschung auf höchstem Niveau möglich ist. Ob man dafür nun zu wenig oder genug investiert, darüber will der Argovia-Professor nicht urteilen. Der Aargauer gebe im Durchschnitt mehr Geld für sein Auto als für die Gesundheit aus, also liege aus der Sicht des Mediziners sicher noch etwas drin.

Der Mediziner denkt allerdings ohnehin nicht so sehr in den Kategorien teuer und billig, sondern wertvoll und preiswert. Wertvoll ist sicher ein aktuelles Projekt, auf das man am Kantonsspital stolz ist: Eine breite Studie mit über 3000 Patienten in mehreren Spitälern soll darüber Aufschluss geben, ob und welche Vorteile eine intensive Ernährungstherapie gegenüber der «Ernährung nach Appetit» bei mangelernährten Patienten hat. Das KSA bzw. sein leitender Arzt Philipp Schütz haben mit dem «Effort»-Projekt als einziges Spital der Schweiz vom Nationalfonds 2014 eine klinische Förderungsprofessur und 1,2 Millionen Forschungsgeld zugesprochen erhalten.

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