Psychiatrie

Königsfelden-Chefarzt: «Ich muss keine neuen Krankheiten erfinden»

Will nicht überall eine Krankheit sehen: Wolfram Kawohl vor seinem Büro.

Will nicht überall eine Krankheit sehen: Wolfram Kawohl vor seinem Büro.

Wolfram Kawohl ist seit November bei den Psychiatrischen Diensten Aargau. Die Arbeit geht ihm hier nicht aus. Kritisch betrachtet er die Diskussion um die Abhängigkeit von Social Media und Smartphones.

Man muss mit Wolfram Kawohl ein wenig ins Reden kommen, bis man seinem schnellen Denken folgen, zwischen den klinischen Fachbegriffen auch für Halblaien verständliche Sätze ausmachen kann. Entspannt, aber blitzaufmerksam sitzt der Grossgewachsene am Besprechungstisch in seinem Büro auf dem Klinik-Areal Königsfelden. Er trägt weisses Hemd mit gestreifter Seidenkrawatte, hellblauen Pullover mit dunkelblauem Sakko, graue Baumwollchino. Oder direkter: Für einen, der sich ständig mit dem Innersten befasst, legt er erfrischend viel Wert auf das Äusserste.

Wären die Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG) ein Fussballklub, würde man von einem Transfer-Coup sprechen. Per November 2016 konnten sie Kawohl ins Kader holen. Nicht von irgendwoher, sondern von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, der grössten Psychiatrie der Schweiz. Dort hatte Kawohl, 46, Deutscher mit amtlich bestätigter Aussicht auf den Schweizer Pass, als Chefarzt, Zentrumsleiter und Uniprofessor gewirkt.

Seine Position in der Mannschaftsaufstellung ändert sich mit dem Wechsel von Zürich nach Windisch: Er ist hier nun Chefarzt und Bereichsleiter bei den Erwachsenen. Nach ihm gesucht hatten die PDAG, weil Kawohls Vorgänger in umgekehrter Himmelsrichtung wegtransferiert worden war. Urs Hepp hatte Königsfelden vor genau einem Jahr nach Winterthur verlassen, wo er zum ärztlichen Direktor der Integrierten Psychiatrie gewählt worden war.

Etwas mit dem Gehirn

Den Wunsch, Arzt zu werden, hatte er schon früh. Sein Problem aber war das klassischste junger Wissensdurstiger: Er interessierte sich für zu vieles gleichzeitig, nicht nur für Medizinal-, auch für Geistes- und Naturwissenschaften. Deshalb wählte er einen Mittelweg; Medizinstudium, aber schon das erste Pflegepraktikum in einer psychiatrischen Klinik. Wo es ihm so gut gefiel, dass er auch in den Semesterferien weiter dort arbeitete. «Schon am Anfang des Studiums war mir klar, dass ich etwas mit dem Gehirn machen will», erinnert sich Kawohl. Eine Tätigkeit in der Neurologie folgte. Die Sprache sei ihm sehr wichtig, gesprochen wie geschrieben. «Da bot sich natürlich die Psychiatrie an. Und ich habe es keinen Tag bereut.» Man habe ja schon auch Medikamente, aber die Sprache sei das wichtigste Behandlungsmittel: «Wir operieren niemanden, wir reden. Und das mache ich gern.» Wann immer es sein Chefarztkalender zwischen Sitzungen und Visiten zulässt, behandelt er bis heute ambulante Patienten. «Deshalb bin ich ja einmal Arzt geworden.»

Naht- statt Schnittstellen

Was bewegt einen Schlüsselspieler von seinem Format von der Uni Zürich in die PDAG? Kawohl: «Ich sehe hier noch mehr Gestaltungsmöglichkeiten.» Offenere Strukturen wolle er schaffen. Freiheitsbeschränkende Massnahmen, wo möglich, auf ein Minimum reduzieren. Die verschiedenen Behandlungsarten – ambulant, stationär, teilstationär – besser untereinander vernetzen. Die Vernetzung mit den niedergelassenen Psychiaterinnen und Psychologen im Aargau verstärken. Was technisch tönt, fasst er so zusammen: «Die Schnittstellen zu Nahtstellen machen.»

Die PDAG seien psychotherapeutisch sehr gut aufgestellt. Kawohl hebt Spezialangebote wie jene für Borderline-Patienten, traumatisierte Menschen, Tic- und Tourette-Störungen, autistische oder bipolare Störungen hervor. Diese Angebote seien wichtig, denn man habe eine Zentrumsfunktion und sei erste Anlaufstelle für spezialisierte Behandlungen. Gleichzeitig müsse und wolle man auch eine gute Grundversorgung sicherstellen. Das ist keine einfache Aufgabe, haben die PDAG mit über 650 000 Kantonsbewohnern doch das grösste Einzugsgebiet aller psychiatrischen Kliniken im Land.

Statistisch ist fast jede und jeder Zweite einmal im Leben psychisch krank. Doch bei den meisten Menschen ruft das Wort Psychiatrie wenig positive Assoziationen hervor. Das weiss auch Kawohl und sagt: «Viele Leute denken, Psychiater wie ich wollen überall immer eine Krankheit sehen. Aber ich kann Ihnen sagen: Wir sind schon genug beschäftigt mit allen, die wirklich krank sind. Wir brauchen keine neuen Krankheiten zu konstruieren.»

Kritisch betrachtet er deshalb die Diskussion um die Abhängigkeit von Social Media und Smartphones. Als sich vor 200 Jahren plötzlich breite Bevölkerungsschichten Bücher leisten konnten, hätten gerade junge Frauen sehr viel gelesen. «Und sofort wurden sie der sogenannten Lesesucht bezichtigt.» Heute komme einem das absurd vor – vielleicht stehe man mit den Digital Natives an einem ähnlichen Punkt.

Die Arbeit nicht verteufeln

Seine Arbeit in Windisch aufgenommen hat Kawohl im November. Er sei hier sehr freundlich begrüsst worden. Den Wohnort verlegt hat er jedoch nicht. Mit seiner Familie bleibt er am Zürichsee. Grund dafür sind zwei grosse Lieben: Jene zu den zwei Kindern, die so in der gleichen Schule bleiben können. Und jene zum Wasser. An der einen Bürowand hängt ein Gemälde eines Segelschiffs, an der anderen ein Kalender mit Regatten-Fotos. Er sei begeisterter Wassersportler, mache «alles Mögliche in und auf dem Wasser».

In der Klinik liegt sein Spezialgebiet just dort, wo Menschen der Wind in den Segeln fehlt. Seit Jahren forscht er zu «Arbeit und Psyche»; etwa zu Burnout oder Suizidgefahr durch Arbeitslosigkeit. Im Aargau sei die Arbeitslosigkeit zwar gering – doch gerade dort, wo es eine niedrige Grundarbeitslosigkeit gebe, sei sie für den Einzelnen viel stigmatisierender. Kawohl sagt: «Wir sollten uns davor hüten, immer die Arbeit zu verteufeln, denn der wahre Teufel ist die Arbeitslosigkeit.» Probleme am Arbeitsplatz entstünden dort, wo das zu überwiegen beginne, was ein Mitarbeiter nicht gut könne, nicht gerne mache. Dann sei es wichtig, sich nicht zu scheuen, nach psychologischer Hilfe zu fragen: «Die meisten warten zu lange.» Ein Gespräch zu dritt – Mitarbeiter, Arbeitgeber, Behandler – bewirke oft viel mehr als erhofft.

An seinem eigenen Arbeitsplatz, mit seinem neuen Team hat sich Transfer-Coup Kawohl schon gut eingespielt. Auch an das Pendeln von Zürich nach Brugg hat er sich schon gewöhnt. Ist ja auch nur Kopfsache. Und im Zug hat er viel Zeit zum Lesen.

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