Kommentar
Hilfe für Sexarbeiterinnen: Gummis verteilen reicht nicht

Im Aargau gibt es keine Anlaufstelle für Sexarbeiterinnen. Die Fachstelle verweist die Frauen an ausserkantonale Fachstellen. Das ist des viertgrössten Kantons unwürdig.

Noemi Lea Landolt
Noemi Lea Landolt
Merken
Drucken
Teilen

Keystone

In einer Krise akzentuieren sich oftmals Probleme, die vorher schon da waren. Im Aargau zeigt sich das bei der Sexarbeit. Seit dem 20. Dezember sind Erotikbetriebe – wie bereits im Frühling – zu. Die direktbetroffenen Frauen haben im Gegensatz zu anderen Branchen nie aufgemuckt oder gar Forderungen gestellt.

Daraus zu schliessen, dass die Coronakrise die Betroffenen im Sexgewerbe weniger stark trifft, ist falsch. Im Gegenteil: Es geht um Menschen mit Existenzängsten. Menschen, die schon vor Corona stets im Ungewissen gelebt haben oder mit ihrem Verdienst in ihren Herkunftsländern ganze Familien ernährt haben. Menschen, die ihre Rechte oftmals nicht kennen. Sie stehen vor dem Nichts oder werden in die Illegalität getrieben, weil ihnen auch die Härtefallmassnahmen kaum helfen.

In anderen Kantonen gibt es Anlaufstellen, welche die Frauen beraten, sie über ihre Möglichkeiten und Rechte aufklären. Die Politik im Aargau will das nicht. Die Aargauer Fachstelle verfügt nur über einen Leistungsauftrag für Prävention. Rechtliche Beratungen sind nicht vorgesehen. Die Betroffenen müssen sich in anderen Kantonen Hilfe suchen.

Dieses Abschieben ist des viertgrössten Kantons unwürdig. Im Aargau wird Sex gegen Geld angeboten und nachgefragt. Wer in der Sexarbeit tätig ist, hat eine Anlaufstelle verdient, deren Leistungsauftrag mehr umfasst, als Gummis verteilen – und zwar unabhängig von der Pandemie.