Betreuung

Kranke Kinder im Aargau: Braucht es mehr Liebe oder mehr Psychiater?

Gibt es eine Psychiatrie-Unterversorgung oder machen wir die Kinder kränker, als sie sind? Die Grossrätinnen Nicole Müller-Boder (SVP) und Elisabeth Burgener (SP) sind sich nicht einig.

Im Aargau herrsche eine «dramatische Unterversorgung» im kinder- und jugendpsychiatrischen Bereich, sagte Fachpsychologin Süsette Rusterholz in der AZ vom Montag. Kinderarzt Wolfgang Brunschwiler sagte, zumindest im westlichen Aargau sei es «zum Teil unmöglich geworden, einen zeit- und wohnortnahen Abklärungs- oder Behandlungsplatz für Kinder und Jugendliche zu finden».

Was tun? «Es braucht nicht mehr psychiatrische Plätze für Kinder», findet SVP-Grossrätin Nicole Müller-Boder. In einem Leserbrief schreibt sie, man müsse sich vielmehr fragen, warum Kinder und Jugendliche heute so viel mehr psychiatrische Behandlungen benötigen. Sie fragt, ob es vielleicht daran liege, dass das «neue und teure Schulsystem» doch nicht ganz so toll sei. Oder daran, dass Kinder schon viel zu früh in ein Schema gepresst werden und funktionieren müssen.

Im Leserbrief holt die Grossrätin zu einem Rundumschlag aus. Macht Kinderkrippen, schulische Heilpädagogen und Sozialarbeiter dafür verantwortlich, dass Kinder heute häufiger abgeklärt und so kränker gemacht werden, als sie sind. Man müsse «das Problem an der Wurzel packen, anstatt Symptombekämpfung zu betreiben». Es gehe darum, dafür zu sorgen, dass diese Probleme gar nicht erst entstehen. Ihr Rezept: «Es braucht mehr Zeit und Liebe zu Hause, weniger Hektik und mehr Verständnis für den individuellen Charakter und die Entwicklungsschritte des Kindes.»

Doch ist es damit getan? Was ist mit Kindern, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen? Deren Eltern vielleicht psychisch krank, drogenabhängig oder gewalttätig sind? Hilft da «Zeit und Liebe»? – «Nein», räumt Müller-Boder ein. «Aber es gibt im Aargau Angebote für speziell diese Personengruppe.»

Muss der Kanton über die Bücher?

Die SVP-Grossrätin ist dagegen, dass sich der Kanton stärker einmischt, etwa über ein kantonales Kinder- und Jugendhilfegesetz, wie es beispielsweise der Kanton Zürich kennt. «Die Gemeinden können sehr gut selber entscheiden, was sie in diesem Bereich anbieten.»

Ganz anders beurteilt die Situation Elisabeth Burgener. Die SP-Grossrätin sieht grossen Handlungsbedarf. Müller-Boder blende aus, dass sich die Gesellschaft verändert habe. «Der Leistungsdruck hat zugenommen. Darunter leiden nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder und daran ist nicht einfach die Schule schuld.» Heute wisse man mehr über die Psyche der Kinder und könne entsprechend darauf reagieren. Mit der externen Kinderbetreuung habe der Behandlungsnotstand nichts zu tun. «Psychische Krankheiten treten auch im sogenannt intakten Familienmodell auf», sagt Burgener, die als Lehrbeauftragte Soziale Arbeit an der Fachhochschule Nordwestschweiz arbeitet.

Die SP-Grossrätin nimmt den Kanton in die Pflicht. Einerseits müsse die Regierung dafür sorgen, dass das Angebot an kinder- und jugendpsychiatrischen Leistungen entsprechend dem Versorgungsbedarf sichergestellt ist, wie dies Grossrat Severin Lüscher (Grüne) in einer Motion fordert. Andererseits müsse der Kanton sozialpolitisch dringend über die Bücher. «Es braucht im ganzen Kanton niederschwellige Beratungsstellen und die unterschiedlichen Angebote müssen aufeinander abgestimmt sein», sagt Burgener. So könne auch eine Triage gemacht werden, damit nur jene Kinder und Jugendlichen beim Psychiater landen, die auch wirklich eine Behandlung brauchen.

Die immaterielle Hilfe, welche Beratung und Betreuung umfasst, ist im Aargau im Sozialhilfe- und Präventionsgesetz geregelt. Darin heisst es: «Wer immaterieller Hilfe bedarf, kann um diese bei der zuständigen Gemeinde nachsuchen.» Die Hilfsmassnahmen müssten niederschwellig und im Einvernehmen mit der hilfesuchenden Person erfolgen. Mehr schreibt der Kanton nicht vor. Das kritisiert Burgener. Die Gemeinden seien sich selbst überlassen, es fehle die Koordination.

Wenn Beratungsstellen fehlen

Das Beratungsangebot gleicht in der Tat einem Flickenteppich. Die Bezirke Kulm und Aarau verfügen über keine Beratungsstellen. Hilfesuchende müssen sich an den Sozialdienst der Gemeinde wenden. Gleiches gilt für die Lenzburger, Schafisheimer und Meisterschwander. Die Gemeinden waren früher dem Gemeindeverband Soziale Dienstleistungen Region Lenzburg angeschlossen, sind aber ausgestiegen.

Solche Gemeinden gebe es immer mehr, sagt Peter Wiederkehr. Er ist Präsident der Vereinigung der Jugend-, Ehe- und Familienberatung im Kanton Aargau und Leiter der Beratungsstelle in Muri. Probleme entstünden dort, wo niederschwellige Beratungsstellen fehlen. Mitarbeitende des Sozialdienstes brächten oft nicht die entsprechende Ausbildung mit, um Konflikte zu lösen und mit Familien zu arbeiten: «Sie kümmern sich primär um Personen in der materiellen Sozialhilfe.» Zudem sei die Hürde für Hilfesuchende höher, sich an den Sozialdienst zu wenden.

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