Kantonsspital Aarau

KSA-Neubau: Warum das mit 619 Millionen teuerste Projekt gewann

Das Kantonsspital Aarau veröffentlicht den Jury-Bericht zum Neubau. Die Unterlagen zeigen, warum das teuerste Projekt am besten abgeschnitten hat. Zudem legt der Bericht gravierende Mängel – etwa beim Brandschutz – der unterlegenen Projekte offen.

Über den Neubau des Kantonsspitals Aarau (KSA) wird viel diskutiert. Nachdem die Verantwortlichen im April das Siegerprojekt präsentiert hatten, folgte Kritik von der SVP. Fraktionspräsident Jean-Pierre Gallati bemängelte, das Siegerprojekt liege mit Kosten von insgesamt 619 Millionen Franken nicht nur deutlich über dem Kostendach von 500 Millionen Franken, sondern sei im Vergleich mit den beiden unterlegenen Projekten auch deutlich teurer.

Kritik, die Vize-Verwaltungsratspräsident Felix Schönle nicht gelten liess. Er argumentierte, der Preis sei nur einer der Aspekte, die beim Entscheid eine Rolle gespielt haben. Das Siegerprojekt «Dreiklang» lasse sich optimal betreiben. Deshalb lohne es sich, in den Bau zu investieren.

Wie genau die Jury zu diesem Entscheid kam und aus welchen Gründen sie sich gegen die beiden Mitbewerber entschieden hatte, wurde bisher nicht kommuniziert. Die AZ hat im April nach dem Jury-Bericht gefragt. Die Verantwortlichen wollten diesen damals nicht veröffentlichen, weil die Frist für Submissionsbeschwerden noch lief.

Inzwischen ist diese verstrichen und Journalistinnen und Journalisten haben den Bericht erhalten. Zunächst allerdings unvollständig. Es fehlten Angaben zu den Preisen. Erst auf Anfrage der AZ wurde der vollständige Bericht nachgeliefert. Er umfasste eine Seite mehr. Eine mit Informationen, die zeigen, wie die Jury auf den Beurteilungspreis kam, der für den Zuschlag relevant war.

Viel Licht und helle Farben im neuen Kantonsspital Aarau. Die Visualisierung zeigt den Blick in die Eingangshalle mit Empfang.

Viel Licht und helle Farben im neuen Kantonsspital Aarau. Die Visualisierung zeigt den Blick in die Eingangshalle mit Empfang.

Anforderungen nicht erfüllt

Der Vergleichspreis zeigt die tatsächlichen Kosten jedes Projekts (siehe Grafik). Der Beurteilungspreis hingegen wird anhand einer komplizierten Formel berechnet. Die Jury vergibt Punkte für die Kriterien Qualität, Realisierungskonzept und Projektorganisation. Möglich sind 5 Punkte. Diese gibt es für Angebote, die deutlich besser als die Anforderungen sind.

Angebote, die deutlich unter den Anforderungen liegen, erhalten 1 Punkt. Das massiv teurere Siegerprojekt erhielt bei allen drei Kriterien mindestens 4, bei der Qualität sogar 4,5 Punkte. Das günstigste Projekt «Merlin» von Implenia und Schneider + Schneider, das 170 Millionen Franken weniger gekostet hätte, erhielt für die Qualität 1,5 Punkte, für das Realisierungskonzept nur 1 und für die Projektorganisation 2 Punkte. Auch das zweitplatzierte Projekt «Fünftausendeins» von Allreal und David Chipperfield schnitt nicht viel besser ab. Die Jury vergab zwischen 1 und 3 Punkten.

Letztlich erreichte der 619-Millionen-Franken-Bau mit rund 543 Millionen Franken den tiefsten Beurteilungspreis. Das zweitplatzierte Projekt «Fünftausendeins» kam auf einen Beurteilungspreis von 552 Millionen Franken, das drittplatzierte «Merlin» auf 554 Millionen Franken. Während die drei Bewerber beim Vergleichspreis noch 170 Millionen Franken trennen, sind es beim Beurteilungspreis nicht einmal mehr 10 Millionen Franken. Weil der Beurteilungspreis für den Zuschlag relevant ist, empfahl die Jury dem Verwaltungsrat das Projekt «Dreiklang» zur Ausführung.

Gravierende Mängel

Hat sich die Jury so in das Siegerprojekt verliebt, dass sie den anderen beiden Projekten bei den anderen Kriterien so wenig Punkte gab, dass der hohe Preis schliesslich kompensiert werden konnte? Diesen Vorwurf weist Sergio Baumann vehement zurück. Der Leiter Betrieb ist Mitglied der KSA-Geschäftsleitung und war als Sachpreisrichter eng in den Auswahlprozess involviert.

Am Freitag steht Baumann im unterirdischen Notspital (GOPS) des KSA, wo bis vor zwei Jahren noch Flüchtlinge untergebracht waren. Heute stehen in den Räumen Modelle der Neubauprojekte, an den Wänden hängen Visualisierungen und Pläne. Hier wurde in den letzten Monaten gestritten, diskutiert und evaluiert.

Baumann führt in den Raum mit den Plänen des Siegerprojektes. Spezialisten hätten alle drei Projekte auf alle Prozesse geprüft. «Sie sind zum Schluss gekommen, dass die Betriebskosten des Siegerprojekts pro Jahr zehn Millionen Franken tiefer sind als bei den Mitbewerbern», sagt er.

Anhand der Pläne zeigt Baumann auf, wie das möglich ist. So geschieht im «Dreiklang» die Triage auf der Notfallstation an einem Ort, obwohl es für Patienten, die auf dem Schragen gebracht werden, einen anderen Eingang gibt, als für jene, die zu Fuss in den Notfall kommen. Die Wege seien im ganzen Spital kurz. Komme eine schwangere Frau mit Wehen zu Fuss auf den Notfall, müsse sie geradeaus zum Lift gehen, der sie direkt in die Geburtenabteilung bringt. «Bei anderen Projekten wären die Wege so kompliziert gewesen, dass man die Patientin hätte begleiten müssen, was wiederum Ressourcen braucht», sagt Baumann.

Fragwürdiges Konzept

Die Entwürfe der beiden unterlegenen Bewerber weisen noch andere Defizite und Mängel auf, wie der Jury-Bericht zeigt. Im Spital von Implenia und Schneider + Schneider gibt es Arbeitsbereiche, die zum Teil ohne Tageslicht und deshalb nicht bewilligungsfähig sind. Die Jury stellt ausserdem das Konzept bei der Gastronomie infrage. Verschiedene logistische Beziehungen seien nicht ersichtlich. Auch der Brandschutz bereitete der Jury Sorgen. «In der vorliegenden Form ist das Brandschutzkonzept nicht bewilligungsfähig», heisst es. So müsste zum Beispiel im Operationstrakt ein zusätzliches Fluchttreppenhaus erstellt werden.

Die Würdigung des zweitplatzierten Projekts fällt leicht besser aus. Das Brandschutzkonzept beurteilt die Jury «nach diversen notwendigen Anpassungen als bewilligungsfähig». Die Patientenzimmer hingegen seien zu klein, die Fenstersituation und geplanten Balkone «inakzeptabel für ein Endversorgerspital». Ein Problem ortet die Jury auch für das Haus 8, die Geburtsklinik. Das Haus müsste teilweise abgebrochen werden, was die Bauherrschaft vor eine grosse Herausforderung stelle.

Obwohl das Siegerprojekt am besten abschneidet, ist noch nicht alles perfekt. Der Vertrag mit dem Totalunternehmen ist noch nicht unterschrieben. Vor allem über den Preis wird noch intensiv diskutiert (siehe Box unten).

Das sind die Architekten des KSA:

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