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Kulturpreis der AZ Medien an Sabine Boss: Feier für die fleissigste Filmfrau

Spätestens seit der Verfilmung von «Der Goalie bin ig» gehört Sabine Boss zu den grossen Schweizer Film-Regisseurinnen. Am Dienstagabend wurde ihr in Baden der mit 25'000 Franken dotierte Kulturpreis der AZ Medien verliehen.

Der Beifall ist gross, der Applaus donnert durch den Saal und sie steht dort, wo ein Boss üblicherweise hinzustehen hat: zuoberst auf der Bühne, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Und doch ist Sabine Boss kein typischer Boss. Die 49-jährige Aargauerin strahlt, ist sichtlich erfreut, ja, aber wie sie da im Scheinwerferlicht steht, gibt sie sich auch nachdenklich. «In einigen stillen Stunden habe ich mich gefragt, ob ich diese Ehre tatsächlich verdiene», sagt die Filmemacherin, als sie den Kulturpreis 2015 der AZ Medien entgegennimmt.

Dabei hat Sabine Boss mit der Diplomatenkomödie «Ernstfall in Havanna» und der Pedro-Lenz-Verfilmung «Der Goalie bin ig» zwei der grössten Schweizer Kinohits aller Zeiten geschaffen, war als Regisseurin von 18 Folgen der Fernsehserie «Lüthi & Blanc» massgeblich an deren Erfolg beteiligt und darf sich bald ihre zweite «Tatort»-Folge auf die Vita schreiben. Abgehoben ist der Workaholic der Schweizer Filmszene dabei aber nie. Und so lobt Mike Müller in seiner Laudatio, Sabine Boss sei als Künstlerin keine, die selbstzufrieden zurückblicke, sondern die jede Sache neu in die Hand nähme. 

AZ-Medien-Kulturpreis für Sabine Boss

AZ-Medien-Kulturpreis für Sabine Boss (Archiv)

Sie liess Mike Müller alt aussehen

Der Schauspieler verwandelt seine zehnminütige Lobrede in eine herrlich selbstironische Showeinlage. So erinnert sich Müller an den gemeinsamen Dreh von «Ernstfall in Havanna» in Santo Domingo zurück: «Gsehsch natürlich de alt us, wenn d Regisseurin mit de welsche Tönler luperein Französisch schnuuret, mit de amerikanische Schauspieler perfekt Änglisch und mit de dominikanische Techniker uhuere schnäll Spanisch ... So entstöi Minderwärtigkeitskompläx.» Nicht nur Sabine Boss, der gesamte Saal ist derart heiter, als würde im Kino Trafo gerade eine gute Komödie wie «Ernstfall in Havanna» laufen.

Die Prominenten aus Politik, Wirtschaft und Kultur vor Ort an der Preisverleihung:

Die Feier findet auf ausdrücklichen Wunsch von Boss hin im Trafo statt, nicht zuletzt wegen ihrer Aargauer Wurzeln. Aufgewachsen ist sie in einem Pfarrhaus in Schöftland und Aarau. Als Teenager wurde sie zur Rebellin, zog ein Jahr vor der Matur unter grossem Getöse von zu Hause aus, spielte in einer Punkband, arbeitete dann als Radiomoderatorin und Tontechnikerin, bevor sie im Film endgültig ihre Berufung fand. Ein besonderer Dank, sagt Boss bei der Preisverleihung, gelte deshalb ihrer Familie, die ihr immer ein «emotionales Zuhause» biete – sowie ihren drei Lieblingslehrern, die bei der Preisverleihung anwesend sind. Ihrem Französisch- und Italienischlehrer habe sie ihre «Tüpflischisserei» in puncto Grammatik zu verdanken: «Das kommt mir heute in jedem Eingabe-Dossier, das ich verfassen muss, zugute», witzelt Boss.

Es sei ja nicht einfach, so Mike Müller, sich «im hölzige Himmel vo dr Filmbranche» durchzusetzen. «Schon gar nicht als Frau», wie Landammann Urs Hofmann im Grusswort der Regierung sagt. «Ein Blick auf die Oscar-Verleihungen zeigt uns, wie stark die internationale Filmbranche noch immer von Männern dominiert wird. Für den Oscar wurden in der Kategorie ‹Beste Regie› nur viermal Frauen nominiert.» Sabine Boss dagegen, betont Hofmann, beweise, «dass es möglich ist, als Frau auch beim Filmemachen Erfolg zu haben».

Sympathie für Aussenseiter

Und dieser Erfolg kommt nicht von ungefähr. Eine zwanzigminütige Montage von Filmszenen aus ihrem Schaffen, vorbereitet von Boss und ihrem Cutter Stefan Kälin, führt allen Anwesenden Boss’ einzigartige filmische Handschrift vor Augen: ihre Sympathie für Aussenseiter und Angezählte, ihre Nähe zu ihren Protagonisten, ihre tiefgreifende Auseinandersetzung mit dem Filmstoff.

Die Jury um «Nordwestschweiz»-Kulturredaktorin Sabine Altorfer (Vorsitz), Christian Berzins, Simone Meier, Peer Teuwsen, Maja Wanner und «Nordwestschweiz»-Chefredaktor Christian Dorer lobt Boss als eine der «fleissigsten, vielseitigsten und vor allem besten» Regisseurinnen der Schweiz. In ihrer Begründung schreibt sie: «Mit ihrem Film ‹Der Goalie bin ig› bewies Sabine Boss, dass sie die fragile Gleichung ‹Geschichte plus Cast plus Bild plus Sprache plus Dramaturgie gleich Film aus einem Guss› jetzt mühelos beherrscht.»

Peter Wanner, AZ-Verleger und Stifter des mit 25'000 Franken dotierten Kulturpreises, weist auf den glücklichen Zeitpunkt der Verleihung hin. Erst vergangenen Sonntag wurde Sabine Boss’ neuer Film «Verdacht» im Fernsehen ausgestrahlt – ein neues «Meisterwerk», findet Wanner, «ein Film, der einem bis zur letzten Sekunde den Atem anhält.»

«Als Künstlerin bin ich pausenlos am Suchen, Feilen und Zweifeln», kommentiert Boss ihren Schaffensprozess. Genau diese Eigenschaften – die Ablehnung dagegen, jemals in einer bequemen Starre einzurasten – haben sie zum Erfolg geleitet. Und machen Sabine Boss zur verdienten Preisträgerin des 17. Kulturpreises der AZ Medien.

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