Standortfrage

KV Baden-Rektor: «Regierung unterschlägt ein Szenario»

Auch an der Alten Kanti Aarau hat es eine WMS. Rechts: Jörg Pfister

Auch an der Alten Kanti Aarau hat es eine WMS. Rechts: Jörg Pfister

Die KV-Rektoren sind empört, dass Verlegung der Wirtschaftsmittelschule nicht einmal diskutiert werden soll, während einige KV-Schulen geschlossen werden sollen.

Das Standort- und Raumkonzept Sekundarstufe II des Regierungsrats hat es in sich, vor allem punkto kaufmännische Berufsschulen (KV). Je nach Variante sollen drei oder vier der heute sieben KV im Aargau verschwinden. Jörg Pfister ist seit 2009 Rektor des «zB Zentrum Bildung», der Wirtschaftsschule KV Baden. Hier spricht er aber nicht für «seine» Schule, sondern in seiner Funktion als Präsident der KV-Rektorenkonferenz.

Herr Pfister, gemäss Vorschlag der Regierung sollen die KV von Brugg und Zofingen sicher, jene von Lenzburg, Wohlen und Rheinfelden eventuell geschlossen werden. Welche Variante bevorzugen die KV-Rektoren?

Jörg Pfister: Es ging in unserem Gremium nicht darum, Lobbying für die eine oder andere Schule oder Variante zu machen. Das hätte bloss zu Unstimmigkeiten geführt, denn es sind ja alle Rektoren der gefährdeten Schulen in unserer Konferenz vertreten. Wir lehnen alle vorgeschlagenen Varianten geschlossen ab.

Warum?

Gewisse Varianten werden gar nicht erörtert. Es geht uns aber auch ums Grundsätzliche. Die Regierung stellt drei übergeordnete strategische Grundsätze auf – und verletzt sie mit den Varianten Alpha, Beta und Gamma gleich wieder.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Die drei strategischen Ziele lauten: höhere Raumauslastung, Bildung von Kompetenzzentren, angemessene Berücksichtigung der Regionen. Beginnen wir bei den Regionen: Gesichert sind nur noch die KV in den Zentren Aarau und Baden, vielleicht überlebt noch ein KV im Freiamt, im Fricktal oder in Lenzburg. Jedenfalls wird das Ziel «Berücksichtigung der Regionen» mit Füssen getreten. Dabei ist es im Kanton der Regionen absolut prioritär. Alle Varianten schwächen die Regionen im kaufmännischen Bereich und führen zwangsläufig zu einem Lehrstellenabbau.

Es geht beim Konzentrationsprozess darum, Kosten zu sparen und die Effizienz zu steigern, sprich: leere Schulzimmer zu vermeiden.

Schauen Sie die Beträge an, die laut Anhörungsbericht bei den drei Varianten eingespart werden. Sie bewegen sich im einstelligen Millionenbereich pro Jahr – für die gesamte Übung. Wie gross das Sparpotenzial der einzelnen Schulschliessungen wäre, wird nicht transparent gemacht. Lohnt es sich da, die Berufsschullandschaft komplett auf den Kopf zu stellen? Im Übrigen misstrauen wir auch den Berechnungen betreffend leere Schulzimmer. Füllt man die einzelnen Schulen allzu stark, wird die Erstellung vernünftiger Stundenpläne erschwert. Das geht direkt zulasten des Angebots und der Lernenden.

Bleibt das strategische Ziel «Bildung von Kompetenzzentren».

Die haben wir im KV-Bereich ja heute schon! Die KV-Schulen haben eine sehr homogene Ausbildung. Das erlaubt eine hohe Kompetenzbildung an allen Schulen. Bei allen Szenarien werden Kompetenzzentren aufgehoben. Dadurch wird die KV-Berufsbildung im Aargau insgesamt geschwächt statt gestärkt, wie es die Regierung eigentlich möchte.

Wenn Sie die vorgeschlagenen Varianten Alpha, Beta und Gamma ablehnen – was ist dann Ihr Vorschlag? Der Status quo?

Unser Ziel ist zunächst, dass die Regierung die selbst gesetzten strategischen Ziele befolgt und nicht mit Füssen tritt. Sodann sind wir wie erwähnt der Meinung: Im Anhörungsbericht fehlen Szenarien. Es gibt zumindest noch eine wichtige Variante, nennen wir sie Delta.

Was wäre ihr Kernstück? Geht es um die Wirtschaftsmittelschule WMS?

Genau. Die Regierung will, dass sie an den Kantonsschulen bleibt. Man kann das so beantragen. Aber wir bedauern ausserordentlich, dass die Regierung diesen Verbleib in die übergeordneten Zielsetzungen aufgenommen hat. Damit kann die Frage gar nicht richtig diskutiert werden. Wenn man schon Varianten präsentiert, wäre es doch logisch, eine Variante «WMS bleibt an den Kantonsschulen» und eine Variante «WMS wechselt ans KV» zur Diskussion zu stellen. Eine solche Variante brächte für alle Beteiligten sehr viele Vorteile. Sie lässt sich auch vereinbaren mit den drei übergeordneten strategischen Zielen der Regierung. Ohne die Variante «WMS an die KV-Schulen» fehlt aus unserer Sicht das entscheidende Szenario.

Wie lautet Ihr inhaltliches Hauptargument für einen Wechsel?

Die WMS ist eine kaufmännische Berufsbildung. KV und WMS unterliegen heute derselben Bildungsverordnung des Bundes. WMS-Absolventen erhalten am Schluss ein Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ) und ein kaufmännisches Berufsmaturitätszeugnis. Von der Bildungssystematik her ist es ganz klar: Die WMS gehört zum KV, nicht zu den Kantonsschulen.

Das «Handeli» ist im Aargau seit über 100 Jahren Teil der Kantonsschulen.

Tatsächlich gab es an der Kantonsschule in Aarau eine Handelsdiplomabteilung, später auch eine Handelsmaturität. Aber heute heisst dieser Studiengang nicht nur anders, er ist auch anders. Eben: Es ist ein Berufsmaturitäts-Lehrgang.

Die WMS ist eine Vollzeitschule, das KV eine Teilzeitschule.

Auch das stimmt nur bedingt. Es gibt am KV die Berufsbildung vom Typ «BM 2 Vollzeit» – hier erwirbt man die Berufsmaturität in einer einjährigen Vollzeitschule.

Und wie sähe es denn bei einem Wechsel an die KV-Schulen räumlich aus?

Die Kantonsschulen sind, mit Ausnahme von Zofingen, zu über 100 Prozent belegt. Man operiert bereits heute mit Provisorien. Im Moment stagnieren zwar die Eintrittszahlen, aber um das Jahr 2020 wird sich das wieder ändern. Das Platzproblem der Kantonsschulen ist für den Planungshorizont von 15 Jahren nicht gelöst.

Und dasjenige der KV-Schulen?

Man könnte die beiden WMS von Aarau und Baden integral an die KV von Aarau und Baden zügeln. Dann müsste man den Richtplan ändern, der besagt, aus welchen Wohnorten die Lernenden an welche KV-Schule gehen. Das brächte zwar punkto Schulweg auch Änderungen für etliche Lernenden – aber sie wären mit Sicherheit kleiner, als wenn man in den Regionen die KV ganz schliesst.

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