Familienbegleitung
Lob vom Bund, weniger Geld vom Kanton: Wie Hometreatment ab 2020 finanziert wird, ist unklar

Der Bund findet, HotA erfülle eine wichtige Aufgabe in der Prävention innerhalb der Gesundheitsversorgung. Der Kanton kürzte die Beträge in den letzten zwei Jahren um 180'000 Franken. Spenden haben bisher das Defizit ausgleichen können.

Noemi Lea Landolt
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Letztes Jahr hat das Bundesamt für Gesundheit das Aargauer Projekt der Hometreatment Organisation als gutes Praxisbeispiel ausgezeichnet.

Letztes Jahr hat das Bundesamt für Gesundheit das Aargauer Projekt der Hometreatment Organisation als gutes Praxisbeispiel ausgezeichnet.

Solothurner Zeitung

Nicht immer sind Eltern imstande, ihren Kindern ein Umfeld zu bieten, in dem sie sich gesund entwickeln können. Eine psychische Krankheit kann zum Beispiel dazu führen, dass Väter und Mütter an ihre Grenzen kommen. Seit 2012 begleitet die Hometreatment Organisation – kurz HotA – Familien im Kanton Aargau, bei denen ein Elternteil oder ein Kind von einer psychischen Erkrankung betroffen ist. Die Fachpersonen behandeln die Familien zu Hause, bestärken die Eltern in ihrer Erziehungskompetenz und suchen gemeinsam nach Lösungen, damit das Zusammenleben für alle angenehmer wird.

Letztes Jahr hat das Bundesamt für Gesundheit das Aargauer Projekt als gutes Praxisbeispiel ausgezeichnet. Der Bund findet, HotA erfülle eine wichtige Aufgabe in der Prävention innerhalb der Gesundheitsversorgung. «Wenn Familien wieder eigenständig funktionieren, vermindert sich die Gefahr, dass Kinder fremdplatziert werden müssen», heisst es in der Broschüre. Ausserdem entstünden deutliche Einsparungen im Gesundheitssystem, wenn dadurch Fremdplatzierungen vermieden werden können. Diese sind nämlich viel teurer als die Hometreatment Organisation, die Tageskosten unter 20 Franken aufweist. Eine Unterbringung in einer Pflegefamilie kostet mindestens 140 Franken täglich, ein Aufenthalt in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie sogar 500 Franken.

Kantonaler Beitrag halbiert

Obwohl der Bund das Projekt lobt und HotA auch in den externen Evaluationen der Hochschule Luzern gut abschneidet, ist die Zukunft des Projekts ungewiss. Die Hometreatment Organisation hat einen Leistungsvertrag mit dem Kanton. Deshalb kann ein Teil der Behandlungskosten über die Grundversicherung der Krankenkasse abgerechnet werden. Das gilt aber nicht für Fahrt-, Koordinations- und Weiterbildungskosten. Diese Kosten müssen aus anderen Quellen finanziert werden. Der Kanton hat das Projekt im Rahmen des Swisslos-Fonds von 2011 bis heute mit rund 4,4 Millionen Franken unterstützt.

Allerdings fiel der Beitrag in den Jahren 2017 bis 2019 aufgrund von Sparmassnahmen tiefer aus als in der Anfangszeit, sagt Loranne Mérillat, Leiterin Öffentliche Sozialhilfe beim Kantonalen Sozialdienst. Zu Beginn unterstützte der Kanton das Projekt noch mit bis zu rund 680'000 Franken pro Jahr. 2017 wurde der Beitrag auf 480'000 Franken gekürzt und für die Jahre 2018 und 2019 noch einmal reduziert – auf 300'000 Franken pro Jahr. Ob und wie es nächstes Jahr weitergeht, ist noch unklar.

Zwar hat der Kanton durchaus Interesse an solchen Angeboten, weil sie stationären Aufenthalten vorbeugen können. «Mit den aktuellen Revisionen des Spitalgesetzes und Betreuungsgesetzes sowie dem Ansatz ‹ambulant und stationär› sollen bis spätestens 2023 gesetzliche Grundlagen für die Finanzierung von solchen Angeboten geschaffen werden», sagt Barbara Hürlimann, Leiterin Gesundheit beim Departement Gesundheit und Soziales. Eine mögliche Übergangsfinanzierung bis zum allfälligen Inkrafttreten der entsprechenden Gesetzesgrundlagen sei aktuell Diskussionsgegenstand. Der Zeitpunkt des Entscheides sei noch offen.

Mit Spenden das Loch gestopft

Regula Berchtold hat das Hometreatment-Projekt zusammen mit einem Kinder- und Jugendpsychiater initiiert und leitet es. Aktuell begleite HotA 107 Familien. Eine Familie koste, je nach Wohnort, rund 1000 Franken pro Monat, sagt Berchtold. Es sei schwierig geworden, seit der Kanton die Beiträge gekürzt habe. Die 300'000 Franken aus dem Swisslos-Fonds würden reichen, um 30 Familien zu begleiten. 2017 habe HotA ein Defizit geschrieben, letztes Jahr habe es für ein kleines Plus gereicht. «Wir haben 2018 rund 200'000 Franken an Spenden generiert und konnten so die Kürzung des Kantonsbeitrags kompensieren», sagt Berchtold. Zudem müssen sich die Eltern an den Kosten beteiligen. Je nach steuerbarem Einkommen bezahlen sie einen Beitrag zwischen 50 und 700 Franken pro Monat. «Die Elternbeiträge möchten wir nicht erhöhen», sagt Berchtold. «Unser Angebot soll für alle offen sein, nicht nur für jene, die es sich leisten können.» Um auch dieses Jahr über die Runden zu kommen, startet HotA mit einem neuen Sponsoring-Konzept. «Firmen haben die Möglichkeit, in ihrem Bezirk eine Patenschaft für eine Familie zu übernehmen und ihr die Leistungen von HotA zu finanzieren», erklärt Berchtold.

Die ungewisse Zukunft von HotA beschäftigt auch FDP-Grossrätin Martina Sigg. Die Gesundheitspolitikerin findet das Angebot von HotA sinnvoll. «Es ist eine wichtige Institution, die viel Gutes leistet.» Ihr gefällt, dass bei HotA verschiedene Fachpersonen und Berufsgruppen zusammenarbeiten und dabei den Fokus auf die ganze Familie und nicht nur einzelne Familienmitglieder legen. HotA befinde sich an der Schnittstelle zwischen Gesundheits- und Sozialpolitik, was es schwierig mache, das Projekt in seiner Gesamtheit zu würdigen und zu fördern. «Dabei würde eine ganzheitliche Gesundheits- und Sozialpolitik auch der Wirtschaftspolitik nutzen», ist Sigg überzeugt.

Sie erwartet vom Kanton denn auch, dass er die Situation ganzheitlich betrachtet und eine Lösung findet. «Der Kanton will schliesslich ambulante Angebote fördern», sagt Sigg. «Aber gerade im ambulanten Bereich fehlt oft das Geld.» Das gelte nicht nur für HotA, sondern auch für andere Projekte. Für die Grossrätin ist es keine Option, abzuwarten, bis 2023 eine gesetzliche Grundlage besteht. «Vor allem weil es im Aargau in diesem Bereich kein Überangebot gibt.» Im Gegenteil, so Sigg. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie gebe es eine Unterversorgung im Aargau. Das räumte Ende Jahr auch der Regierungsrat in seiner Antwort auf einen Vorstoss ein. Die Zahl frei praktizierender Kinder- und Jugendpsychiater sei zu gering, um der steigenden Nachfrage zu genügen.

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