Existenzminimum

«Mami, gell, jetzt sind wir wirklich arm»: Junge Aargauerin landet wegen Lockdown fast in Sozialhilfe

Eine Aargauerin hat seit Corona Mühe, über die Runden zu kommen. Wie ihr ergeht es derzeit vielen.

Eine Aargauerin hat seit Corona Mühe, über die Runden zu kommen. Wie ihr ergeht es derzeit vielen.

Janine T. hat wegen des Lockdown einen Teil ihrer Arbeit verloren und ist fast in der Sozialhilfe gelandet – die Anmeldung dafür lag schon bereit. Trotz drei Jobs und Alimenten lebt die 34-Jährige am Existenzminimum. Die Pandemie zog ihr den Boden unter den Füssen weg. Nur mit Unterstützung der Caritas schafft sie es durch die Krise.

«Wir waren immer knapp am Existenzminimum, aber vor Corona ging es irgendwie immer gut. Wir waren zufrieden, es hat gereicht. Wir konnten nie in die Ferien, aber wir hatten ein gutes Leben», erzählt Janine T. (Name geändert). Die 34-Jährige aus dem Aargau erzählt nüchtern, gefasst. Sie bemitleidet sich nicht, wirkt nicht überfordert oder traurig. Eher zufrieden und erleichtert, dass alles irgendwie gut gegangen ist.

Doch der Reihe nach.

Janine T. hat zwei Söhne, der Jüngere geht in den Kindergarten, der Ältere in die Primarschule. Die Aargauerin hat drei verschiedene Jobs: einen als Reinigungskraft, einen als Küchenhilfe in einem Café und einen als Betreuerin für beeinträchtigte Personen. Obendrein macht Janine T. noch ein berufsbegleitendes Studium. Empfohlen sind, neben dem Studium maximal 40 Prozent zu arbeiten. Janine T. arbeitet mindestens 60 Prozent. Für ihr Studium gelernt hat sie vor dem Lockdown immer dann, wenn ihre beiden Söhne in der Schule waren. Als die Schulen zugingen, musste sie lernen, wenn die beiden schliefen – meist von acht Uhr abends bis um ein, zwei Uhr in der Nacht. Aber das war nicht die einzige Herausforderung, die das Coronavirus für Janine T. mit sich brachte.

Die Aargauerin verlor mit Beginn des Lockdown gleich einen grossen Teil ihres Einkommens. Das Café, in dem sie arbeitete, schloss und schickte die Küchenhilfen in Kurzarbeit. Das Unternehmen, in dem sie putzte, brauchte sein Reinigungstermin nur noch alle zwei Wochen. Als Betreuerin konnte ­Janine T. zwar mehr arbeiten als sonst, die Einschränkungen bedeuteten aber trotzdem rund 500 Franken weniger Einkommen pro Monat.

Eine beträchtliche Summe für Janine T., die pro ­Monat etwa 2000 Franken verdient. Dazu kommen Alimente, die ihr Ex-Mann an sie zahlt. «Ich möchte das Klischee gleich ausräumen, mein Ex-Mann zahlt die Alimente und er zahlt sie zuver­lässig. Ich bin nicht deswegen in Schwierigkeiten gekommen», betont Janine T. Der Grund war viel mehr der Lockdown. «Wegen der Kurzarbeit ist so viel weggefallen, dass wir auf Hilfe angewiesen waren, um wenigstens immer etwas zu essen zu haben», erzählt ­Janine T.­

Bereut, eine Wassermelone gekauft zu haben

Immer etwas zu essen haben, das war für die meisten Schweizerinnen wohl auch während der Coronakrise selbstverständlich. Für Janine T. nicht. Gerade auch alleinerziehende Mütter, wie sie eine ist, kamen in den vergangenen Wochen in Schwierigkeiten. «Bei getrennten Paaren, wenn beide Partner wenig verdienen, rutschen die Frauen viel häufiger in die Sozialhilfe», sagt die 34-Jährige.

Janine T. hat irgendwann während des Lockdown die ersten Formulare für die Sozialhilfe ausgefüllt. Das war, als sie merkte, dass das Geld wirklich nicht mehr reichte. Irgendwann, erzählt die junge Mutter, habe sie angefangen, Ende Monat durchzurechnen, ob sie irgendetwas falsch gerechnet, eine falsche Entscheidung getroffen habe. «Einmal habe ich uns eine Wassermelone gekauft und Ende Monat habe ich mir gedacht: Hätte ich doch die Wassermelone nicht genommen, hätte ich doch besser Waschmittel gekauft.»

Dass Janine T. bei grösseren Anschaffungen zweimal überlegen muss, ist für die kleine Familie nichts Neues. Auch ihre Söhne merkten schon immer, dass sie nicht viel Geld hat. «Dann habe ich immer geantwortet: Solange wir genug zu essen haben, sind wir nicht arm», erzählt die junge Frau. Doch auch ihre Kinder merkten, als Janine T. anfing, beim Essen zu sparen. Einmal fragte ein Sohn sie: «Gell, Mami, jetzt sind wir wirklich arm?» Dazu habe sie dann nicht mehr viel gesagt, erzählt die Mutter. «Er hatte ja irgendwie recht.» Als sie das erzählt, gerät Janine T. das einzige Mal während des Gesprächs leicht aus der Fassung. «Das hat schon wehgetan», gibt sie zu.

Zuerst half die Caritas. Die Sozialhilfe sollte das letzte Mittel sein

Doch die Sozialhilfepapiere liegen immer noch auf ihrem Nachttisch. «Die Sozialhilfe ist wie das letzte Mittel, wenn alles andere nicht mehr reicht. Das wollte ich nicht», sagt Janine T.

Vor diesem letzten Mittel wollte sie sich an anderen Orten Hilfe holen. Ihre Chefin half ihr, indem sie ihr Stiftungen empfahl, die aushelfen könnten, um ihrem Sohn das Pfadilager im Sommer zu zahlen. Sie erzählte ihr auch von der Schuldenberatung, die mit ihr anschauen würde, wie sie eine offene Lebensmittelrechnung bezahlen könnte, für die sie bereits eine Mahnung bekommen hatte.

Wirklich nutzen konnte sie beides nicht. Denn bei Stiftungen um Geld bitten, hätte bedeutet, diese anzuschreiben, die Situation zu erklären, vielleicht immer und immer wieder, abzuwarten, erneut zu erklären, bis sie vielleicht Geld bekommen hätte. «Dafür hatte ich einfach weder Zeit noch Kapazität», sagt Janine T. Und auch die Schuldenberatung sei nicht so hilfreich gewesen wie erhofft. Als sie den ersten Termin abgemacht hat, wurde ihr gesagt, dass sie für den Termin bereits 100 Franken im Voraus zahlen müsste, um überhaupt beraten zu werden. «Das macht für jemanden wie mich, mit erst ein paar hundert Franken Schulden, einfach keinen Sinn», erklärt die junge Mutter.

So wandte sie sich auf Empfehlung ihrer Chefin an die Caritas. «Die Hilfe war bei der Caritas wirklich sehr unbürokratisch.» Schon beim ersten Termin hat Janine T. einen Migros-Gutschein über 200 Franken erhalten, um Lebensmittel kaufen zu können. Später bot ihr die Caritas eine vertiefte Beratung an, weil einer Sozialarbeiterin aufgefallen war, dass ihre Geldknappheit ein strukturelles Problem war.

Ihr Lohn war nur knapp über dem Existenzminimum

Janine T. hat dann zusammen mit der Sozialarbeiterin der Caritas ihre ganze Situation analysiert. Dass sie im Prinzip nur knapp über dem Existenzminimum lebte, auch vor der Krise, hat sie erst dann erfahren. Am Schluss hat Janine T. zwei Migros-Gutscheine von der Caritas bekommen, und das Hilfswerk zahlte ihre noch offene Lebensmittelrechnung. Mit der Unterstützung der Caritas, erzählt Janine T., habe sie die Sozialhilfe noch vermeiden können.

Abgeschickt hat sie die ausgefüllten Formulare bis heute nicht – auch wenn sie seit der Beratung durch die Caritas weiss, dass es für sie durchaus Sinn machen würde. Denn mit der Sozialhilfe hätte sie eine gewisse finanzielle Sicherheit. Ihre Stundenlohnjobs ermöglichen ihr diese nicht. Es sei eine schwierige Entscheidung gewesen, ob sie Sozialhilfe beantragen wollte oder nicht, sagt Janine T. Doch schlussendlich entschied sie sich dagegen.

Die Einschränkungen, welche die Sozialhilfe mit sich bringt, wiegen für sie schwerer als die finanzielle Sicherheit, die sie erlangen würde. Jedes Mal eine Anschaffung zuerst beantragen zu müssen, zu fragen, ob sie ihren Kindern ein neues Bett kaufen darf oder nicht, das will Janine T. nicht. «Ich will das Wenige, das ich habe, wenigstens noch selbst verwalten. Und ich hatte immer die Hoffnung, dass alles wieder wird wie vorher, als es ja auch noch ohne staatliche Hilfe ging.» Janine T. ist froh, dass sie auf die Hilfe der Caritas zurückgreifen konnte.

Für Janine T. ist die Krise noch nicht vorbei

Trotzdem fragt sie sich, ob es nicht auch bessere Lösungen gebe. «Wenn die Caritas nicht ausgeholfen hätte, wäre ich jetzt in der Sozialhilfe.» Janine T. kam erst in Schwierigkeiten, als der Bund Restaurants schloss und Homeoffice empfahl, um das Coronavirus einzudämmen. «Ich habe mir nicht ausgesucht, dass ich nicht mehr arbeite, ich habe mir nicht ausgesucht, dass ich die Kita trotzdem zahle, obwohl ich meine Kinder nicht mehr dorthin schicken kann.»

Für die meisten ist die Coronakrise jetzt langsam vorbei. Für Janine T. noch nicht. Wann sie wieder im Café arbeiten kann, weiss sie noch nicht. Denn welches Restaurant braucht eine Küchenhilfe, wenn schon nicht genug Gäste kommen dürfen, um den Koch zu beschäftigen?

Wie sie für ihre Studiengebühren aufkommen soll, kann sie noch nicht sagen. Sie hofft, trotzdem nicht ein zweites Mal Hilfe beanspruchen zu müssen. «Im Sommer sieht es vermutlich langsam wieder besser aus», meint Janine T. Denn sobald das Uni-Semester vorbei ist, arbeitet sie wieder mehr in der Betreuung von beeinträchtigten Personen. So kann sie ihr Haushaltsbudget ein bisschen aufbessern.

Zumindest bis zur nächsten Krise.

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