Interview

Martina Bircher: «Mein Lehrer sagte: Sie wird ja eh mal nur Hausfrau – ich werde einfach unterschätzt»

Mit 29 wurde sie Gemeinderätin von Aarburg, drei Jahre später Grossrätin, letzten Herbst schaffte sie den Sprung in den Nationalrat und jetzt wird sie gar als neue Präsidentin der SVP Schweiz gehandelt. Im Interview erklärt Martina Bircher, was sie antreibt, wie sie Spitex und Sozialhilfe ändern will und wo sie von der Parteilinie abweicht.

Es herrscht Ferienstimmung wie in einem Robinson Club. «James-Henry» steht auf einer Holztafel vor dem Spielturm mit Rutschbahn, Schwimmringe liegen vor dem Pool. Martina Bircher und ihr Partner haben in ihrem Garten ein kleines Paradies für ihren zweijährigen Sohn eingerichtet. Und auch eins für Grosse: Ein Pulled Pork garte eben noch über 24 Stunden lang auf dem Hochleistungs-Barbecue-Grill. Steine für einen Pizzaofen, der noch fertig gebaut werden muss, stehen bereit. Wir setzen uns an den gedeckten Gartentisch fürs Interview. James-Henry watschelt vorbei, bietet dem Journalisten einen Salamistick an. Er teile halt gerne, sagt seine Mutter.

Büffeln Sie gerade Französisch, Frau Bircher?

Martina Bircher: (lacht) Ja, das ist wirklich so. Ich habe gerade einen Französischkurs gemacht.

Im Hinblick auf das SVP-Präsidium? Es hiess ja, Sie hätten da Nachholbedarf.

Auch als Nationalrätin braucht man gute Französischkenntnisse. Vor allem in der Kommission, wo es keine Übersetzung gibt. Ich machte einen Auslandaufenthalt in Frankreich und hatte Französisch während meiner Ausbildung, aber ich bin halt perfektionistisch, darum habe ich Anfang Jahr einen Sprachkurs gebucht.

Waren Sie überrascht, dass Sie als mögliche SVP-Präsidentin ins Spiel gebracht werden?

Das sind Journalisten, die das schreiben.

Martina Bircher über Blocher, Wermuth und Sommerferien

Martina Bircher über Blocher, Wermuth und Sommerferien

Sie machen schon jetzt eine steile Politikkarriere. Erschrecken Sie manchmal, wie schnell alles geht?

Ich bin nicht eines Tages aufgewacht und habe mir gesagt: Ich mache jetzt Politkarriere. Das hat sich alles so ergeben. Angefangen damit, als ich 2012 nach Aarburg zog und ein halbes Jahr später für den Gemeinderat kandidiert habe. Mit neun Stimmen Unterschied wurde ich gewählt. Mein politischer Erfolg basiert also quasi auf nur neun Stimmen. (lacht) Da sieht man mal, wie wichtig es ist, dass die Leute abstimmen gehen.

Wie wurden Sie politisiert?

Schon als kleines Kind ging ich am Abstimmungssonntag mit meinen Eltern an die Urne. Wir haben viel diskutiert und politisiert zu Hause, schauten am Freitag «Arena». Meine Eltern hatten auch nicht immer die gleiche Meinung, auch wenn beide SVP wählen. Mit 19 trat ich dann in die SVP ein.

Ihr Vater war Metzger und hatte später ein Restaurant, Ihre Mutter war Hausfrau. Wie prägte Sie das Elternhaus?

Mein Vater hat von früh bis spät gearbeitet, sechs Tage in der Woche und am Sonntag noch Büro gemacht. Freizeit kannte er fast nicht. Meine Mutter und ich gingen darum meistens allein in die Ferien. Das hat mich insofern geprägt, dass ich, glaub ich, recht fleissig bin. Ein weiteres Schlüsselerlebnis war, als mein Primarlehrer zu meinen Eltern in meiner Anwesenheit sagte: Martina kommt in die Realschule, sie wird ja eh mal nur Hausfrau und Mami.

Erinnern Sie sich, wie das damals auf Sie wirkte?

Es war zuerst schon ernüchternd. Im zweiten Moment habe ich gedacht: jetzt erst recht! Von der Realschule wechselte ich dann in die Sek- und später in die Bezirksschule. Das war auch später immer wieder so: Ich werde einfach unterschätzt. Auch im Gemeinderat. Zuerst wurde ich belächelt, dass ich ein halbes Jahr nach dem Zuzug nach Aarburg schon kandidiert habe. Und als ich gewählt wurde, liefen Wetten, wie lange ich es wohl mache: drei Monate oder sechs Monate.

In einer konservativen Männerwelt, die Sie als jung, klein und blond anschaute und nicht Ernst nahm?

Ja vieles sind halt Klischees. Das Selbstbewusstsein habe ich mir Schritt für Schritt aneignen müssen, sonst hätte ich mich nicht durchsetzen können.

Mittlerweile gehören Sie zu den Säulen in Ihrer Partei und sind eine Wortführerin in der Ausländer- und Sozialpolitik. Sie gelten als Hardlinerin. Passt Ihnen dieses Etikett überhaupt?

Ich habe einfach eine klare Linie, die braucht es auch. Aber es gibt andere Themen, wo ich liberal und offen bin.

Sie sind zu 80 Prozent voll auf Parteilinie, sagen Sie. Reden wir über die anderen 20 Prozent …

… ja, vor allem Gesellschafts- und Familienpolitik.

Ihr Partner nahm zwei Monate Vaterschaftsurlaub und war Hausmann nach der Geburt Ihres Sohnes. Die Aufteilung der Kinderbetreuung war für Sie selbstverständlich?

Absolut. Jetzt ist mein Sohn zweijährig und geht zwei Tage pro Woche in die Kita, zwei Tage betreue ich ihn, ein Tag mein Partner. Für mich war klar, dass ich weiterarbeite nach der Geburt.

Sie leben ein eher SVP-atypisches Familienbild.

Ich stelle auch in der SVP einen Wandel fest. Jüngere SVPler ticken gleich wie ich. Das ist eine Generationenfrage. Mein Vater ist jetzt 84. Er dachte anfangs, dass man Kinder in die Kita schickt, damit die Frau zum Coiffeur kann. Ich verurteile diese Sicht nicht. Aber ich erwarte umgekehrt, dass man akzeptiert, wie wir Jungen das jetzt machen. Das muss auch in der SVP Platz haben – und hat es auch.

Stimmen Sie also anders als Ihre Mutterpartei im September für den zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub?

Ich hätte zwar die Variante mit einem Elternurlaub bevorzugt, aber ja, ich stimme der Vorlage zu. Ich habe es nicht ganz verstanden, warum meine Partei das Referendum ergreifen musste. Das sind überschaubare Kosten im Vergleich etwa zur Überbrückungsrente als Fass ohne Boden, wo die SVP auf ein Referendum verzichtet.

Sind Sie auch in der Förderung von Kitas eher links?

Nein. Der Staat muss ein Interesse an Kitas haben, klar. Es kann nicht sein, dass man in die Ausbildung von Frauen investiert, aber es nachher kein Angebot für sie gibt. Statt billige Arbeitskräfte aus dem Ausland zu holen, fördert man besser die Frauen hier in der Schweiz. Was mich von der SP unterscheidet: Sie schreit immer und bei allem nach Geld vom Staat. Das geht nicht. Ich sehe nicht, warum etwa die Kitas jetzt Geld wegen Corona bekommen sollen. Die hatten keine Einbussen, weil man als Eltern ja eh jeden Monat im Voraus den Beitrag einzahlt, ob man sein Kind in die Kita schickt oder nicht.

Wo sehen Sie denn die Rolle des Staates bei den Kitas?

Der Staat behindert die Kita oft. Zum Beispiel gibt es Vorschriften, wie gross die Fenster sein müssen. Das verteuert alles. Ein weiteres Beispiel: Wir haben zwei Kitas in Aarburg. Da kam ein externer Prüfer und hat festgestellt, dass eine Kita 40 Franken günstiger als die andere ist. Und was macht er? Er empfiehlt dieser, den Preis anzuheben, weil Markt den Kitas nicht guttue. Das ist absurd, das Gegenteil stimmt. Die Frage müsste doch sein, was die günstigere Kita besser macht als andere. Aber in Branchen wie Soziales und Gesundheit muss man sich stets rechtfertigen, warum man günstiger ist. Das ist eben das Problem, wenn im Giesskannenprinzip Steuergelder verteilt werden.

Das bringt uns zur Spitex-Diskussion. Sie haben für Aufsehen gesorgt, weil Sie als Gemeinderätin die Spitex quasi privatisiert und die Kosten so halbiert haben. Wo ist der Haken?

Es gibt keinen! Wirklich nicht. Die Leute sind zufriedener als vorher. Es kommt jetzt alles aus einer Hand, der Service für die Betroffenen ist besser, etwa mit einem 24-Stunden-Notfalldienst. Und das alles günstiger. Das war einer meiner besten Entscheide in meiner politischen Karriere. Dabei hätte ich mir damit auch mein Grab schaufeln und die Abwahl riskieren können. Ich erinnere mich an die Infoveranstaltung Ende 2017. Die alte Spitex, die den Auftrag verlor, hat derart Stimmung gegen mich gemacht, dass viele Leute verunsichert waren und mich beschimpft und fast mit faulen Eiern nach mir geworfen haben. Aber wissen Sie was: Jetzt reklamiert niemand mehr, alle sind zufrieden. Und bereits sind weitere Gemeinden meinem Beispiel gefolgt, es werden wohl nicht die letzten sein.

Es gibt Kritiker, die sagen, das gehe langfristig nicht auf. Sie befürchten, die Alten werden aus Spargründen einfach früher ins Pflegeheim geschickt, wenn der finanzielle Druck bei der Spitex steigt.

Das ist erstens falsch, weil die Gemeinde ja so oder so zahlt. Und zweitens frech gegenüber den Betroffenen. Die Leute sind mündig, auch wenn sie alt sind. Der Trend geht in die andere Richtung: Immer mehr Leute wollen in der Wohnung bleiben bis zum Tod. Wir sind an einem solchen Projekt in Aarburg mit einer 24-Stunden-Pflege. Bei der Abrechnung wechselt man dann einfach von ambulant auf stationär, so hat man die Krankenkasse nicht im Nacken, welche oftmals die Spitexkosten nicht mehr übernimmt und so die Menschen ins Altersheim zwingt. Aber für die Betroffenen ändert sich nichts.

Ein weiteres Thema, mit dem Sie anecken, ist die Sozialhilfe. Hatten Sie eigentlich schon vor Ihrem Amt als Gemeinderätin eine vorgefestigte Meinung über die Sozialhilfepolitik oder wurden Sie durch die Erfahrungen im Amt radikalisiert?

Sagen wir so: Wenn ich als Parteilose das Dossier Soziales übernommen hätte, wäre ich nach ein paar Monaten in die SVP eingetreten. Und klar prägt mich mein Werdegang: Ich musste mir immer alles selbst erarbeiten. Unseren ersten Rasenmäher haben mein Partner und ich für 49 Franken in der Landi gekauft. Umgekehrt kommt ein Sozialhilfebezüger mit einem Prospekt auf die Gemeinde und will einen Rasenmäher für 600 Franken. Diese Anspruchsmentalität finde ich haarsträubend.

Ein fiktives Beispiel?

Leider nicht, genau so war es. Da sag ich: Geht’s noch?! Wir erarbeiten uns alles mühsam selbst und der andere will einen Rasenmäher für 600 Franken, ohne selbst zu arbeiten.

Wollen Sie einfach solche Extremfälle bekämpfen oder passt Ihnen die Sozialhilfe grundsätzlich nicht?

Das eine ist Missbrauch und Anspruchshaltung. Das zweite Problem ist, dass in der Sozialhilfe alle gleichbehandelt werden. Menschen landen aber aus unterschiedlichen Gründen in der Sozialhilfe. Es gibt Schicksalsschläge, ein Unfall oder eine alleinerziehende Mutter, die nach der Scheidung Zeit braucht, bis sie finanziell wieder auf eigenen Beinen steht. Ihnen gegenüber stehen die Faulen, die einfach nicht arbeiten wollen. Wir müssen nach Gesetz aber den Faulen und die alleinerziehende Mutter genau gleich behandeln. Für viele ist 1000 Franken Grundbedarf sprich Taschengeld nicht zu viel, aber für jemand, der nur die hohle Hand macht, sehr wohl.

Wenn wir über Sozialhilfe reden, sind wir schnell bei der Ausländerpolitik. Wenn 90 Prozent der Eritreer in der Sozialhilfe landen, läuft doch etwas schief. Sie werden nicht behaupten, die seien einfach alle faul.

Es gibt überall Faule, das ist klar. Die meisten aus diesen Ländern bringen einfach keine Schulbildung mit, sind sogar Analphabeten. Selbst wenn sie möchten, es hat einfach kaum Jobs für solche Leute.

Vorhin sagten Sie aber, jeder könne arbeiten, wenn er wolle.

Ja. Der Rucksack dieser Leute ist oft leer, aber den müssen sie selbst füllen. Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit einem Eritreer in der Sozialhilfe, der nicht kooperierte. Er ist seit zehn Jahren in der Schweiz und kam trotzdem mit einem Dolmetscher. Ich sagte ihm: Nach so langer Zeit müsse man in der Landessprache sprechen können. Er schaute mich mit grossen Augen an. Offenbar hat ihm das noch niemand gesagt. Ein typisches Problem in der Integration, statt einzufordern, wird lieber Geld für Stellen und Projekte gesprochen.

Martina Bircher ärgert sich über die Anspruchshaltung von vielen Sozialhilfeempfängern.

Martina Bircher ärgert sich über die Anspruchshaltung von vielen Sozialhilfeempfängern.

Sie schildern das Dossier Soziales wie eine Sisyphusarbeit. Sie ärgern sich ständig. Ist es Ihnen noch nicht verleidet?

Nein, es macht immer noch Spass. Ich kann mich gut abgrenzen.

Mit Andreas Glarner steht ein anderer SVP-Politiker aus dem Aargau auf der Kandidatenliste der SVP-Findungskommission. Im Gegensatz zu Ihnen strebt er das Amt des SVP-Präsidenten Schweiz offensiv an. Wenn er es wird, könnten Sie ja seinen Job als Kantonalpräsident übernehmen. Schon mal darüber nachgedacht?

So wie ich es verstanden habe, will er ja beides machen (lacht).

Sie geben sich bedeckt. Aber können Sie sich eine solche Führungsfunktion in der Partei grundsätzlich vorstellen?

Ich denke nicht über so etwas nach, bei mir ergibt es sich. Ich habe auch oft Selbstzweifel und überlege mir, kann ich das wirklich? Wenn ich etwas mache, dann richtig. Und die Familie kommt zuerst. Darum habe ich letztes Jahr als mögliche Regierungsratskandidatin abgesagt. Mit einem zweijährigen Kind geht so ein Amt nicht. Das kenne ich von meinem Vater, der immer gearbeitet hat. Das will ich nicht. Ich will, dass mein Kind etwas hat von Vater und Mutter.

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