Covid-Impfung
Mehrere Kantone bettelten den Aargau um Impfstoff an

Der Aargau gehört beim Impfen nicht zu den schnellsten Kantonen. Dafür habe man genug Impfdosen für die Zweitimpfung zur Seite gelegt, sagt Impfchef Andreas Obrecht.

Noemi Lea Landolt
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Wegen Lieferverzögerungen können die Kapazitäten der Aargauer Impfzentren nicht ausgeschöpft werden.

Wegen Lieferverzögerungen können die Kapazitäten der Aargauer Impfzentren nicht ausgeschöpft werden.

Britta Gut

Am Freitag hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) erstmals Zahlen zur Covid-Impfung veröffentlicht. Im Kanton Aargau sind von den bisher gelieferten 37'725 Dosen 12'100 verimpft worden (Stand: 21. Januar). Das entspricht 32,1 Prozent.

Nur sieben Kantone haben tiefere Werte. Der Aargau liegt auch unter dem Schweizer Durchschnitt von 37 Prozent.

CH Media

Trotzdem ist der Aargauer Impfchef Andreas Obrecht zufrieden. Die Impfkampagne sei «voll auf Kurs». Er sagt:

Wir verimpfen alle Impfdosen, die wir erhalten.

Allerdings behalte der Kanton die Hälfte der Dosen für die Zweitimpfungen zurück, wie es das BAG allen Kantonen am 31. Dezember empfohlen habe

Die Impfstatistik findet Obrecht «nicht sehr aussagekräftig». Sie berücksichtige die unterschiedlichen strukturellen, sozialen und geografischen Situationen der Kantone nicht. «Insbesondere trägt sie der Impfung in den Pflegeheimen nicht Rechnung», kritisiert er.

Mobile Teams sind weniger schnell

Die zehn mobilen Teams, die im Aargau den Impfstoff in die Pflegeheime bringen, würden nicht die Geschwindigkeit eines Impfzentrums erreichen. Obrecht sagt:

Wir erachten diesen Pfeiler aber als richtig und wichtig angesichts der Tatsache, dass über die Hälfte der Todesfälle in der zweiten Welle in den Heimen aufgetreten ist.

Der Impfchef weist ebenfalls daraufhin, dass der Aargau durchaus in der Lage wäre, mehr Personen zu impfen. «Wegen der Knappheit des Impfstoffes und der mehrfachen und kurzfristigen Reduktion der Liefermengen können die Impfzentren leider nicht auf Volllast betrieben werden.» In der Statistik werde dies nicht berücksichtigt.

Basel-Stadt und Solothurn müssen Impfstoff ausleihen

In der Statistik fällt auf, dass sechs Kantone über die Hälfte der gelieferten Dosen verimpft haben. Basel-Stadt zum Beispiel hat 80 Prozent verimpft, Zug 62 Prozent und Solothurn 52 Prozent. Anders als der Aargau haben diese Kantone die Dosen für die Zweitimpfung nicht zurückbehalten.

Der Aargauer Impfchef Andreas Obrecht.

Der Aargauer Impfchef Andreas Obrecht.

Britta Gut

Obrecht beurteilte diese Woche ein möglichst rasches Verimpfen der verfügbaren Dosen kritisch, weil es das Risiko von Verzögerungen der Zweitimpfung erhöhe.

Dass gewisse Kantone bereits mit Engpässen zu kämpfen haben, machte CH Media am Montag publik. Ausgerechnet «Impf-König» Basel-Stadt musste bereits bei Nachbarkanton Baselland für zusätzliche Impfdosen anklopfen.

Der Kanton Solothurn hat wegen einer ausgebliebenen Lieferung ebenfalls einmalig für zwei Tage eine kleine Anzahl an Impfdosen ausgeliehen. «Diese wurde bereits wieder zurückerstattet», teilt der Kanton mit.

Der Aargau springt in die Bresche – unter einer Bedingung

Kantone in Not klopften auch im Aargau an. Obrecht bestätigt, dass der Aargau «mehr als einmal» um Impfstoff angefragt worden sei. Die Anfragen hätten einen Zusammenhang mit «kurzfristigen Überbrückungen» oder dem Lieferengpass des Pfizer- Biontech-Impfstoffes gehabt. Teilweise habe der Kanton kurzfristig ausgeholfen. Obrecht sagt:

Bedingung ist immer, dass das Angebot für die Aargauer Bevölkerung nicht negativ beeinflusst wird und die Zweitimpfungen gesichert bleiben.

Welche Kantone Impfstoff aus dem Aargau wollten, sagt Obrecht nicht. Auch zur Menge macht er keine Angaben. Er hält aber fest, die Dosen würden bei der nächsten Lieferung kompensiert. «Möglich ist auch ein Abtausch von verschiedenen Impfstoffen», so Obrecht.

Hat zum Beispiel ein Kanton zu viele Pfizer-Biontech-Dosen verabreicht und hat er zu wenig Reserven für eine Zweitimpfung, kann es gut sein, dass der Aargau aushilft und im Gegenzug Moderna-Impfdosen erhält.

Ruth Humbel beurteilt die interkantonale Hilfe kritisch

Die Aargauer Nationalrätin Ruth Humbel.

Die Aargauer Nationalrätin Ruth Humbel.

CH Media

Für Ruth Humbel, Präsidentin der nationalrätlichen Gesundheitskommission, ist dieses gegenseitige Aushelfen «fast etwas zu viel der Solidarität gegenüber anderen Kantonen». Es gebe viele Leute, die darauf warteten, geimpft zu werden.

«Die gelieferten Impfdosen sind für die Aargauer Bevölkerung gedacht – insbesondere für die Risikopatienten und das Gesundheitspersonal – und müssen auch für diese Personen eingesetzt werden», sagte sie gegenüber Tele M1.

Obrecht verteidigt die inter­kantonale Hilfe:

Wenn eine Person die zweite Impfung nicht rechtzeitig erhält, tritt kein voller Impfschutz ein. Damit ist letztlich niemandem gedient.

Die Lieferengpässe des Pfizer-Biontech-Vakzins wirken sich auch auf das Aargauer Impfprogramm aus. Der Kanton erhält von den geplanten 9562 Dosen nur etwa die Hälfte. «Wir können nicht die Anzahl Termine vergeben, die eigentlich möglich wären», sagt Obrecht.

Zudem könnten Hausärztinnen und Apotheker erst im Verlauf des März mit dem Impfen starten. Und der Kanton musste die Impfkriterien verschärfen. In den Impfzentren werden nur noch Hochrisikopatienten geimpft.

Sehen Sie hier den Beitrag zum Thema von TeleM1: