Sommerserie

Mit 100 Franken durch den Aargau: Reicht das für 6 Tage?

Der Aargau für 100 Franken, Folge 1: Zum Start ins Tabakmuseum

Der Aargau für 100 Franken, Folge 1: Zum Start ins Tabakmuseum.

Redaktor Eddy Schambron reist mit dem E-Bike eine Woche durch den Aargau. Ein Hunderternötli muss dafür reichen. Auf der ersten Etappe weckt ein Besuch im Zigarrenmuseum alte Erinnerungen.

Es war einfach, damals vor etwa 50 Jahren: Ein paar Franken im Sack und das Abenteuer der ersten Ferienreise konnte beginnen. Die langen Haare flatterten im Wind, das Töffli unter dem Hintern knatterte fast wie die Harley unter Peter Fonda und Dennis Hopper im Film «Easy Rider». Wie fühlt sich so etwas heute an, plus-minus ein halbes Jahrhundert danach mit schütterem, grauen Haar?

Statt Töffli geht es zeitgemässer mit dem Elektrovelo auf die Tour, eine Woche Aargau, 100 Franken im Sack, für alles. Meine Habseligkeiten sind auf und am Gepäckträger verzurrt. «Es hed grägnet e de Bärge, mer hei endlich chönne go, es paar Fränkli o e Schlafsack esch alls wo mer hei gha» – diese Songzeile in Polo Hofers «Rosmarie» drückt das Lebensgefühl einer ganzen Schweizer Generation aus. Ich mache mich auf den Weg, allerdings ohne Rosmarie.

Über den Lindenberg

Es ist Sonntag, 2. Juni, es ist sonnig und warm. Nach der Fahrt über den Lindenberg und entlang des Hallwilersees gibt es den ersten Halt in Menziken: Das Tabak- und Zigarrenmuseum hat geöffnet und der Eintritt kostet fünf Franken. Das leiste ich mir, immerhin habe ich selber 30 Jahre lang geraucht. Ich erinnere mich genau: Meine ersten gekauften Zigaretten kosteten Fr. 1.20, waren die Marke «Boston», und das Päckli war dunkelgrün. «Lueged Sie», sagt Monika Villiger, als ich ihr das sage: Im Museum ist dieses Päckli zu sehen, ausgestellt bei einem alten Werbeplakat, das den Cigarrenunternehmer Kaspar Villiger und späteren Bundesrat als Buben zeigt. Die zierliche Frau, seine Schwester, führt mich durch das bemerkenswert reichhaltige Museum, das von Zeiten erzählt, als Rauchen noch sozusagen als gesund galt. «Zigarrenrauchen beruhigt die Nerven, fördert die Arbeit, hebt das Wohlbefinden», wird da etwa geworben, oder: «Sei ein Mann, rauche Stumpen und Zigarren».

Auch später wunderten sich nicht mal die Eltern, als wir plötzlich zum Glimmstängel griffen. Bei meinem Grossvater, der einen Kiosk führte, gab es sogar Zigaretten im Offenverkauf – drei Stück für 20 Rappen, das war sehr jugendfreundlich. Ich habe dann mit 45 Jahren aufgehört zu rauchen, es war ganz einfach und ich machte es fünf Mal.

Kinder als Model

Die Geschichte, die das Tabak- und Zigarrenmuseum in einer ehemaligen Kapelle erzählt, ist auch die Geschichte des Wynen- und Seetals. 1838 legte Samuel Weber in Menziken mit seinen Söhnen den Grundstein für die Tabakindustrie. Die Tabakverarbeitung erlebte einen grossen Aufschwung ab 1861, als während des amerikanischen Bürgerkrieges die Armeen mit Stumpen aus dem Wynen- und Seetal beliefert wurden. In über 150 Fabriken und Kleinbetrieben fanden bis zu 4500 Männer und Frauen ein Auskommen. Die Ausstellung ist zudem auch eine kulturelle Zeitreise: die Zigarrenbinden sind genauso kunstvoll gestaltet wie Zigarrenkisten oder -schachteln. Ein Werbeplakat zeigt auch Monika Villiger als kleines Mädchen, wie sie einem Mann eine Villiger Export anzündet. «Der Mann ist aber nicht mein Vater», stellt sie fest.

Der Hunger meldet sich. Im Coop Pronto in Menziken kostet mich das Sandwich Fr. 5.95. Sein Verzehr im Schatten eines Baumes zwischen Zetzwil und Oberkulm bringt mich in Kontakt mit einem ebenfalls dort rastenden, Velo fahrenden Kosovoalbaner.

Er gibt mit gute Tipps, was sich in der Umgebung anzuschauen lohnen würde. Den Kauf des Abendessens schliesslich in Zofingen – Reis Mediterran und ein Brot Vitavit – bezahle ich mit Fr. 7.85, womit ich Fr. 2.30 über meinem festgelegten Tagesbudget zu liegen komme.

Autor

Eddy Schambron

Eddy Schambron

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