Aargauer Weinernte
Nach April-Frost: Millionen-Ausfälle bei Reben und Obst

So früh wie selten hat die Weinernte im Aargau begonnen – nach den April-Frösten gibt es aber 30 bis 40 Prozent weniger Trauben.

Hans Lüthi
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Nicht alles ist erfroren: Peter Rey, Leiter der Aargauer Fachstelle Weinbau, mit schönen Blauburgunder-Trauben im Rebberg von Pirmin Umbricht in Untersiggenthal.

Nicht alles ist erfroren: Peter Rey, Leiter der Aargauer Fachstelle Weinbau, mit schönen Blauburgunder-Trauben im Rebberg von Pirmin Umbricht in Untersiggenthal.

Hans Lüthi

Ein verrücktes Weinjahr neigt sich mit der Ernte der Riesling-Silvaner-Trauben und der weissen Spezialitäten dem Ende zu. Das vierte in Serie mit grossen Ausfällen, die der Aargauer Rebbaukommissär Peter Rey aktuell auf 30 bis 40 Prozent schätzt.

In der Realität gibt es den Durchschnitt allerdings nicht, denn in den Gebieten ohne grosse Frostschäden mussten die Rebbauern den Ertrag sogar reduzieren. Das heisst: gesunde Trauben zu Boden schneiden, um die Qualität zu steigern. Küttigen, Erlinsbach, das Limmattal und das Seetal erlebten auch kalte Nächte, kamen aber meist mit einem blauen Auge davon.

Massive Schäden im Fricktal

Einen frostigen Start ins Rebjahr erlebten die tiefer gelegenen Aargauer Weinbau-Regionen: das untere Fricktal, Zeiningen, Magden, Remigen, Villigen, Bözen, Effingen und das untere Aaretal. Nach einem strengen Winter und einem überaus kalten Februar stellte der März alles auf den Kopf.

Mitte April waren die Triebe so früh wie noch nie schon mehrere Zentimeter lang, als der Frost in den zwei Winternächten auf den 20. und 21. April fast alles erfrieren liess. Ausser den Rebstöcken selber. «Sie erholten sich unglaublich schnell, bildeten neue Triebe, aber mit weniger Trauben dran», betont Rey.

Er hat Parzellen mit 90 Prozent Ausfall gesehen. Kein Wunder, denn in den klaren Nächten war es schon um Mitternacht minus drei Grad, am frühen Morgen vier bis fünf Grad unter null. Wenn sich die Temperatur mit Frostkerzen erhöhen liess, konnten die Schäden verringert werden.

Obstkulturen: Zwei Drittel der Kirschen und Äpfel erfroren

Für erfrorene Blüten von Äpfeln, Birnen und Kirschen gibt es keinen Ersatz. Darum ist die Bilanz der Obstkulturen 2017 noch trister als in den Rebbergen. «Zwei Drittel der Tafelkirschen sind erfroren», sagt Othmar Eicher von der Fachstelle Obstbau am Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg. Selbst unter Plastik sind die Blüten durch die Kälte zerstört worden. Einzig mit Wärme-Prävention durch Wachskerzen gab es in den gedeckten Anlagen volle Kirschen-Körbe. Weil man die Hochstammbäume nicht schützen kann, gingen von den Konserven-Kirschen 80 Prozent kaputt. Bei den Zwetschgen hat der Frost 60 Prozent einer durchschnittlichen Ernte vernichtet, statt 800 gibt es nur 300 Tonnen.

Stark getroffen wurden auch die Äpfel produzierenden Bauern. Othmar Eicher schätzt die Ernteausfälle auf zwei Drittel bei den Tafeläpfeln und auf die Hälfte beim Mostobst. Je nach Lage eines Bauernhofes gab es grosse Unterschiede, von der Vollernte bis zum Totalausfall. Unter dem Strich beziffert Eicher den Schaden für die Aargauer Obstbauern auf insge-samt rund 8 Millionen Franken.
Immerhin sieht der Fachmann einen grossen Lichtblick für das nächste Jahr: Die Bäume haben laut Eicher viele Reserven und Energie eingelagert. Damit sind die Chancen sehr gross, dass es 2018 überdurchschnittliche Ernten gibt. Falls nicht wieder ein später Frost auftritt. (lü)

Vier Problemjahre in Serie

Von Ernten wie 2009 und 2011 können die Rebbauern höchstens noch träumen. Schon seit 2014 ist der Wurm drin: Zuerst kam die Kirschessigfliege, 2015 das Spritzmittel Moon Privilege, 2016 und 2017 die schärfsten Fröste seit fast 40 Jahren. Etlichen Profi-Betrieben gehen die Dauerausfälle an die Substanz, denn der Aufwand ist oft noch höher als in einem Normaljahr.

Allein der fehlende Wein hat einen Wert von grob geschätzten acht Millionen Franken. Ein wichtiges Standbein der grossen Aargauer Betriebe ist zudem die Lohnkelterung für andere Rebbauern und Hobby-Winzer. Für die vom Kanton angebotenen zinslosen Darlehen gab es bisher nur drei Gesuche. «Weil noch Weine aus den Vorjahren da sind, trifft der Engpass meist erst später ein», sagt Matthias Müller, Leiter von Landwirtschaft Aargau.

Mit Frostkerzen haben Aargauer Weinbauern gegen Schäden an ihren Reben gekämpft:

Weil die Temperaturen in praktisch allen Anbaugebieten im Kanton bei minus 3 Grad und tiefer lagen, sind viele Reben erfroren.
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Dies ist zum Beispiel in Magden oder Zeiningen im unteren Fricktal der Fall.
Aber auch in Gebieten ohne grossen Niederschlag, wie in Ennetbaden oder Untersiggenthal, sind rund 30 bis 50 Prozent der Triebe erfroren.
Mit Frostkerzen versuchen Aargauer Weinbauern darum, das Schlimmste zu verhindern.
Allerdings ist das Verfahren aufwendig und relativ teuer, pro Hektare fallen rund 2500 Franken an.
Notwendig sind für diese Fläche etwa 200 Kerzen – und diese zu bekommen, istderzeit fast unmöglich.
Aargauer Weinbauern kämpfen mit Frostschutzkerzen gegen Schäden an ihren Reben.

Weil die Temperaturen in praktisch allen Anbaugebieten im Kanton bei minus 3 Grad und tiefer lagen, sind viele Reben erfroren.

Raphael Nadler

Gesuche sind darum auch in Zukunft möglich, das Geld muss in 10 bis 15 Jahren zurückbezahlt werden. Gefragter sind die geschenkten Gelder aus dem Fondssuisse des Bundes. Dafür bewerben sich aus dem Aargau derzeit 9 Rebbauern und 20 Obstbauern. Die Beiträge à fonds perdu sind aber für Härtefälle gedacht. Bei einer noch offenen Ausschüttung von 10 bis 30 Millionen für die ganze Schweiz werden viele Wünsche offenbleiben.

Qualität ist höchst erfreulich

Bei all den Sorgen geht das Positive fast unter: Der wunderbare Sommer mit oft gegen oder über 30 Grad hat zu einer erstaunlichen Qualität geführt. Bei den geernteten Riesling-Silvaner-Trauben ergaben die Messungen zwischen 79 und 86 Öchsle. Die Blauburgunder sind schon rund zehn Öchsle darüber und versprechen Werte wie nach dem Hitzesommer 2003. Wenn das Wetter in den nächsten Wochen weiter mitspielt, wird es trotz
allem viele Öchsle-Hunderter geben.

Die von der Hitze zurückgebundene Kirschessigfliege ist in den Fallen relativ zahlreich, «aber es gibt kaum Einstiche in die Traubenbeeren», erklärt Rey. Dennoch wurde vorsorglich Kaolin gespritzt, das biologisch völlig bedenkenlos ist. Aber wegen der weisslichen Färbung gibt es Anfragen besorgter Konsumenten.

Magere Ernte, aber beste Qualität – dies dürfte zum Fazit für 2017 werden. Die Aargauer Weinbauern wünschen sich für 2018 endlich wieder ein gutes Jahr.

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