Gegenwind

Nach den Eltern nun auch Kritik aus der Politik: «Entschuldigte» Absenzen doch nicht im Schulzeugnis?

Daniel Hölzle, Präsident der Aargauer Grünen und Schulleiter in Brittnau ist gegen die neue Regelung.

Daniel Hölzle, Präsident der Aargauer Grünen und Schulleiter in Brittnau ist gegen die neue Regelung.

Grossräte der Grünen, Grünliberalen, CVP und FPD planen Vorstösse, um die umstrittene Regelung wieder abzuschaffen.

Ab diesem Schuljahr werden im Zeugnis von Oberstufenschülern nicht nur die unentschuldigten, sondern auch entschuldigte Absenzen eingetragen. Die neue Vorgabe der Regierung stösst nicht nur bei Eltern, sondern auch bei Bildungspolitikern verschiedener Parteien auf Widerstand.

«Die Einführung kommt im dümmsten Moment, denn wir sagen derzeit allen Eltern, sie sollten ihre Kinder bei Husten oder Halsweh besser zu Hause behalten und den Arzt kontaktieren», sagt Daniel Hölzle, Präsident der Aargauer Grünen und Schulleiter in Brittnau. Mit der neuen Regelung würden jene Schülerinnen und Schüler mit Einträgen im Zeugnis bestraft, die sich an die Vorsichtsmassnahmen gegen Corona halten.

Hölzle reicht deshalb zusammen mit zwei weiteren grünen Grossräten am 8. September einen Vorstoss ein. Ziel ist es, die Einträge von entschuldigten Absenzen im Zeugnis wieder abzuschaffen oder zumindest zu sistieren. «Aus meiner Erfahrung als Schulleiter haben solche Einträge wenig Aussagekraft und spielen auch bei der Auswahl von Lehrlingen kaum eine Rolle», sagt Hölzle. Es gebe Jugendliche mit vielen Absenzen, die dank persönlicher Kontakte der Eltern eine Lehrstelle finden, sagt er. «Anderseits gibt es pflichtbewusste Jugendliche mit gar keinen Absenzen, bei denen die Lehrstellensuche schwierig ist, nur weil sie den falschen Namen haben.»

Regelung wirft auch rechtliche Fragen auf

Hölzle betont, dass es nicht zulässig wäre, in einem Arbeitszeugnis die Absenzen wegen Krankheit einzutragen. «Bei den Oberstufenschülern will man das jetzt machen, das ist fragwürdig», sagt er. Zudem sei der Aufwand für Lehrpersonen an der Oberstufe mit Fachlehrsystem sehr gross. Lehrerinnen und Lehrer hätten mit der Einführung des Lehrplans 21 und den vielen Unsicherheiten aufgrund von Corona Wichtigeres zu tun.

GLP-Grossrat und Rechtsanwalt Dominik Peter schliesst sich dem Vorstoss an. Er stellt infrage, ob die Promotionsverordnung eine genügende rechtliche Grundlage für den Eintrag solcher Daten in einem für den Bewerbungsprozess relevanten Zeugnis bildet. Zudem könne es zu heiklen Situationen führen, wenn die Jugendlichen im Vorstellungsgespräch auf entschuldigte Absenzen angesprochen würden. «Was sollen sie dann sagen? Ich hatte meine Tage und ging nicht in den Schwimmunterricht? Oder meine Oma ist verstorben? Ich hatte Corona? Oder das geht Sie gar nichts an? Oder sollen sie gar lügen, weil es zu persönlich ist?», fragt Peter. Unterstützt wird der Vorstoss auch von Jürg Baur (CVP).

FDP-Fraktionschefin reicht eigenen Vorstoss ein

In einem eigenen Vorstoss verlangt FDP-Fraktionschefin Sabina Freiermuth, auf den Eintrag von entschuldigten Absenzen im Zeugnis zu verzichten. «Die neue Regelung ist nicht praktikabel, ich weiss von Schulen, die bei einer Selbstquarantäne oder positiven Coronafällen gar keine Absenzen erfassen wollen», sagt sie. Es sei fragwürdig, dass die Regierung die Erfassung der entschuldigten Absenzen ungeachtet der kritischen Meinung des Lehrer- und des Schulleiterverbandes durchdrücken wolle.

Freiermuth bezweifelt, dass Lehrmeister mit Bewerbern mit vielen Absenzen das Gespräch suchen werden. «Wahrscheinlicher scheint mir, dass das Dossier des Bewerbers von Anfang an nicht berücksichtigt wird.» So würden auch unschuldige Jugendliche bestraft, die wegen Operationen oder Quarantäne fehlten. «Dabei liegt der Fehler eigentlich bei den Eltern, wenn sie falsche Entschuldigungen ausstellen», sagt Freiermuth. Da seien andere, gezielte Massnahmen angezeigt.

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