Haftentschädigung

Nach Freispruch im Mordfall Gränichen: Der vermeintliche Killer erhält jetzt 274'000 Franken

Das Bundesgericht hat das Urteil für Zeljko J. im Mordfall Gränichen Anfang April aufgehoben – nun soll er eine Haftentschädigung erhalten.

Zeljko J. wurde zweimal des Mordes schuldig gesprochen und verbrachte 1998 Tage in Haft, rund fünfeinhalb Jahre. Doch Anfang April hob das Bundesgericht in einem spektakulären Entscheid das Mordurteil des Aargauer Obergerichts auf.

Gemäss Bundesgericht gab es keine Beweise, dass der Bosnier vor sechs Jahren in einer Werkstatt in Gränichen den damals 31-jährigen David M. erschossen hatte. Zeljko J. wurde nach dem Freispruch sofort aus der Haft entlassen. Für die Zeit hinter Gitter hat der Mann laut Schweizer Strafprozessordnung eine «angemessene» Entschädigung zugute.

Mordfall Gränichen: Freigesprochener Zeljko J. erhält 275'000 Franken

Tele M1: Freigesprochener Zeljko J. erhält 275'000 Franken

  

Wie Tele M1 berichtete, hat das Aargauer Obergericht die Summe nun festgelegt. Zeljko J. erhält als Genugtuung 274'070 Franken Haftentschädigung. Gemäss Mitteilung vom Dienstag befand er sich 1798 unrechtmässig in Haft. Mit den weiteren 200 Hafttagen hat er zwei Strafen abgesessen, die in keinem Zusammenhang zum Tötungsdelikt stehen. Das Aargauer Obergericht verurteilte ihn wegen versuchter einfacher Körperverletzung, Nötigung, Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte sowie Hausfriedensbruchs zu 180 Tagessätzen à 40 Franken, bedingt. Zudem widerrief es den bedingten Strafvollzug für eine Geldstrafe von 20 Tagessätzen à 40 Franken. Diese war im September 2012 in einem anderen Verfahren gefällt worden.

Der renommierte Aargauer Anwalt Urs Oswald meint gegenüber dem TV-Sender, die Entschädigung von 152 Franken pro Hafttag sei verhältnismässig gering. Je nach Ansatz hätte diese auch höher ausfallen können. Die heutige Verteidigerin des Bosniers betont, ihr Klient wolle jetzt endlich nach vorne schauen. Allerdings lässt sie offen, ob er die gerichtlich festgelegte Entschädigungssumme akzeptiert. Man müsse das Urteil zuerst im Detail noch analysieren.

Keiner soll’s gewesen sein

Keiner soll’s gewesen sein (5. April)

Richter Thomas Müller sprach Zeljko J. am Mord von Gränichen schuldig. Dass das Bundesgericht das Urteil revidierte, findet er ungewöhnlich.

Laut Bundesgericht sind 300 Franken Haftentschädigung pro Tag der Maximalbetrag. Das Minimum liegt bei 100 Franken. Der frühere Verteidiger des vermeintlichen Killers forderte einst eine Entschädigung von 584'000 Franken. Das war noch, bevor Zeljko J. in zweiter Instanz schuldig gesprochen wurde.

Gemäss Mitteilung hat sich das Aargauer Obergericht an der Rechtsprechung des Bundesgerichts orientiert. Danach sei bei kürzeren Freiheitsstrafen ein Betrag von 200 Franken pro Tag angemessen, bei längerer Haftdauer sei dieser in der Regel zu senken. Ausserdem seien die Besonderheiten des konkreten Einzelfalls zu berücksichtigen. 

Dagegen hat das Aargauer Obergericht die Schadenersatzforderungen des Zeljko J. abgewiesen. Diese seien nicht bewiesen, heisst es in der Mitteilung. 

Der jüngste Freispruch vor Bundesgericht hat auch Folgen für die Hinterbliebenen des Mordopfers, die Witwe und den Sohn: Das Bundesgericht hat nicht nur ihre Zivilansprüche abgewiesen, sondern ihnen auch 1500 Franken Gerichtskosten sowie die Hälfte der 3000 Franken Parteientschädigung für Zeljko J.s Rechtsanwältin auferlegt.
Der Mordfall von Gränichen bleibt damit ungeklärt. (AZ)

Die besten Ausschnitte aus dem Talk Täglich zum Mordfall Gränichen

Die wichtigsten Ausschnitte aus der Sendung «TalkTäglich» zum Mordfall Gränichen (11. April)

Im Mordfall Gränichen kippt das Bundesgericht das Urteil der Aargauer Gerichte. Luzi Stamm findet, der letzten Instanz fehle der persönliche Eindruck.

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