Nachgefragt
Pro Infirmis: «Das Problem ist nicht, dass wir zu wenig Plätze an den Sonderschulen haben, sondern zu wenig Möglichkeiten an der Regelschule»

Pro Infirmis setzt sich für die Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit Beeinträchtigungen in der Regelschule ein. Der Leiter der Geschäftsstelle Aargau-Solothurn, John Steggerda, erzählt, warum Pro Infirmis daran festhält.

Eva Berger
Drucken
Teilen
John Steggerda, Geschäftsleiter von Pro Infirmis Aargau-Solothurn.

John Steggerda, Geschäftsleiter von Pro Infirmis Aargau-Solothurn.

Thomas Ulrich

Im Aargau gibt es 28 kantonale Einrichtungen – Schulen, Kindergärten und Heime – für beeinträchtigte Kinder und Jugendliche, die keine Regelschule besuchen. Dass speziell an jenen, welche kognitiv beeinträchtigte Kinder schulen, der Platz knapp ist, merkt auch die Beeinträchtigten-Organisation Pro Infirmis. Auch bei ihr werden verzweifelte Eltern vorstellig, wenn für ihr Kind kein Platz an einer Schule gefunden werden kann.

Die Sonderschulen im Aargau sind, trotz hoher Sonderschuldichte, überbelegt. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Es ist ein Zeichen dafür, das noch immer nicht genügend Kinder mit Beeinträchtigung in der Regelschule integriert sind. Man schöpft das Potenzial der «Schule für Alle» nicht voll aus, obwohl das Konzept vorhanden wäre. Die Haltung von Pro Infirmis ist klar: Kinder mit einer Behinderung sollen nach Möglichkeit in der Regelschule unterrichtet werden. Wir sind Verfechter einer inklusiven Bildung und das sieht auch die UNO-Behindertenrechtskonvention so vor. So lange es eine Sonderschule gibt, werden Kinder ausgegrenzt.

Warum?

Wenn die Menschen sich nicht begegnen, gibt es keine Inklusion. Wenn Kinder mit Beeinträchtigungen eine andere Schule besuchen als die anderen Kinder im Dorf, ist es für sie schwierig, sich unter Gleichaltrigen zu integrieren. Das fängt damit an, dass sie keinen gemeinsamen Schulweg mit den Gspänli aus dem Quartier haben. Die Vernetzung ist für sie dann eine ganz andere.

Diese Inklusion kann auch in der Freizeit stattfinden, warum wird der Fokus so auf die Schule gelegt?

An der Schule wird mehr vermittelt als Lerninhalte, es geht auch um soziale Kontakte, Gruppendynamiken und darum, Teil einer Gesellschaft zu sein. Sozialkompetenzen werden gefördert, wo Kinder mit einer Behinderung eine Regelschule besuchen, das hat man beispielsweise an Schulen in Basel festgestellt – schulisch waren die Kinder dabei auf dem gleichen Stand wie Klassen der gleichen Stufe ohne integrierte Kinder. Die Inklusion ist also für Alle bereichernd und ein grosser Gewinn.

Doch ist es überhaupt realistisch, dass dereinst alle Kinder mit Beeinträchtigungen eine Regelschule besuchen können?

Es wird immer Kinder geben, welche die intensive Betreuung der Sonderschule brauchen. Heute bekommen sie aber teilweise keinen Platz, weil andere Kinder, die inkludiert werden könnten, in der Sonderschule sind. Das führt unter Umständen sogar dazu, dass in Einzelfällen Kinder für eine gewisse Zeit gar keine Schule besuchen können. Das Problem ist eben nicht, dass wir zu wenig Plätze an den Sonderschulen haben, sondern zu wenig Möglichkeiten an der Regelschule. An der Sonderschule werden Ressourcen gebunden, die für die Inklusion in der Regelschule aufgewendet werden könnten.

Aktuelle Nachrichten