Kanton

Nationalräte: Baden hat im Überfluss, was Aarau fehlt – sind die Aarauer nicht gut genug?

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Der Bezirk Aarau ist seit 2009 nicht mehr in Bern vertreten. Auch für das Fricktal und das Freiamt sieht es duster aus. Im Gegensatz zu Baden und Zofingen, wo sich die Nationalräte fast auf die Füsse stehen. Woran liegt die ungleiche Verteilung?

Seit fast zehn Jahren hat der bevölkerungsmässig zweitgrösste Bezirk, die Region mit der grössten Stadt, der Kantonshauptstadt, keinen Vertreter mehr im eidgenössichen Parlament. Weder im National- noch im Ständerat. Sehr gut vertreten sind dagegen die Bezirke Baden und Zofingen. Baden stellte nach der Wahl im Herbst 2015 sieben Nationalräte (plus Ständerätin Pascale Bruderer). Der Bezirk verlor dann aber Cédric Wermuth (32, SP) wegen Umzugs nach Zofingen und Jonas Fricker (41, Grüne) wegen Rücktritts nach dem Juden-Vergleich.

Doch auch nach dem Aderlass kommt immer noch fast jeder dritte Nationalrat (31,3 %) aus Baden – bei einem Anteil von 21,4 % an der Aargauer Gesamtbevölkerung. Noch krasser ist die Übervertretung des Bezirks Zofingen – auch in der Langzeitbetrachtung. Er stellte in den letzten 40 Jahren meistens zwei oder drei Nationalräte. Aktuell drei, also 18,7 % der Aargauer Nationalräte bei einem Bevölkerungsanteil von 10,5 %.

Urs Hofmann war der Letzte

Der Bezirk Aarau hatte letztmals in der Legislatur 1975/79 vier Nationalräte. Darunter zwei politische Schwergewichte: Fast-Bundesrat Arthur Schmid (90, SP) und der spätere Ständerat Hans Letsch (gest. 2015, FDP). Bis 1995 waren es dann meistens drei einmal zwei. Unter anderem Fast-Bundesrat Bruno Hunziker (gest. 2000, FDP), Silvio Bircher (72, SP), Hans Roth (gest. 2003, SVP). Dann begann die Zeit der Aarauer Einzelmasken im Nationalrat: zuerst Hanspeter Thür (69, Grüne), dann Urs Hofmann (61, SP). Nachdem Letzterer in den Regierungsrat gewählt worden war, verabschiedete er sich im März 2009 aus Bern. Max Chopard (51, SP) rutschte nach, Baden hatte neu acht Sitze – und Aarau gar keinen mehr.

Der Westen und der Osten des Kantons haben am meisten Nationalräte.

Der Westen und der Osten des Kantons haben am meisten Nationalräte.

Bis 10 zu 0 für Baden

Das innerkantonale Ungleichgewicht akzentuierte sich bei den Wahlen 2011 noch: Der Bezirk Baden konnte seine acht Mandate verteidigen – obwohl die Kirchdorferin Esther Egger (65, CVP) abgewählt wurde. Und der Bezirk stellte zudem während vier Jahren beide Ständeräte (Pascale Bruder und Christine Egerszegi). Über den Grund des Badener Übergewichts ist viel spekuliert worden: Die besseren Kandidaten? Mehr Wähler, die gezielt ihre Region wählen?

Fest steht: Baden ist bevölkerungsmässig mit Abstand der grösste Bezirk. Er hat (Stande Ende 2017) 143 059 Einwohner. Aarau bringt es auf 77 023, Bremgarten auf 76 324 und Zofingen auf 70 695. Rein rechnerisch (und damit sehr theoretisch) hätte Baden 3,4 Nationalräte zu gute, Aarau 1,9, Bremgarten 1,8 und Zofingen 1,7 (auf der Basis der Bevölkerung).

Die Badener und das Zofinger Übergewicht geht nicht nur auf Kosten des Bezirk Aarau, sondern auch das Fricktal (aktuell noch Maximilian Reimann) und das Freiamt (Mathias Jauslin und Andreas Glarner) sind untervertreten.

Mobile Parlamentarier

In der laufenden Legislatur hat sich gezeigt, dass die Parlamentarier sehr zügelfreudig sind. Es ist allerdings fraglich, ob Cédric Wermuth von den Wählern als Zofinger oder nicht wie früher als Badener wahrgenommen wird. Irène Kälin (31, Grüne) hat kurz nach ihrem Nachrutschen in den Nationalrat den Bezirk gewechselt: Die Lenzburgerin ist neue eine Bruggerin (mit Wohngemeinde in Oberflachs). Und von Corina Eichenberger (63, FDP) ist bekannt, dass sie neben ihrer Wohngemeinde Kölliken auch einen Koffer, ja sogar Briefkasten, in Lenzburg hat.

Verliert Zofingen den FDP-Sitz?

Werden die Wahlen 2019 etwas an der Badener und Zofinger Übermacht ändern? Im Fall von Zofingen ist davon auszugehen, dass sich die Wähler – wie immer in den letzten Jahrzehnten – sehr regionsbewusst verhalten werden. Dies umso mehr, als die SVP, die Ulrich Giezendanner (64) zu ersetzen hat, sehr attraktive Kandidaten wird anbieten können. Der Sitz von Corina Eichenberger könnte aber an den Bezirk Aarau verloren gehen. Jedenfalls sind dort innerhalb des Freisinns mehr aussichtsreiche Kandidaten in Sicht. Maja Riniker (40, Suhr) hat ihr Interesse bereits angemeldet: «Ich stelle mich gerne zur Verfügung, sofern ich von der Partei nominiert werde.»

SP-Kantonalpräsidentin will

Ähnlich postete vorgestern nach dem AZ-Bericht über 11 Hoffnungsträgerinnen die SP-Kantonalpräsidentin Gabriela Suter (46, Aarau): «Ja, ich würde mich sehr freuen, gemeinsam mit 15 anderen GenossInnen auf der Liste der SP Kanton Aargau für den Nationalrat kandidieren zu dürfen.» Wer antreten könne, entscheide bei den Sozialdemokraten basisdemokratisch der Parteitag im Januar. Suter wird eine Wahl grundsätzlich zugetraut – aber dafür wäre wohl ein Sitzgewinn der SP notwendig.

Während der Bezirk Aarau also aus dem Tief herauskommen könnte, sieht es für die anderen nationalratsschwachen Regionen – insbesondere das Fricktal (einzige Hoffnung ist Maximilian Reimann) – duster aus.

Autor

Urs Helbling

Urs Helbling

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