Umwelt

Naturgefahren-Experte: «Die grösste Gefahr im Aargau ist Hochwasser»

Überschwemmungen an Aare, Reuss, Limmat und Rhein brachten 2005 und 2007 grosse Schäden im Aargau. Heute habe man die vier Flüsse gut im Griff, sagt Naturgefahren-Experte Christophe Lienert. Schwieriger sind Vorhersagen und Warnungen bei lokalen Überschwemmungen aufgrund von starken Niederschlägen.

Christophe Lienert war in den letzten acht Jahren im Aargau verantwortlich für das hydrometrische Messnetz und den kantonalen Pikettdienst Hochwasser. Als Mitglied des kantonalen Führungsstabs befasste sich Lienert intensiv mit Naturgefahren im Aargau.

Buschbrände in Australien, eine Tsunami-Warnung in der Karibik, massive Überschwemmungen in Spanien – das waren die Schlagzeilen zu Naturgefahren in den letzten Tagen. Welches sind die grössten Naturgefahren im Aargau?

Christophe Lienert: Die grösste Naturgefahr in unserem Kanton ist das Hochwasser. Der Aargau ist das Wasserschloss der Schweiz, hier kommen Rhein, Aare, Reuss und Limmat zusammen. Wenn diese Flüsse grosse Wassermengen führen, kann es im Aargau an mehreren Orten kritisch werden.

Letzte Woche zog Sturm Lolita über die Schweiz, früher gab es Stürme wie Burglind oder Lothar – wie gefährlich sind solche Ereignisse?

Auch solche Stürme mit starken Winden und Hagel können massive Schäden verursachen, wir zählen sie ebenfalls zu den relevanten Naturgefahren im Aargau. Zugenommen haben in den letzten Jahren auch Überschwemmungen durch Oberflächenabflüsse, dies als Folge von lokalen Gewittern mit grossen Regenmengen in kurzer Zeit. Ein Beispiel dafür ist das Unwetter, das im Juli 2017 über die Region Zofingen zog, oder ähnliche Fälle im Bünz- und Surbtal 2016 und 2018. Der heftige Niederschlag führte auch zu Hangrutschen – das ist ein weiteres Phänomen, das wir zunehmend beobachten.

Vor dem Unwetter in der Region Zofingen gab es eine Wetterwarnung der Stufe 2 von 5, am Ende lag der Sachschaden bei 150 Millionen Franken. Was lief da falsch?

Es ist schwierig, ein solches Ereignis vorauszusagen – es lässt sich im Vorfeld nicht genau prognostizieren, wo die Gewitterzelle durchzieht oder wie viel Niederschlag an welchen Orten fällt. Zudem passiert alles sehr rasch: Die heftigen Niederschläge in kurzer Zeit können von den Böden nicht aufgenommen werden. Dann fliesst viel Wasser oberflächlich ab, zusätzlich wird die Kanalisation überlastet. Das führt dazu, dass rasch hohe Schäden im Siedlungsgebiet entstehen können.

Aufräumarbeiten nach Unwetter in Zofingen

Aufräumarbeiten nach Unwetter in Zofingen

Heftige Gewitter sind im Juli 2017 über die Schweiz gezogen. Besonders stark wütete das Unwetter in Zofingen, wo es zu grossflächigen Überschwemmungen, Hangrutschen und Stromunterbrüchen kam.

Werden solche Ereignisse mit dem Klimawandel häufiger und stärker?

Wenn es um Naturgefahren geht, bringt der Klimawandel für uns in erster Linie mehr Unsicherheit bei der Bewertung und Handhabung. Die Häufigkeit und Intensität der Ereignisse nimmt spürbar zu, aber auch grössere Variabilitäten zwischen sehr trocken und sehr nass sind während des Jahres zu verzeichnen. Man kann nicht direkt sagen, dass der Klimawandel höhere Sachschäden verursacht. Es war wohl einfach auch Pech, dass ein solch intensives Unwetter gerade über Zofingen niederging, einem dichten Siedlungsgebiet, das hohe Sachwerte aufweist.

Aber es gibt doch Gefahrenkarten, auf denen die gefährdeten Gebiete in den einzelnen Gemeinden eingezeichnet sind?

Ja, diese Karten gibt es und sie sind ein sehr wichtiges, bewährtes Planungsinstrument. Gefahrenkarten machen Aussagen zur Gefährdung entlang von Gewässern. Die Gefährdung lässt sich aufgrund von Erfahrungs- und Messwerten dieser Gewässer relativ genau abschätzen und berechnen. Diese Karten stellen eine Grundlage für die Richt- und Nutzungsplanung dar, die schliesslich Einfluss bis auf Bauaktivität haben können. Starkniederschläge wie in Zofingen sind etwas andere Naturgefahrenprozesse und werden in den bestehenden Gefahrenkarten nur teilweise abgebildet.

Gibt es keine Gefahrenkarten für lokale Überschwemmungen, die von Gewittern ausgelöst werden?

Es wurden vor kurzem solche Karten im Auftrag des Bundes erstellt, auf der Basis von Geländemodelldaten. Die Karten zeigen auf, wo das Wasser bei Unwettern oberflächlich rasch ab- und durchfliesst und wo es sich sammeln kann. Aber diese Karten sind bislang nur als informative Grundlage zu verstehen, sie müssen im Einzelfall auch vor Ort verifiziert werden. Sie sind nicht rechtsverbindlich, wenn es zum Beispiel um Bauprojekte geht.

Also sind Hochwasserereignisse entlang der grossen Flüsse für Sie einfacher zu handhaben als die lokalen Überschwemmungen?

Das ist so, weil der Aargau am Unterlauf der vier grossen nordalpinen Flüssen liegt. Es dauert eine Weile, bis die Hochwasserspitzen den Kanton erreichen. Wir haben also eine viel längere Vorlaufzeit und laufend aktualisierte Datengrundlagen, um die Gefahren einzuschätzen. Bei den grossen Flüssen gibt es Messstationen des Kantons und des Bundes. Damit können die Abflussmengen und Pegelstände sehr genau erfasst und mit den Prognosesystemen des Bundes gut vorausgesagt werden. Die Warnung der Bevölkerung und die Umsetzung von Massnahmen sind im Vorlauf möglich. Eine verlässliche Warnung mit Vorlaufzeit vor lokalen Starkregenereignissen ist wegen der hohen Unsicherheit weiterhin schwierig.

Viele Aargauerinnen und Aargauer erinnern sich an die Hochwasser von 2005 und 2007 – was wurde seither getan, um Überschwemmungen entlang von Aare, Reuss, Limmat und Rhein zu verhindern?

Nach diesen Hochwasserereignissen hat die Politik erkannt, dass die Koordination zwischen Kantonen und Bund gestärkt werden muss. Dafür wird seit 2005 der Bundesbeschluss Owarna umgesetzt, der unter anderem einen Ausbau der Messstationen und eine Verbesserung der Vorhersagesysteme brachte. Unsicherheiten und Restrisiken bei Hochwasserereignissen werden immer bestehen, aber insgesamt sind die Qualität der Vorhersage und Warnung, die Abstimmung zwischen Bund und Kantonen, sowie die Einsatzplanung besser geworden – wir alle haben aus früheren Ereignissen gelernt.

Das heisst, Sie können nun verbindlicher sagen, wann sich die Bevölkerung in Unterwindisch von der Reuss fernhalten soll oder wann in Wallbach am Rhein die orangen Beaverelemente eingesetzt werden müssen?

Ja, das können wir, weil wir die besonders gefährdeten Orte entlang der Aargauer Flüsse kennen und wissen, bei welchem Pegelstand was passiert. Ich war zuletzt Leiter des Pikettdienstes Hochwasser, unsere Aufgabe ist es, den Kantonalen Führungsstab bei Grossereignissen zu beraten und die Entwicklungen während eines Ereignisses abzuschätzen. Wir empfehlen unter anderem, ob Beaverschläuche gelegt werden sollen oder nicht. Anstelle der Beaverschläuche kommen übrigens immer mehr mobile Hochwasserschutzwände zum Einsatz, die nach Bedarf eingebaut werden können.

Aber ist es bei einem Hochwasser nicht so, dass sich jeder Kanton selber am nächsten ist? Dass also alle versuchen, möglichst viel Wasser aus ihren Seen abzulassen?

Früher war das vielleicht so – heute stimmen wir uns sehr gut ab und wissen genau, welche Wassermengen aus dem Zürichsee mit der Limmat, aus dem Vierwaldstättersee mit der Reuss und aus dem Bielersee mit der Aare in den Aargau fliessen. Es gibt auch Absprachen zwischen den Kantonen und für die Aare einen Grenzwert: Die sogenannte Murgenthaler Bedingung legt fest, dass bei Hochwasser nicht mehr als 850 Kubikmeter pro Sekunde in den Aargau fliessen dürfen.

Für die Reuss im Oberfreiamt und die Limmat bei Spreitenbach gibt es aber keinen Grenzwert.

Das stimmt, aber es gibt Reguliervorgaben für den Zürich- und Vierwaldstättersee. Für den Abfluss der Limmat aus dem Zürichsee gibt es in Zürich ein Linienreglement, das dafür sorgt, dass das Wasser – unter Berücksichtigung der Sihl – im Aargau möglichst dosiert ankommt. Der Vierwaldstättersee wird anders reguliert, weil in Luzern ein altes Nadelwehr steht, das denkmalgeschützt ist und manuell bedient wird. Bei einem gewissen Seepegel lässt sich der Abfluss nicht mehr reduzieren. Die Holznadeln können dann nicht mehr gesetzt werden, wenn das Wehr geöffnet ist.

Wäre eine Limite für die Abflussmenge von Reuss und Limmat für den Aargau nicht besser?

Ein fixer Grenzwert für Reuss und Limmat würde uns das Leben natürlich erleichtern. Ob dereinst für die beiden Flüsse eine solche Bedingung geschaffen wird, ist letztlich auch Sache der Politik. In Sachen Hochwasserschutz arbeiten die Kantone Zug, Luzern und Aargau bei einem Grossprojekt an der Reuss gut zusammen. Auch Zürich verbessert mit den Projekten Hochwasserschutz Stadt Zürich und der Prognoseregulierung des Sihlsees letztlich die Bedingungen für den Kanton Aargau.

Wann gibt der Kanton eine Warnung an die Bevölkerung heraus, sich von den Flüssen fernzuhalten?

Es gibt insgesamt fünf Warnstufen, die auf den Abflussmengen der Flüsse basieren. Ab einem gewissen Abfluss gilt die gelbe Warnstufe zwei, das heisst für uns vom Pikettdienst, dass wir verschiedene Parameter genauer beobachten: Abflussmengen an den Messstationen, Wetter- und Niederschlagsprognosen, die aktuelle Schneehöhe, die Sättigung der Böden mit Wasser. Aufgrund dieser Daten und der Lageentwicklung entscheiden wir, ob der kantonale Führungsstab einbezogen werden muss.

Wie häufig sind Sie als Verantwortlicher für Naturgefahren im Aargau noch selber ausgerückt, wenn ein Unwetter niedergeht oder Hochwasser drohte?

Natürlich war ich in den letzten Jahren selber gelegentlich noch vor Ort, doch die Messstationen können heute alle online abgelesen werden, das erleichtert uns die Arbeit. Meine wichtigste Aufgabe in den letzten Jahren war es, die Messdaten verfügbar zu machen, diese zu interpretieren und die Verbindung mit dem Kantonalen Führungsstab zu gewährleisten. Das passiert hauptsächlich von der Einsatzzentrale aus, nicht am Flussufer.

Sie wechseln nun zum Bund – was ist Ihre künftige Aufgabe?

Ich werde die Geschäftsstelle des Lenkungsausschuss Intervention Naturgefahren, kurz «Lainat» leiten. Zusammen mit Partnern wie Meteo Schweiz, dem Bundesamt für Umwelt und dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz werden wir weiter an der Optimierung der Vorhersage, Warnung und Information von Behörden und Bevölkerung bei Naturgefahren arbeiten.

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