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Netanjahu-Wahlsieg in Israel: Das denken Aargauer Juden darüber

Davidstern auf dem Dach der Synagoge in Baden. (Archiv)

Davidstern auf dem Dach der Synagoge in Baden. (Archiv)

Die Parlamentswahl in Israel war geprägt von scharfen Tönen und einem Kopf-an-Kopf-Rennen. Gesiegt hat Benjamin Netanjahus Likud-Partei. Wie denken Aargauer Juden darüber?

Es ist gar nicht so einfach, ein Mitglied der jüdischen Gemeinde im Aargau zu finden, welches sich zur Parlaments-Wahl in Israel äussert. «Wir sind Juden und keine Israelis», heisst es vielerorts. Das eine ist eine Religion, das andere ein Staat.

Eine Meinung zur israelischen Politik aber haben freilich die meisten Juden – nur in die Öffentlichkeit tragen wollen sie die wenigsten. Zu gross ist die Angst vor antisemitischen Anfeindungen, wie sie seit den Anschlägen in Paris und Kopenhagen in Europa immer öfter registriert werden.

«Die Politik Israels muss oft als Vorwand für Antisemitismus hinhalten», sagt Jules Bloch. Er ist Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Endingen, welche die beiden Synagogen in den traditionell jüdisch geprägten Aargauer Dörfern Lengnau und Endingen betreut. Es gebe einen klaren Unterschied zwischen Judentum und Israel: Staat und Religion eben. Er besitze die Schweizer Staatsbürgerschaft, nicht aber die israelische. Deshalb stehe es ihm nicht zu, den Israelis in ihre Politik dreinzureden, betont Bloch. 

Wahlkampf-Gerede nicht überbewerten

Nichtsdestotrotz freut es ihn, dass Benjamin Netanjahu seinen Widersacher Isaac Herzog im letzten Moment noch abgehängt und die Wahlen gewonnen hat. Ein Staatsmann von Format sei er mit einer «klipp und klaren Meinung». «Netanjahu traut sich etwas zu sagen», so Bloch, obwohl er längst nicht mit allem einverstanden sei.

Bloch findet es auch nicht so schlimm, dass Netanjahu im Schlussspurt des Abstimmungsrennens mit seinen Äusserungen über die «Horden» der arabischen Israelis und seiner Aussage, dass es unter ihm nie einen Palästinenser-Staat geben werde, politisches Geschirr zerschlagen hat. Bloch: «Im Eifer des Wahlkampfs wird noch so manches gesagt. Da kann man nur die Hälfte glauben.» Und: «Das ist bei uns nicht anders. Im Nationalrat wird vieles erzählt, nur weil im Herbst gerade Wahlen anstehen.» Die Israelis seien intelligent genug, um das korrekt einordnen zu können.

Das findet auch Roy Oppenheim, Aargauer Publizist mit jüdischen Wurzeln: «Das war typisches Wahlkampf-Gerede und sollte nicht überbewertet werden. Wie bei uns in Europa wird die Suppe nicht so heiss gegessen, wie sie gekocht wird.» Jedoch seien der raue Ton und gewisse Übertreibungen für europäische Ohren schon sehr gewöhnungsbedürftig und auch für ihn eine Stilfrage.

Der kontroverse Wahlkampf zeige allerdings, dass es in Israel eine lebendige demokratische Kultur gebe, was im Nahen Osten Seltenheitswert habe. Oppenheim findet es auch gut, dass Netanjahu mit Isaac Herzog nun einen Gegenspieler erhalten hat. «Ein intelligenter Mann, wie es scheint», so Oppenheim. 

Die Palästinenser-Frage

Positiv bewertet er auch, dass sich die grosse Minderheit der arabischen Israelis erstmals breit in die Wahl eingebracht haben. «Die Integration der 1,2 Millionen arabischen Israelis, welche rund 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen, ist enorm wichtig», sagt Oppenheim. Und weiter: «Das beweist auch, dass Israel ein funktionierender Vielvölkerstaat ist.»

Für die Palästinenserfrage müsse eine Lösung gefunden werde: «Israel kommt nicht an den Palästinensern vorbei». Neben einem eigenen Staat kann sich Oppenheim auch gut eine Lösung in Form von «Kantonen» nach Schweizer Vorbild vorstellen. Für Oppenheim habe die Schweiz mit ihrer Kleinstaatlichkeit und multikulturellen Gesellschaft ohnehin eine hohe Affinität zu Israel und sollte sich vermehrt in den Diskurs einbringen.

Widersprechen würde dem wohl jenes Mitglied der israelischen Gemeinde, welches seinen Namen lieber nicht öffentlich machen will. «Israelische Politik ist Sache der Israelis», sagt der Herr dezidiert. Er findet, wenn man nicht in einem Land wohnt und integriert ist, sollte man sich keinesfalls einmischen.

Als Jude aber sei er sehr zufrieden mit dem Resultat. An den umstrittenen Äusserungen Netanjahus nimmt er keinen Anstoss. Im Gegenteil: Er hoffe, dass Netanjahu sein Versprechen halte und einen palästinensischen Staat verhindere. Das Land Israel gehöre den Juden. Die Palästinenser und auch Nachbarn wie Iran hätten mehrmals gezeigt, dass man mit ihnen nicht verhandeln, geschweige denn etwas aufbauen könne. 

Die Unberechenbarkeit der Staaten rund um Israel ist auch etwas, welches Jules Bloch von der Kultus-Gemeinde Endingen Sorgen bereitet. Trotzdem jedoch hegt er die grosse Hoffnung, dass in Israel Ruhe einkehrt. «Die kriegerischen Auseinandersetzungen müssen endlich ein Ende finden, sodass die Menschen in Frieden miteinander leben können».

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