Die Aufgabe, die Grossrätin Lilian Studer (EVP) dem Regierungsrat stellt, ist anspruchsvoll: Er soll erkunden, wie es mit Einsamkeit im Aargau steht, und dann dem Grossen Rat Auskunft über die gewonnenen Erkenntnisse geben.

Mit diesem Auftrag betritt der Regierungsrat Neuland. Denn bisher waren die Anfragen und Aufträge aus dem Grossen Rat meist ziemlich konkret und damit klar und fassbar. Das belegt auch ein kurzer Blick auf die jüngsten Vorstösse. Da geht es etwa um Klimaschutzprojekte im Aargau, um den Pauschalabzug von Krankenkassenprämien, um die Anschaffung eines Lärmblitzers oder um Wasserstofftankstellen. Und nun also die Einsamkeit.

Einsamkeit macht krank

Das Thema haben die Briten für die Politik entdeckt. 2018 beauftragte Theresa May die Staatssekretärin Tracey Crouch mit dem Aufbau eines Ministeriums, das sich mit dem Phänomen Einsamkeit beschäftigen soll. Dies mit dem Ziel, diese für die Briten möglichst gering zu halten. Anlass dazu war nicht die drohende Vereinsamung der Briten durch den nahenden Brexit. Die Einsamkeit hatte die Insel schon vorher erreicht: In England fühlen sich bereits heute 9 Millionen der 65,6 Millionen Einwohner häufig oder immer einsam. Einsame Britinnen und Briten stellen also eine bedeutende Minderheit im Königreich. Das Rote Kreuz sprach von einer «Epidemie im Verborgenen». Auch diesen Kampf muss und will Theresa May führen.

Die Bekämpfung der Einsamkeit fand rasch auch über England hinaus grosse Aufmerksamkeit und die Politik in anderen Ländern entdeckte das Thema; so wurde etwa auch in Deutschland der Ruf nach einem «Einsamkeitsministerium» laut.

Denn inzwischen lagen auch Studien vor, die aufzeigen, wie gross der volkswirtschaftliche Schaden ist, den grassierende Einsamkeit anrichten kann: Einsamkeit macht krank. Folgen von Einsamkeit können Bluthochdruck, Depressionen oder Angstzustände sein, Herzkrankheiten werden gefördert. Die Lebenserwartung sinkt, das Risiko, an Altersdemenz zu erkranken, steigt um bis zu 40 Prozent. Eine Studie aus den USA aus dem Jahre 2015 kommt gar zum Schluss, dass Einsamkeit ebenso schädlich sei wie der Konsum von 15 Zigaretten pro Tag.

Als erwiesen gilt inzwischen, dass ein Zusammenhang zwischen der gestiegenen Mobilität und der zunehmenden Einsamkeit besteht. Auch Armut macht einsam.

Die einsamen Aargauer

Zahlen gibt es ebenfalls aus der Schweiz. Das Bundesamt für Statistik etwa meldet, dass 32 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer auch schon unter Einsamkeit gelitten haben oder noch immer leiden.

Nun ist das Thema in der Aargauer Politik angekommen. «Einsamkeit ist auch im Aargau weit verbreitet. Sie sollte deshalb ein Thema für die Politik werden», sagt Grossrätin Lilian Studer (EVP). Sie erlebe Einsamkeit als gesellschaftliches Phänomen in ihrer beruflichen Tätigkeit als Geschäftsführerin des Blauen Kreuzes Aargau/Luzern; aber auch als ehemalige Präsidentin von Benevol Aargau habe sie festgestellt, wie verbreitet Einsamkeit sei und wie belastend sie sich für Betroffene auswirken könne.

«Da herrscht Handlungsbedarf», sagt Studer, auch weil sich die Gesellschaft verändert habe und bewährte Institutionen wie etwa die Kirche, immer weniger Leute erreichten. Deshalb soll sich nun die Politik mit der Einsamkeit im Aargau beschäftigen.

Wer ist zuständig?

Vorerst möchte Lilian Studer vom Regierungsrat Antworten auf vier Fragen. Sie möchte wissen, wie der Regierungsrat das Thema Einsamkeit im Aargau einschätzt. Sie erkundigt sich weiter, welche negativen Effekte die Einsamkeit auf Gesellschaft und Staat ausübe, wo der Regierungsrat Handlungsbedarf sehe, um die Einsamkeit im Aargau möglichst zu reduzieren. Schliesslich fragt Lilian Studer, ob im Aargau Einsamkeit schon in politischen Zusammenhängen zum Thema gemacht worden sei.

Das sind neue Fragen. Entsprechend gespannt darf man auf die Antworten der Regierung sein. Und falls sich die Regierung auf das Thema einlässt: Welchem Departement würde man wohl den Bereich «Einsamkeit» zuordnen?