Untersuchungsbericht
Nun ist klar, wie es nahe des Birrfeld-Flugplatzes zum Absturz kam – trotzdem bleibt eine Frage offen

Im Mai 2019 ist nahe des Flugplatzes Birrfeld ein Kleinflugzeug kurz nach dem Start abgestürzt. Der Untersuchungsbericht zeigt nun, dass wahrscheinlich ein Antriebsverlust den Piloten zu einer fatalen Umkehrkurve bewogen hat. Dennoch bleibt der Auslöser unbekannt.

Nadja Rohner
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Das Kleinflugzeug stürzte in der Nähe des Flugplatzes Birrfeld ab.

Das Kleinflugzeug stürzte in der Nähe des Flugplatzes Birrfeld ab.

ENNIO LEANZA

Anderthalb Jahre nach dem tödlichen Flugzeugabsturz beim Birrfeld ist die Untersuchung der deutschen Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) abgeschlossen. Sie hatte den Fall übernommen, weil der verunglückte Pilot vor seiner Pensionierung bei der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) gearbeitet hatte.

Gemäss BFU-Bericht hatte der 67 Jahre alte, erfahrene Pilot das Eigenbau-Flugzeug «Alfa» mit dem Kennzeichen HB-YLO als Occasion vom Erbauer gekauft. 2016 erlebte er damit schon einen Unfall: Beim Notlandemanöver wurde das Flugzeug schwer beschädigt und bedurfte umfassender Reparaturen, der Pilot blieb unverletzt. Es zeigte sich, dass die Antriebszahnriemen des Propeller-Getriebes gerissen waren, was zum Unfall führte.

Dashcam eines Autos filmte den Absturz

Beim zweiten, tödlichen Unfall am 14. Mai 2019 startete der Pilot kurz nach 17 Uhr vom Flugplatz Birrfeld zu einem Rundflug über Konstanz und Wangen-Lachen. Er kam jedoch nicht weit: Das Flugzeug stürzte 1,6 Kilometer vom Flugplatz entfernt auf einen Weg direkt neben dem Autobahnkreuz und fing Feuer.

Die Fotomontage zeigt die Absturzstelle in Relation zur Umgebung, nicht aber die tatsächliche Flugbahn.

Die Fotomontage zeigt die Absturzstelle in Relation zur Umgebung, nicht aber die tatsächliche Flugbahn.

AZ

Aufgrund der starken Zerstörung durch Aufprall und Brand gestalteten sich die Ermittlungen schwierig. Der Untersuchungsbehörde standen zwei Datenträger zur Verfügung, deren Vorhandensein nicht selbstverständlich ist – ein so kleines Flugzeug führt standardmässig keine Flugdatenschreiber. Aber der Pilot hatte ein GPS-Gerät dabei, das beim Aufprall in eine Wiese geschleudert und kaum beschädigt wurde.

Ausserdem erfasste die Dashcam eines Autos, das auf der A1 unterwegs war, den Absturz.

Ein Bild aus dem Untersuchungsbericht des Flugzeugabsturzes.

Ein Bild aus dem Untersuchungsbericht des Flugzeugabsturzes.

BFU/Zeuge

Im Kurvenflug zu viel Tempo verloren

Laut BFU startete der Pilot normal und leitete nach etwa einer halben Minute eine Linkskurve ein. Plötzlich verlor das Flugzeug an Antrieb. Der Pilot, dem kaum Zeit zum Überlegen blieb, leitete aus der Abflugkurve heraus eine Umkehrkurve zurück zum Flughafen ein. Das erwies sich aber als Fehler, denn im Kurvenflug verlor er noch mehr Tempo – zu viel. Es kam zu einem sogenannt überzogenen Flugzustand («Stall»). Einen solchen kann man abfangen, aber nur mit genügend Höhe über Grund – was vorliegend nicht der Fall war. Das Flugzeug kippte über den linken Flügel ab, drehte sich auf den Rücken und stürzte anschliessend senkrecht zu Boden.

BFU/Zeuge

Im Handbuch des Flugzeuges steht, was im Fall einer Motorstörung nach dem Abheben zu tun wäre: Mit mindestens 110 km/h geradeaus fliegen und eine Notlandung versuchen. Laut BFU war aber zum Zeitpunkt des Leistungsverlusts die nächste mögliche Notlandestelle relativ weit weg. «Die Entscheidung des Piloten, in dieser Situation die eingeleitete Kurve weiter in Richtung Flugplatz beziehungsweise auf nördlich davon gelegene mögliche Aussenlandefelder zu kurven, war aus Sicht der BFU nachvollziehbar.»

Weshalb das Flugzeug an Leistung verloren hat, bleibt jedoch ein Rätsel. Zwar wurde festgestellt, dass die Treibstoffleitung des rechten Tanks im Bereich des rechten Fahrwerkes abgeschert war. Die BFU liess diese Stelle genauer untersuchen, jedoch: «Eine belastbare Aussage über den untersuchten Bruch war aufgrund der hohen Wärmebelastung des Bauteils nicht möglich.»

BFU

Aus technischer Sicht gibt es also keine neuen Erkenntnisse aus der Untersuchung, die den Flugbetrieb sicherer machen könnten. Martin Pohl, Untersuchungsleiter bei der Sust und in dieser Sache bevollmächtigter Vertreter der Schweiz, weiss aus eigenen Untersuchungen, dass sich die tieferliegenden Gründe eines Unfalls nicht immer rekonstruieren lassen. Aber: Dass Piloten bei einem Leistungsverlust in der Startphase versuchen, zum Flugplatz zurückzukommen und in der Umkehrkurve in einen «Stall» geraten, komme immer wieder vor. «Entsprechend lehrt uns der Fall einmal mehr, dass dies nicht sinnvoll ist.»