Die Wunde ist tief. Das Fleisch sichtbar. Behutsam schiebt Leticia Jörg den blauen Faden mit dem Nadelhalter durch die Bananenschale. «Es ist gar nicht so einfach», sagt die 18-Jährige. «Man spürt nicht richtig, was man macht.» Es ist ihr dritter Tag als Medizinstudentin. Sie gehört zum ersten Jahrgang Mediziner, die ihren Bachelor an der ETH Zürich absolvieren.

Die erste Woche verbringen Leticia Jörg und ihre fast 100 Kolleginnen und Kollegen am Kantonsspital Baden (KSB) anstatt im Hörsaal. «Die Studierenden sollen möglichst früh ein erstes Erfolgserlebnis haben und merken, wie in einem Spital gearbeitet wird», sagt Rahel Kubik. Sie ist Chefärztin Radiologie und leitet die Intensivwoche am KSB.

Als sie Medizin studierte, war alles ganz anders. Die ersten zwei Jahre hatte sie keinen Patienten gesehen. Auf dem Stundenplan standen Grundlagenfächer, zu denen ein Professor im Hörsaal referierte. «Ich war in den ersten beiden Jahren unsicher, ob der Arztberuf überhaupt zu mir passt», sagt sie. Die Freude sei erst später gekommen. Kubik ist überzeugt, dass Studierenden das Lernen einfacher fällt, wenn sie wissen, wofür sie das alles machen.

Operation an der offenen Banane: Die Medizinstudenten üben.

Operation an der offenen Banane: Die Medizinstudenten üben.

«Jetzt bin ich wieder perplex», ruft Leticia Jörgs Kollege. Er übt den chirurgischen Knoten. «Ich brauche eine zusätzliche Hand», sagt er, während sich seine Finger stärker ineinander verwursteln als die Schnur, die er um das Tischbein knoten wollte.

Ein echter Fall als roter Faden

Am Vormittag hatten die Erstsemestler einen theoretischen Input im Hörsaal des KSB. Sie lernten die Abläufe im Spital anhand eines echten Falls kennen. Damit alles möglichst echt wirkt, hat das KSB-Personal die Geschichte in einem Video nachgestellt. Die Laborwerte und Röntgenbilder, welche die Studierenden sehen, sind diejenigen der echten Patienten.

Am Nachmittag steht neben dem Bananen-Verarzten auch ein Erst-Hilfe-Kurs auf dem Programm. Während der Vorstellungsrunde sackt einer der Kursleiter zusammen. Den Studis stockt der Atem. Ein Kursleiter ruft die Ambulanz, ein anderer rennt aus dem Zimmer, um einen Defibrillator aufzutreiben. Ein Dritter geht in die Hocke: «25, 26, 27, 28, 29, 30», zählt er laut, während er rhythmisch auf den Brustkorb drückt. Beatmen. Weitermachen.

Nach ein paar Minuten wird die Übung abgebrochen. Jetzt sind die Studierenden dran. Ende Woche erhalten sie ein Zertifikat, das bestätigt, dass sie in der Lage sind, Basic Life Support zu leisten. «Es ist wichtig, dass die Studierenden sich vom ersten Tag an zutrauen, im Alltag zu helfen», sagt Jörg Goldhahn. Er ist Projektleiter des Medizin-Studiengangs an der ETH und Professor am Departement für Gesundheitswissenschaften und Technologie.

Die ETH betritt mit dem Bachelor-Studiengang Neuland. Die Hochschule hat noch nie vorher Mediziner ausgebildet. «Wir haben ein Interesse daran, stärker in den medizinischen Bereich zu gehen», sagt Goldhahn. Es gebe zwar bereits viel Forschung aber bisher fehlte der ETH die Vernetzung mit der Klinik. Das soll sich ändern. «Gleichzeitig wollen wir dazu beitragen, dass es mehr Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz gibt», sagt er.

Für den Master wechseln die Studierenden an eine der Partneruniversitäten in Zürich, Basel oder Lugano. Sie haben aber auch die Möglichkeit, einen Master im Bereich der Gesundheitswissenschaften an der ETH zu absolvieren. «Das kann eine Option für einzelne Studierende sein, die möglichst auf direktem Weg in die Forschung möchten», sagt Goldhahn.

Am KSB sollen die Studierenden möglichst viel selber üben. Eine Gruppe hantiert mit dem Ultraschall-Gerät. Auf der Trage liegt ein Student. Ein anderer drückt Gel auf den Schallkopf und hält diesen seinem Kollegen auf den Bauch. «Du darfst fester drücken», korrigiert ein Assistenzarzt. «Dann wird das Bild schärfer.» Die Augen der Studierenden fixieren den Bildschirm neben dem Schragen. «Das ist die Niere», sagt der Assistenzarzt. «Und hier haben wir die Leber.» Nach dem Kurs müssen die Studierenden noch nicht wissen, wie ein Ultraschall funktioniert: «Aber sie sollen merken, warum es wichtig ist, Anatomie zu lernen», erklärt Kubik.

Studis wollen mitgestalten

Yi Zheng ist nach dem Ultraschallen begeistert: «Ich bin mir vorgekommen wie ein richtiger Arzt», sagt der 18-Jährige. «Aber wenn uns niemand erklärt hätte, was man sieht, hätte ich auf dem Bildschirm nichts erkannt.» Er hat sich für das Medizinstudium an der ETH entschieden, weil es ihm etwas Neues bietet: «Die Digitalisierung und Big Data sind Teil des Studiums. Das hat mich angesprochen.» Auch seinem Kollegen Elian Hoof gefällt der «progressive Ansatz»: «Und ich finde es toll, dass wir der erste Jahrgang sind. So können wir das Studium mitgestalten», sagt der 17-Jährige.

Technologie ist einer der Schwerpunkte, die die ETH gesetzt hat. «Wir möchten, dass die Studierenden die Chancen und Risiken kennen und neue Technologien entsprechend einsetzen können», sagt Goldhahn. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Informationskompetenz. «Die Studierenden werden in Zukunft aus einer Flut von Informationen die richtige Information finden müssen», ist Goldhahn überzeugt. «Darauf möchten wir sie vorbereiten.»

Transfer in den Hörsaal

Ein Arzt muss sich auch in seine Patienten hineinversetzen können. Damit die Studierenden für die Gebrechen älterer Menschen ein Gefühl entwickeln, üben sie mit einem Alterssimulator. Ein Kopfhörer schränkt das Gehör ein, eine Brille die Sicht und Polster an Nacken oder Beinen versteifen die Gelenke. Gar nicht so einfach, so zu gehen.

Goldhahn ist nach dem Rundgang zufrieden: «Es freut mich zu sehen, wie engagiert alle sind.» Jetzt müsse es nur noch gelingen, die Erfahrungen aus der ersten Woche, in den Hörsaal zu transportieren. Dort warten viel Theorie und wenig verletzte Bananen.