Aufsichtsverfahren gegen KSA

Patientin sieht sich als Versuchskaninchen: Das wird Javier Fandino vorgeworfen

Javier Fandino war Chefarzt der Neurochirurgie am Kantonsspital Aarau. Ende April kam es Knall auf Fall zur Trennung.

Javier Fandino war Chefarzt der Neurochirurgie am Kantonsspital Aarau. Ende April kam es Knall auf Fall zur Trennung.

Das Gesundheitsdepartement untersucht in einem Aufsichtsverfahren schwere Vorwürfe gegen den ehemaligen Chefarzt Javier Fandino und das Kantonsspital Aarau. Die AZ erklärt, worum es genau geht.

2013 hat Javier Fandino eine Patientin mit einem Hirntumor behandelt. Die Operation hat für den Neurochirurgen ein Nachspiel: Die Patientin hat eine Klage gegen den Chefarzt eingereicht. Die Anwältin wirft ihm vor, er habe die Patientin ungenügend aufgeklärt und sie als «Versuchskaninchen» missbraucht. 

Javier Fandino soll der Patientin – ohne sie darüber informiert zu haben – vor der Hirntumoroperation die Substanz 5-ALA verabreicht haben. 5-ALA wird in der Neurochirurgie verwendet, damit der Chirurg im Operationssaal das kranke Tumorgewebe besser vom gesunden Hirngewebe unterscheiden kann. Die Patienten trinken wenige Stunden vor der Operation 5-ALA aufgelöst in Wasser. Die Substanz sammelt sich in den Tumorzellen an und bringt diese unter Blaulicht zum Leuchten.

Für Patienten mit bösartigen Tumoren entwickelt

5-ALA wird routinemässig angewandt. Allerdings nur bei bösartigen Hirntumoren. Fandinos Patientin hatte keinen bösartigen Tumor. Trotzdem hat er ihr die Substanz vor der Operation gegeben. Der pensionierte Neurochirurg Gerhard Hildebrandt schreibt in seinem Parteigutachten zum konkreten Fall der Fandino-Patientin, der Einsatz von 5-ALA sei «unnötig» gewesen. Die Fluoreszenztechnik sei für Patienten mit bösartigen Hirntumoren entwickelt worden.

Fandino sieht das anders. Er hat 5-ALA mehr als zehn Jahre lang routinemässig auch bei Patientinnen und Patienten mit gutartigen Tumoren angewandt. Das bestätigte er nicht nur gegenüber der «NZZ», das zeigt auch eine Studie, die er, zusammen mit anderen KSA-Ärztinnen und Ärzten, 2014 publiziert hat.

Die Studie wurde von der Ethikkommission nicht bewilligt. Fandino stellt sich laut «NZZ» auf den Standpunkt, dass es nie eine eigentliche Studie gegeben habe, deshalb habe es auch keine Bewilligung gebraucht.

Hirndruckmessungen mit umstrittenem Gerät

Die 5-ALA-Studie ist nicht die einzige umstrittene wissenschaftliche Arbeit. Im Rahmen einer anderen KSA-Studie wurden bei Patienten, die im Koma lagen – zum Beispiel nach einem Schädel-Hirn-Trauma – mit einem Gerät über das Auge den Hirndruck gemessen. Laut «NZZ» halten Kritiker dieses Gerät für «wenig verlässlich». Sie werfen Fandino nicht nur vor, dass er keine Einwilligung der Patienten habe. Sie sagen auch, dass der Einsatz des Messgerätes bei einer Beeinträchtigung des Sehnervs fatale Folgen haben könnte. Weil der Druck im Auge so stark erhöht wird, könnte der Sehnerv irreparabel geschädigt werden und der Patient erblinden. Fandino hingegen sagte gegenüber der «NZZ», es gebe keine wissenschaftliche Evidenz, dass die Messmethode zu Erblindung führen könne.

Schädel auf der falschen Seite geöffnet

Der dritte Vorwurf betrifft einen Fall aus dem Jahr 2019. Fandino soll in einer Teamsitzung erklärt haben, dass er bei einem Patienten die falsche Schädelseite geöffnet habe. Anstatt den Fehler offen zu kommunizieren, soll er ihn unter den Teppich gekehrt haben. Der Risikomanager des KSA erfuhr erst durch einen Informanten davon. Angesprochen auf den Vorwurf, lässt Fandino die «NZZ» wissen, man habe von Beginn weg eine beidseitige Schädelöffnung geplant.

Mitarbeiter kritisieren Führungsstil

Neben den Vorwürfen, welche die Behandlung von Patientinnen und die wissenschaftliche Arbeit des ehemaligen KSA-Chefarztes betreffen, geht es auch um seinen Führungsstil. Dieser war umstritten, wie die AZ aufgrund von Gesprächen mit mehreren KSA-Mitarbeitenden Ende Mai berichtete. Sie sprachen von einem Klima der Angst, einem Chefarzt, der sein Temperament nicht im Griff habe und seine Fähigkeiten gerne betone.

Zumindest intern dürften sowohl das Verhalten des Chefarztes als auch einige Vorwürfe schon länger bekannt gewesen sein. Mitarbeitende sagten zur AZ, die Geschäftsleitung habe Fandino lange nicht als Problem gesehen. Die Klinik für Neurochirurgie habe intern als Cashcow gegolten, also als sehr rentable Abteilung.

Javier Fandino weist die Vorwürfe zurück

Die Vorwürfe sind happig. Der ehemalige Neurochirurgie-Chefarzt Javier Fandino weist sie zurück, noch bevor das Gesundheitsdepartement überhaupt angefangen hat, sie zu untersuchen. Zur AZ sagte er: «Ich habe nichts Unethisches gemacht. Alle meine Studien wurden von der Ethikkommission bewilligt und die Patientinnen und Patienten aufgeklärt.»

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