Gewässerschutz

Pilotversuch: So will man im Aargau das Aalsterben verhindern

Nur rund zehn Prozent der Aale aus dem Bodensee kommen bei ihrer Wanderung rheinabwärts lebend in Basel an.

Nur rund zehn Prozent der Aale aus dem Bodensee kommen bei ihrer Wanderung rheinabwärts lebend in Basel an.

Beim Kraftwerk Wildegg-Brugg werden Fische erfasst, um eine Lösung zu finden, wie sie von den tödlichen Turbinen fernzuhalten sind.

«Qualvolles Aal-Gemetzel bei Kraftwerken im Rhein»: So weisen der Schweizerische Fischereiverband und die Gewässerschutz-Organisation Aqua Viva darauf hin, dass seit Jahren wandernde Fische in den Turbinen verenden. In einer Mitteilung berichten sie von verletzten, verstümmelten, zerhackten, getöteten Aalen. Fischer und Gewässerschützer fordern eine schnellere Sanierung der Kraftwerke und kritisieren, seit Jahrzehnten werde dem Fischsterben im Rhein nur zugeschaut.

Nicht nur der Aal, sondern alle wandernden Arten seien von der fehlenden Fischgängigkeit betroffen. Der Aal sei aber das prominenteste Beispiel, weil er mit rund 6000 Kilometern sehr weit wandere. Er versucht meist in den Wintermonaten aus dem Bodensee zurück ins Meer zu schwimmen und muss dabei mehrere Grosskraftwerke passieren. Diese sind laut dem Fischereiverband und Aqua Viva oft eigentliche Todesfallen für die schlangenartigen Fische.

Verbände fordern Sofortmassnahmen

Seit 2011 besteht der gesetzliche Auftrag, dass die Schweizer Kraftwerke fischgängig sein müssen. Die Frist läuft bis 2030, aber die Fischer und Aqua Viva haben grosse Zweifel, dass die Frist eingehalten wird. An kleineren Kraftwerken gebe es gute Umsetzungsbeispiele, um den Fischabstieg zu realisieren. Bei den grösseren Kraftwerken gebe es bisher aber noch keine Lösungen, die gesetzliche Umsetzung verlaufe sehr schleppend.

Häufig werde auf die laufende Forschung verwiesen, die aber erst in einigen Jahren Ergebnisse liefern werde – «zu spät insbesondere für den stark gefährdeten Aal», kritisieren die Verbände. Sie fordern Sofortmassnahmen, «um dem Sterben möglichst bald ein Ende zu setzen».

Wie viele Aale im Aargau sterben, ist nicht bekannt

Auch am Rheinabschnitt zwischen Kaiserstuhl im Zurzibiet und Rheinfelden im unteren Fricktal liegen mehrere grosse Wasserkraftwerke. Wie viele Aale in den Turbinen in Reckingen, Albbruck-Dogern, Laufenburg, Säckingen, Ryburg-Schwörstadt und Rheinfelden sterben, weiss Martin Huber, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesamt für Umwelt, nicht genau.

«Das lässt sich nicht sagen, wir haben dazu noch keine Zahlen», sagt Huber. Eine solche Erhebung wäre laut dem Experten auch schwierig, weil die Fische oft bei trübem Wasser oder höherem Pegelstand wandern. «Zudem werden tote und verletzte Fische rasch von Vögeln und anderen Fischen gefressen, darum wird bei weitem nicht jeder tote Fisch entdeckt», erklärt Huber.

Zwischen Bodensee und Basel sterben 90 Prozent der Aale

Das Bundesamt geht davon aus, dass aufgrund der zahlreichen Staustufen im Rhein nur rund zehn Prozent der abwandernden Aale die Schweiz lebendig verlassen. Anders gesagt: Auf dem Weg vom Bodensee bis nach Basel sterben 90 Prozent der Aale. Die fehlenden Fischschutz- und Fischabstiegs-Vorrichtungen bei Wasserkraftanlagen seien ein Problem für die Fischbestände insgesamt.

Zur Forderung nach Sofortmassnahmen heisst es beim Bundesamt für Umwelt, der Bau eines Fischabstiegs bei grossen Wasserkraftwerken im Hochrhein sei anspruchsvoll und brauche noch einige Jahre bis zur Umsetzung. Bereits in diesem Jahr werde mit einem Aalschutzkonzept mit Schwerpunkt auf der verbesserten Abwanderung nach konkreten Lösungen gesucht. Zudem werden mit zwei laufenden Pilotprojekten bei den Kraftwerken Wildegg-Brugg und Bannwil BE die Grundlagen für einen besseren Fischabstieg erarbeitet.

Während für den Aufstieg mit Fischtreppen oder Umgehungsgewässern heute ein guter Stand der Technik existiere, bleibe der schonende Fischabstieg eine Herausforderung, heisst es dazu im Projektbeschrieb. Die Fische orientieren sich flussabwärts meist an der Hauptströmung, die zu den Turbinen führt, was zu Verletzungen oder zum Tod der Tiere führen kann.

Projekt liefert 3D-Modell der Fischwanderung

Beim Projekt im Aargau werden Fische mit Sendern versehen und dann hydroakustisch erfasst. «Daraus ergibt sich ein dreidimensionales Modell, das uns zeigt, wo die Fische genau durchschwimmen, ob sie den Leitrechen folgen und welche baulichen Massnahmen sinnvoll sind, um den Tieren die Wanderung flussabwärts zu erleichtern», erläutert Martin Huber.

Ein ähnliches Projekt wurde in den letzten Jahren am Rhein durchgeführt, dabei wurde laut Huber aber untersucht, wie die Fische die Staustufen bei der Wanderung flussaufwärts überwinden. Für den umgekehrten Weg gibt es noch kein fertiges Patentrezept. «Das Aalschutzkonzept und die Pilotversuche sollen aufzeigen, wie die beste Lösung aussehen könnte», sagt der Fischexperte. Die Lösung muss einerseits wirksam sein und die Sterberate der Fische verringern, andererseits auch verhältnismässig und umsetzbar sein im Betrieb der Kraftwerke.

Kraftwerke werden für Massnahmen entschädigt

Die wichtigste Frage beim Pilotversuch in Wildegg-Brugg lautet: Sind Leitrechen an grossen Flusskraftwerken technisch umsetzbar – und wenn Ja, zu welchen Kosten? Der Verband Aare-Rheinwerke geht davon aus, dass erste belastbare Ergebnisse nächstes Jahr vorliegen.

Die beiden Projekte im Aargau und in Bannwil BE kosten insgesamt rund 3,5 Millionen Franken. Ungleich höher werden die Kosten ausfallen, um sämtliche Grosskraftwerke am Rhein fischgängig zu machen. Doch die nötigen finanziellen Mittel dafür sind bereits gesichert, wie Martin Huber vom Bundesamt für Umwelt sagt. Und sie müssen nicht von den Stromkonzernen getragen werden: «Für die Massnahmen werden die Kraftwerksbetreiber mit Mitteln aus dem Stromübertragungsfonds vollständig entschädigt», erläutert Huber.

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