BBC-Bau

Plötzlich kamen die Italiener in Scharen – und in den Dörfern profitierte man davon

Lange wurden in Birr Dampfturbinen gefertigt – hier ein Bild von der Feier zu 75 Jahre BBC im Herbst 1976 – heute werden sie dort repariert.

Lange wurden in Birr Dampfturbinen gefertigt – hier ein Bild von der Feier zu 75 Jahre BBC im Herbst 1976 – heute werden sie dort repariert.

Alles beginnt im Kleinen. So auch beim Bau der BBC-Fabrikhalle in Birr. Mit ihr kamen auch die Italiener in die Region – scharenweise.

Ein Megaprojekt. Nichts anderes war der Bau der Fabrikhalle in Birr für die BBC. Das 1891 von Charles Brown und Walter Boveri in Baden gegründete Unternehmen durchlebte in den 50er- und 60er-Jahren eine goldene Phase. Vor allem dank der Lancierung der ersten Gasturbine 1939. Man expandierte nach Übersee. Aber wuchs auch in der Schweiz. In Birr sollte die grösste Fabrikhalle Europas entstehen. Bis zu 2000 Mitarbeitende sollen darin zu Spitzenzeiten geschuftet haben.

Doch alles beginnt im Kleinen. Am Anfang war nur der BBC-Finanzchef und ziemlich viel Geld. Er ging von Bauer zu Bauer, kaufte ihnen das Land im Birrfeld ab, auf dem heute die BBC-Fabrikhalle steht. Ab 1957 wurde gebaut und Ende 1959 kamen die ersten Fabrikarbeiter von Baden nach Birr. Anfangs waren sie nur zu dritt, halfen den Bauarbeitern, die Fundamente zu legen für die tonnenschweren Montageplatten, auf denen später Grossmaschinen zusammengebaut wurden. Wasserkraftgeneratoren, Gasturbinenwerke, dergleichen.

Anfang der 70er in Birr: Mehr als zehn Nationen an einer Schule

Dann kamen die Menschen in Massen nach Birr. Denn an Geld mangelte es der BBC nicht, an Fachkräften aber sehr. Darum reisten die Verantwortlichen ins Ausland, vor allem nach Italien und Spanien, um Gastarbeiter nach Birr zu locken. Zuerst nur wenige, dann immer mehr. Bis zu 30 junge Männer an einem Tag, 18, 19 Jahre alt, Mechaniker direkt ab Ausbildung, kein Wort Deutsch.

Viele von ihnen fanden eine neue Heimat in der Wohnsiedlung «In den Wyden», wo zwischen 1961 und 1967 fast 600 neue Wohnungen entstanden. Finanziert von der BBC. Die Bevölkerung in Birr explodierte förmlich. Von 650 Einwohnern im Jahr 1960 wuchs sie innert zehn Jahren auf 2600 an. Von einst drei Klassen wuchs die Schule auf 13 Klassen.

Aus dem SRF-Archiv:

Indien, Schweden, Türkei – wie Birr 1971 den Schulalltag mit Kindern aus 14 Nationen meisterte

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45 Prozent der Primarschüler in Birr hatten Anfang der 70er-Jahre einen Migrationshintergrund. Ihre Eltern kamen aus der ganzen Welt, um bei der damaligen BBC zu arbeiten. Was das für den Schulalltag hiess, zeigt ein Beitrag aus dem Archiv des Schweizer Fernsehens.

Auch diesen Ausbau zahlte die BBC zum grössten Teil selbst. «Das Unternehmen hat sehr viel investiert in die zwei Dörfer Lupfig und Birr», betont Gemeindeammann René Grütter. Die Integration der Neuankömmlinge aber musste das Dorf stemmen. Grütter war damals selbst Schüler und sagt im Rückblick: «Das war eine Herausforderung.» Zu Beginn der 70er-Jahre waren fast 50 Prozent der Schüler ausländischer Herkunft, sie hatten Wurzeln in über zehn Ländern. Nach den Arbeitern aus Italien und Spanien kamen die Ingenieure und Manager aus England, den USA, Indien, China. 1999 war gar der chinesische Staatspräsident Jiang Zemin zu Besuch im Werk in Birr (siehe Bild oben).

Die Dörfer profitierten finanziell

Das Dorf entwickelt sich genauso wie die neuen Einwohner. Etliche der Alteingesessenen lernten Italienisch von den Gastarbeitern und ihren Familien. Und die Feuerwehren der Dörfer profitierten von der Betriebsfeuerwehr der BBC. 50 bis 60 Leute stark war sie, darunter auch rund 20 Gasschützler. Und immer wieder halfen sie grössere Brände in der Umgebung zu löschen. Auch beim Grossbrand in der Altstadt von Brugg standen sie im Einsatz.

Die Dörfer profitierten auch finanziell. Direkt durch die BBC und dank der vielen neuen Steuerzahlern. Jeden zweiten Freitag bekamen sie Lohn. Dann kam der Bus mit der grossen Kiste aus Baden angefahren. Mit zig tausend Franken, abgepackt in Hunderte Zahltagsäcklein. Jedes mit dem Namen des Arbeiters versehen. Die Zeiten haben sich geändert. Die BBC gibt es längst nicht mehr. Das einstige Megaprojekt gehört unterdessen General Electric, sie steht zu einem ordentlichen Teil leer. Wie gross die leerstehende Fläche ist, dazu macht die heutige Besitzerin keine Angaben.

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